Warum ist es für uns befremdlich, wenn Männer statt Frauen in einem Film vergewaltigt werden?

Ein Musikvideo, in dem ein Mann vergewaltigt wird, verstört und zeigt, wie abgestumpft wir gegenüber Gewaltszenen an Frauen sind.

Was ist das für eine Kultur, in der die Vergewaltigung von Frauen völlig ubiquitär ist und die von Männern – wenn sie denn vorkommt – behandelt wird wie ein Witz? © Andreas Siegel / photocase.de

Warnung: In diesem Text wird sexueller Missbrauch thematisiert. Das kann für einige Leser*innen emotional belastend sein. Falls du Opfer sexuellen Missbrauchs geworden bist, findest du am Ende des Textes eine Liste von Hilfsangeboten.

Da ist diese Frau auf dem Schrottplatz. Sie trägt Jeans, ist ungeschminkt und läuft, als wäre ihr dabei ein Penis zwischen den Beinen im Weg. Sie fährt einen dicken BMW, das Auto als männliches Statussymbol Nummer eins. Sie verschlingt ein Brathähnchen an einer abgeranzten Bude und wird dort bedient von, richtig, einer Frau. Überhaupt gibt es in dieser Welt zwischen Schrottplatz und deutscher Landstraße nur Frauen. Erst denke ich, dass dieses Musikvideo irgendwie ganz witzig ist. Ich mag Rollenumkehr. Denn selbst wenn sie erst mal wie ein einfaches Mittel scheint, sagt sie uns sehr viel darüber, wie Männer und Frauen in der Gesellschaft wahrgenommen werden.

Ich habe mal 300 Seiten eines Buches gelesen, bis mir auffiel, dass darin bislang keine einzige weibliche Figur vorkam – und dabei bin ich hart feministisch unterwegs. Tatsächlich fiel mir das Fehlen der Frauen erst dann auf, als irgendwann die erste Frau als Geliebte auftrat und ich die Darstellung ätzend fand. Eine zweifelhafte Darstellung gibt eben gleich mehr Munition für Kritik als völlige Abwesenheit. Doch jetzt sehe ich ein Video, das nur ein paar Minuten geht und denke schon nach drei Sekunden, Moment mal, hier ist doch was anders: Schrott, Abgefucktheit, leere Straßen, Frauen. Zwischendrin ist da noch der goldene Boxhandschuh, der am Rückspiegel baumelt und mich an den Film Fightclub erinnert.

Fleischbeschau und Zwangsprostitution

Doch die Frau geht nicht in einen Untergrundfrauenkampfclub. Das schäbige Gewölbe, das sie betritt, beherbergt keine schwitzenden und blutenden Frauenkörper, die miteinander rangeln, sodass sich Dudes an der Darstellung aufgeilen können. Im Gegenteil. Auf dem Boden liegen geschundene Männerkörper, zarte Gestalten; sie wirken ein wenig abgemagert, sie sind passiv und wehrlos.

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Vielleicht würden sie bekleidet vom Typ Röhrenjeans-Hipster wirken, so aber werden Assoziationen von Menschenhandel wach. Die Protagonistin begutachtet das Gebiss von einem der Männer. Das Gebiss sagt erst mal nicht viel über einen Menschen aus, aber eben deshalb ist die Geste brutal, mächtig und entwürdigend.

Sie wirft ihn beiseite und geht zum nächsten. Den nimmt sie mit in einen abgetrennten Bereich. Die weißen Planen, die sie dabei beiseite schiebt, sehen aus wie die Sparversion von irgendwelchen wallenden weißen Tüchern, wie man sie sonst aus der Parfümwerbung kennt. In solchen Werbeclips steht dann meistens eine zarte junge Dame mit wallendem Haar, die sich – aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen – immer mit ihren eigenen Händen ins Gesicht fasst und irgendwas in die Kamera haucht. Die einzige Parallele bleibt aber die weiße Plane.

Sind wir abgestumpft?

Die Frau vom Schrottplatz wirft den Mann auf eine alte Matratze und präpariert einen Strap-on. Ich will die folgende Szene nicht beschreiben, denn sie ist schlimm. Am präsentesten ist für mich vor allem die Frage, ob ich das alles anders wahrnehmen würde, wenn die Rollen umgedreht wären. Denn Vergewaltigung von Frauen ist ein so beliebter Plot Point in Filmen und Serien, dass ich mich schon beinahe daran gewöhnt habe.

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Als Person, die es selbst erlebt hat und viele Frauen kennt, denen es genauso geht, kann ich sagen: Ich will mich nie daran gewöhnen. Und trotzdem muss ich mich jetzt fragen, ob ich vielleicht doch abgestumpft bin. Nicht gegen die Vergewaltigung an sich, sondern gegen die Darstellung vergewaltigter Frauen. Einfach deshalb, weil ich sie immer und immer und immer wieder gesehen habe.

Der plumpe Umgang mit Vergewaltigung im alltäglichen Sprachgebrauch

Aber was ist das für eine Kultur, in der die Vergewaltigung von Frauen omnipräsent ist und die von Männern – wenn sie denn vorkommt – behandelt wird wie ein Witz. „I’ll make you squeal like a pig“, ist so ein Satz, der in die englischsprachige Populärkultur eingegangen ist. Es gibt Menschen, die tragen T-Shirts auf denen das steht. Aber er kommt aus einer männlich-männlichen Vergewaltigungsszene aus dem Film Deliverance. Was zur Hölle ist da los?

Gefickt zu sein ist so ein Ausdruck, den man selten hinterfragt. Aber wenn ich vom Leben gefickt bin, dann haben äußere Umstände Macht über mich und ich bin hilflos und muss es mit mir machen lassen. Und ficken, das ist eben das aktive Eindringen. Vielleicht verändert es also etwas, wenn nicht ein Mann eindringt, sondern eine Frau?

Können Männer es nicht ertragen, Gewalt am eigenen Geschlecht zu sehen?

Aus dieser Frage scheint die Idee zu dem Video entstanden zu sein. Sie kam der Regisseurin Hanna Seidel bei einem Kurzfilmfestival: „Dort zeigten vier Filme hintereinander Vergewaltigungen an Frauen und das ziemlich explizit“, sagt sie. „In einem weiteren rächten sich zwei Frauen an ihrem Vergewaltiger, indem sie ihn selbst vergewaltigten. Reihenweise Männer verließen das Kino, weil sie sich das nicht anschauen wollten.“

Was ist das denn? Da finden irgendwelche Dudes Game of Thrones mega toll – jaja, ich auch – und ziehen sich eine Vergewaltigung nach der nächsten rein und dann sind die Rollen einmal umgedreht und schon überschreitet das eine Grenze? Trigger sind natürlich subjektiv und wir können nicht immer kontrollieren, was uns schockt. Doch diese Diskrepanz ist durchaus bemerkenswert.

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Genau das gefällt mir an Seidels Video: Es driftet niemals ab in ein „Haha! Guck, euch passiert das auch!“ Man kann sich nicht mit der Täterin solidarisieren, dafür ist die Szene viel zu brutal. Die Figur handelt nicht feministisch, sie handelt gewalttätig. Sie will die Befriedigung um der Befriedigung willen, sie genießt die Macht und scheißt dabei auf andere. Es gibt keinen Anlass und keine Rechtfertigung für diese Tat, so wie wir es sonst aus vielen Rape- and Revenge-Filmen kennen.

In diesem Genre kann man wenigstens noch behaupten, dass die Person es irgendwie verdient hat, auch wenn das sehr zweifelhaft ist, und das kann als narratives Sicherheitsnetz für die Darstellung von Vergewaltigungen an Männern dienen. Das Opfer war eben vorher Täter und wer sich nicht zum Täter macht, wird auch nicht vergewaltigt.

Wir sollten nachdenken

Doch die wenigsten Vergewaltigungsgeschichten mit Frauen als Opfer beginnen mit ihnen als Täterinnen. Frauen haben dieses narrative Sicherheitsnetz nicht. Sie gucken sich ständig an, wie da jemand stellvertretend für sie vergewaltigt wird. Einfach so. Ohne Grund. Einfach nur, weil der Vergewaltiger die Macht liebt, ficken will oder sonst wie ein verdammtes Arschloch ist.

Hanna Seidels Video sagt deshalb nicht: haha. Aber irgendwie sagt es: Guck mal. So fühlt es sich an, so etwas zu sehen, wenn du dich mit dem Opfer identifizierst, und sei es nur, weil es dasselbe Geschlecht hat wie du. Mir tut das weh und ich möchte glauben, dass es mir gleich weh tut, egal ob das Opfer ein Mann oder eine Frau ist. Doch genau deshalb brauchen wir ein ernsthaftes Gespräch über die Geschlechterrollen, damit wir allen Menschen gerecht werden, denen dieses oder ähnliches angetan wurde.


Hol dir hier Hilfe

Bist du selbst Opfer sexueller Gewalt geworden und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Hier findest du eine Datenbank mit bundesweiten Hilfsangeboten. Möchtest du lieber mit jemandem persönlich sprechen, kannst du zum Beispiel beim Hilfetelefon unter: 08000 116 016  rund um die Uhr jeden Tag kostenlos anrufen. Hier kannst du auch mit Expert*innen chatten und dich beraten lassen oder einfach nur deine Sorgen loswerden.