Warum ich so bekloppt bin, wenn ich mich verliebe

Ich bin selbstbewusst, extrovertiert, kommunikativ – im Normalzustand. Schießen mir Glückshormone durch die Synapsen, schmeiß ich alles um.

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Das bin zwar nicht ich, aber so seh ich aus, wenn ich "bekloppt verliebt" bin. © hannesther/photocase.de/evali

Es gibt Menschen, die verlieben sich schnell und immer wieder. Ich gehöre nicht dazu. Ich verliebe mich ab und an. Dann aber heftig. Meist erfährt die Frau (ja, ich steh auf Frauen) gar nichts oder erst sehr viel später davon. Warum? Weil ich herausgefunden habe, dass wir doch nicht zueinander passen und meine Hormone bloß schneller waren als mein Gehirn ODER, weil es absehbar ist, dass sie sich nicht in mich verliebt (verdammt!).

Ignorieren, statt probieren

Ich verhalte mich in meinem Verliebtsein scheinbar noch unmöglicher, als alle anderen Verliebten, die auch an der Uhr drehen. Das äußert sich so: Ich hab‘ Herzrasen, wenn sie in meiner Nähe steht. Okay normal, kennt ihr. Alles, was ich sage, kommt mir unheimlich dumm vor – mir fehlen die Worte, obwohl ich, wie eingangs erwähnt, echt kommunikativ bin. Gut, kennt ihr auch. Ich ignoriere die Frau, auf die ich stehe einfach. Dreh mich eher weg, als zu ihr hin, antworte ihr eher spärlich bis gar nicht. Sprich, ich unterlasse so einiges, damit sie denken könnte, dass ich sie GROßARTIG finde. Kennt ihr? Falls ja, ich kann euch beruhigen: Ihr habt keinen an der Waffel.

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Bei euch und mir äußert sich Verliebtsein nur nochmal anders als bei anderen Rosarote-Brille-Romantikern. Ich bin der Sache in den letzten Wochen auf den Grund gegangen und habe meine Freunde gefragt, ob die das kennen, dieses bekloppte Verliebtsein. Manche ja, manche nein. Andere sind seit zehn Jahren in einer Partnerschaft und haben es vergessen.

Die, die es kannten, zeigten ähnliche Symptome: Von „Ich kann mit allen tanzen, nur mit ihm nicht“, über „Ich melde mich extra nicht, damit sie nicht denkt, dass ich ihr hinterherlaufe“ bis hin zu „Ich warte nur darauf, dass wir etwas zusammen machen, aber ich sage jedes Mal, dass ich nicht kann, damit es nicht so aussieht, als ob ich etwas von ihm will. Obwohl ich ja will.“ Heiland, Generation Y (WHY?!), da bist du wieder!

Es ist nicht Beziehungsunfähigkeit, sondern Beziehungsängstlichkeit

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Diplom Psychologin Miriam Junge, 35, ist Psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie und Gründerin und Geschäftsführerin von „„Junge und Kollegen“ Zentren für Psychotherapie und Coaching Berlin/Hamburg © privat

Sollte ich das Nichtzustandekommen von Liebe also als Generationsproblem abtun und mich damit abfinden, dass heutzutage eben alle bindungs- und beziehungsunfähig sind (#sosorrynotsorry)? Ich fragte die Psychologin Miriam Junge, was sie davon hält.

Sie sagt: „Liebe ist kein Generationsproblem. Es treten Beziehungsängste auf, die sich von früheren Generationen unterscheiden.“ Junge glaubt nicht an den Begriff  „Beziehungsunfähigkeit“, sondern nennt diesen „Beziehungsängstlichkeit“. Aha, wir haben also Angst! Die entstehe, so die Psychologin, „unter anderem durch eine viel größere Verfügbarkeit potenzieller Partner“, Stichwort: Online-Dating, „unsere schnelllebigere Gesellschaft und diverse Themen, die das Entwickeln einer Liebe nicht mehr so traditionell ablaufen lassen, wie in vorangegangenen Generationen.“

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Gut, halten wir fest: Es gibt gegenseitige Liebe (das ist ja schonmal beruhigend), sie kommt eben heute nur anders zustande als zu Zeiten ohne Tinder und Elite Partner. Okay. Aber warum verhalten sich manche Partner*innensuchende nun konträr dazu, wie man sich verhalten sollte, um jemanden zu bezirzen?

Verhalten beim Verliebtsein ist von Persönlichkeitseigenschaften abhängig

„Das hängt wahrscheinlich mit der jeweiligen Persönlichkeit zusammen“, sagt Junge, „wenn du ein offener, extrovertierter Typ bist, bist du überschwänglicher. Wenn du introvertiert bist und viele Dinge mit dir selbst ausmachst, bist du eher der, der kein Wort mehr herausbringt. Die anderen plappern einfach viel mehr.“

Es seien eine Menge Persönlichkeitseigenschaften, die beim Verliebtsein mit hineinfließen würden. Bei jedem, und das könne sie nur mutmaßen, sei es sehr stark davon abhängig, wie die- oder derjenige sozialisiert sei und wie er sonst kommuniziere. Ein eher schüchterner Mensch verhalte sich grundsätzlich auch eher schüchtern, wenn er verliebt ist. Wohingegen Extrovertierte, schneller ihre Gefühle  zeigen würden. Sich komplett konträr dazu zu verhalten, was man eigentlich zeigen möchte, sei höchstwahrscheinlich ein Schutzmechanismus, der aus schlechten Erfahrungen und Ablehnung resultiere.

Ooops, da hab‘ ich also meine Antwort: Ich will nicht enttäuscht werden und zeige mich deshalb eher desinteressiert. Doof! Trotzdem kann ich mich ja verlieben. Wie passiert das überhaupt? Junge beschreibt es mir als ein inneres Abgleichen nach Gemeinsamkeiten derjenigen, die ich toll finde. Mein Körper will unbewusst herausfinden, ob unsere Übereinstimmungen meine Bedürfnisse befriedigen können. Hui =)

Checkliste abhaken = Chemie stimmt

Jede*r hätte so eine Art innere Checkliste, die er/sie nach Kriterien wie Sexualität, emotionales Verstehen, Geborgenheit, finanzielle Sicherheit, Selbstwerterhöhung abhake. Das, was dabei herauskäme, sei dann die „Chemie“ zwischen zwei Menschen. „Je mehr man glaubt, dass seine potenziellen Wünsche und Bedürfnisse in Erfüllung gehen, umso wahrscheinlicher verliebt man sich. Und das sind dann Signale, die ans Gehirn gesendet werden und das Verliebtheitsgefühl verursachen“, sagt Junge.

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Verliebtsein ist wie ein Rausch: Ich schlafe weniger, esse weniger, bin trotzdem fitter und noch durcheinandererer. Ihr kennt das. Schuld sind – tada – Hormone: „Adrenalin sorgt für erhöhte Anspannung, Schwitzen, zitternde Knie, Rotwerden, Atemnot“, sagt Junge. „Außerdem sinkt der Serotoninspiegel, das sorgt für innere Unausgeglichenheit und pubertäre Stimmungsschwankungen“, prima ich benehme mich also wie eine 15-Jährige in einem 28-jährigen Körper, kommt sicher gut an. Immerhin würden Dopamin und Endorphine für innere Höhenflüge sorgen und Zuversicht auf eine gemeinsame glückliche Beziehung geben. Hach.

Wem das alles zu viel ist, den muss ich enttäuschen: Man kann sich nicht ent-verlieben. Diesen Zustand „wegzubekommen“ gehe nur, sagt Junge, „wenn man sich total zurücknimmt und kontrolliert und mit Atem- und Konzentrationsübungen arbeitet.“ Im Grunde ist Verliebtsein aber ein Zustand nach dem jede*r strebt. Hat man ihn (gemeinsam) erreicht, wird er irgendwann zu Liebe und der Körper atmet durch. Oxytocin wird ausgestoßen. Ein Hormon, das dem Körper Nähe und Verbundenheit mit dem Partner signalisiert und ihm die Möglichkeit zu einer langfristigen Bindung gibt.

Also liebe Liebenden, liebt los!