Warum Insider-Witze so wichtig für eine gute Freundschaft sind

Insider schweißen Freunde noch mehr zusammen. Aber man sollte es mit den Witzen nicht übertreiben.

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Insider-Witze schweißen Freunde zusammen. Photocase

Noch fix ein XXL-Schnitzel als Grundlage oder direkt auf Pfeffis in die Absturzbar? Müssen wir auf Till und Feli warten oder kommen sie später nach? Endstation WG-Sause oder schlecht tanzen im Club? Wenn in meinem Freundeskreis etwas unklar ist, reagieren wir auf Nachfragen mit einem knappen „Vertrau dem Prozess“. Immer mit der Ruhe, alles Schritt für Schritt, „vertrau einfach dem Prozess.“

Der Spruch stammt aus einer fernen Sommernacht, seitdem gehört er nicht nur zu jedem unserer Abende fest dazu: Der Spruch gehört uns. Wenn er jemand anderem über die Lippen kommt, klingt er peinlich und irgendwie nachgemacht. So authentisch und cool wie ein Rap von Edeka: gar nicht.

Solche Insider-Witze gibt es in jedem Freundeskreis. Sie haben eine wichtige Funktion: „Insider macht man, um sich als exklusives Mitglied einer bestimmten Gruppe zu identifizieren, sagt Dr. Oliver Dimbath vom Lehrstuhl für Soziologie an der Uni Augsburg. „Zum Beispiel durch das Verbiegen eines lateinischen Zitats, das nur die anwesenden Mediziner und Juristen verstehen.“

Insider sind Klebstoff für Freundschaften

Der Insider kann die Gruppenidentität von Freunden stärken. Er schweißt zusammen. Gleichzeitig grenzt er andere aus, die nicht über das gruppenspezifische Wissen verfügen, um ihn zu verstehen. Für Außenstehende wirkt eine Gruppe, die sich permanent empfiehlt, doch bitte dem Prozess zu vertrauen, womöglich bekloppt – und dieses Unverständnis macht den Spruch noch besser. Dimbath geht davon aus, dass der Insider-Witz dann besonders gut funktioniert, wenn ein Outsider ihn mitbekommt. „Ansonsten ist er einfach nur ein Witz.“

[Außerdem auf ze.tt: Nur die Hälfte deiner Freunde mag dich wirklich]

Das ist allerdings ein Problem: Als Outsider fühlt man sich unwohl, im schlimmsten Fall kommt es zum Streit, wenn ein Outsider sich ständig die Witze einer Gruppe anhören muss und nicht mitlachen kann. „In autoritären Systemen können Insider auch lebensgefährlich sein“, sagt Dimbath und nennt als Beispiel eine Szene aus dem Film „Sein oder Nichtsein“ von 1942. Darin treffen ein SS-Gruppenführer und ein Professor aufeinander. Der Gruppenführer erlaubt sich einen Insider gegen Hitler und weil der Professor den Witz als unangemessen empfindet, fürchtet sich der SS-Mann davor, denunziert zu werden.

„So kann es die Funktion des Insider-Witzes sein, einen Eindringling auffliegen zu lassen“, sagt Dimbath. „Im Film spielen die Protagonisten jedoch mit der fraternalisierenden Funktion des Insider-Witzes, indem sie sich gegenseitig die Zugehörigkeit aberkennen – der als Insider angebrachte Witz wird als unangemessen kommentiert.“

Insider vor den falschen Leuten zu bringen, kann in Diktaturen lebensgefährlich sein. In unserer sicheren Umgebung können sie zumindest nervig werden. Gerade wenn man in einer Gruppe unterwegs ist und neue Leute kennenlernen will, sind Insider ein No-Go: Zu viele können potentielle Freundschaften im Keim ersticken.