Adoption: Warum haben mich meine Eltern damals weggegeben?

In Berlin gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe für erwachsene Adoptierte. Die 22-jährige Dana erzählt, wie ihr die Teilnahme geholfen hat.

In Berlin gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene, die über ihre Adoption sprechen wollen. Leah Kelley/Pexels

Dana ist drei Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter spazieren geht und eine hochschwangere Frau sieht: „Hattest du auch so einen dicken Bauch, als ich bei dir drinnen war?“, will sie wissen. Ihre Mutter hält kurz inne, dann schüttelt sie den Kopf. „Du bist zwar aus einem Bauch herausgekommen“, erklärt sie, „es war aber nicht meiner.“

Später lernt Dana ihre leibliche Mutter kennen. Eine Suchagentur macht sie im Auftrag ihrer Adoptivfamilie für sie ausfindig. Und sie erfährt auch, warum sie zur Adoption freigegeben wurde: „Meine leibliche Mutter war damals noch sehr jung und sie hatte schon vier Kinder, ich war das fünfte. Ihr Mann, also mein Vater, war mit der Situation so überfordert, die ganze Familie ernähren zu müssen, dass er sie vor die Wahl gestellt hat: Entweder du gibst das Kind weg oder ich lass mich von dir scheiden.“

Heute ist Dana 22 und hat Verständnis für die Entscheidung ihrer leiblichen Mutter. Den Schmerz mildert das aber nicht: „Meine Geschwister durften alle dableiben. Warum ich nicht?“

Warum ich?

Die Frage nach dem Warum begleite Adoptierte ihre Leben lang, sagt die Diplompädagogin und Familientherapeutin Ursula Schanzenbach. Sie ist eine der beiden Initiatorinnen der neuen Selbsthilfegruppe für erwachsene Adoptierte – die einzige dieser Art in ganz Berlin.

„Viele suchen die Schuld bei sich selbst. Sie glauben, irgendetwas an ihnen sei falsch.“ Um seinen Frieden mit dem Adoptionsthema zu finden, sei es jedoch entscheidend zu realisieren, dass es nicht an einem selbst liege, dass man weggeben wurde, erklärt Schanzenbach. Die Gruppe helfe den Betroffenen dabei, zu dieser Erkenntnis zu gelangen: „Die Teilnehmer stecken in verschiedenen Lebensphasen. Auf jemanden zu treffen, der einige Jahre älter ist und gelernt hat damit zu leben, gibt Hoffnung, es selbst auch zu schaffen“, berichtet die Diplompädagogin.

Die Weisheit der Gruppe, ihr gesammelter Erfahrungsschatz, ist auch für Dana wertvoller als jeder therapeutische Rat: „Die Mitglieder wissen zu 100 Prozent, wovon ich spreche. Nirgendwo sonst werde ich so verstanden.“

Vertrauen lernen

Eine Sache, unter der Dana nach wie vor leidet, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt wie früher, ist ihre Angst vor dem Verlassenwerden: „Zwischenmenschliche Beziehungen sind schwer für mich, weil ich immer hinterfrage, will der mich wirklich? Und wird das auch so bleiben oder schickt er mich wieder weg?“ Eine Zeit lang habe sie das Verlassenwerden sogar provoziert: „Ich habe in Streits super viel auf die Spitze getrieben, nur um dann zu sehen, dass meine Adoptivfamilie mich trotzdem nicht weggibt. Erst mit 16 habe ich realisiert, dass ich hier wirklich bleiben darf.“

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Mit diesem Verhalten ist Dana in der Gruppe nicht alleine. „Sich auf Beziehungen einzulassen und zu vertrauen, fällt vielen Adoptierten schwer“, sagt die Diplompädagogin Ursula Schanzenbach. „Insbesondere dann, wenn man erst spät darüber informiert wurde. Manche erfahren es erst beim Standesamt, wenn sie die Abstammungsurkunde anfordern. Sie sind jahrzehntelang mit einer Lüge aufgewachsen.“

Auch Trennungen seien häufig schwer besetzt, erzählt die Initiatorin der Selbsthilfegruppe: „Man kann von Trauma reden. Kinder, die adoptiert wurden, sind einmal weggegeben worden und haben einen Systemwechsel gemacht, ohne etwas davon mitzukriegen. Das ist etwas, das ganz tief verunsichert.“ Diese Verunsicherung ginge oft mit einem mangelnden Selbstwertgefühl einher.

Raus aus der Opferrolle

Es sei für die Betroffenen aber genauso wichtig, sich bewusst zu machen, dass nicht alle ihre Probleme mit der Adoption zusammenhängen, fügt Schanzenbach hinzu. Für Dana war diese Erkenntnis ein Befreiungsschlag: „Mit 16 hatte ich ein inniges Gespräch mit meiner leiblichen Mutter. Sie hat mir gestanden, wie weh ihr das Ganze tut und wie sehr sie gelitten hat. Das hat mich aus der Opferrolle rausgeholt.“

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Seitdem ist der Kontakt zwischen den beiden jedoch wieder merklich abgekühlt. „Meine Mutter und meine Geschwister gehen nicht sehr liebevoll miteinander um. Ich bin so nicht aufgewachsen, ich kenne das nicht. Wenn ich zu lange mit ihnen zusammen bin, werde ich aber auch so und das gefällt mir nicht.“ Das sei einer der Gründe, mutmaßt Dana, warum sie ihre leibliche Familie momentan nicht mehr so häufig sehe.

Loyalitätskonflikt lösen

Trotzdem bereut Dana es nicht, sie gesucht und kennengelernt zu haben. Ihre inneren Konflikte hat die Begegnung jedoch nicht gelöst. Ganz im Gegenteil. Es kamen Neue dazu. In der Selbsthilfegruppe nimmt deshalb nicht nur die Suche nach den Eltern, sondern speziell auch die Phase danach großen Raum ein. „Adoptierte erleben im Anschluss häufig einen großen Loyalitätskonflikt“, sagt Ursula Schanzenbach. „Wem sollen sie sich nun zugehörig fühlen: der Adoptivfamilie oder der leiblichen?“

Für Dana ist diese Frage inzwischen klar beantwortet. „Ich bin froh bin, dass ich hier in dieser Familie bin. Meine leibliche Mutter hat nach mir nochmal zwei Kinder bekommen. Da geht ganz schön die Post ab“, sagt sie und lacht. Ihren leiblichen Vater hat sie jedoch nie kennengelernt: „Er hat meine leibliche Mutter kurz nach meiner Geburt verlassen und hat bis heute nicht wirklich eingesehen, dass es mich gibt.“

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Das zu akzeptieren, sei ihr allerdings nicht sonderlich schwer gefallen: „Ich weiß es klingt hart, aber im Endeffekt halte ich ihn für den Schuldigen, dass das alles so gekommen ist. Deshalb brauche ich diesen Mann nicht. Es ist schön, dass er mir und meinen Geschwistern das Leben geschenkt hat und ansonsten ist er für mich ein Mensch wie jeder andere.“

Auch wenn Dana in den letzten Jahren Stück für Stück Frieden damit geschlossen hat, adoptiert worden zu sein, wird sie das Thema für sich nie ganz beenden können: „Es werden immer wieder irgendwelche Sachen auftauchen, irgendein Schmerz. Der ist einfach da, ganz tief drinnen. Den kann man nicht einfach abschalten.“

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