Warum es im Leben keine Fehlentscheidungen gibt

Erst als ich meine größte Fehlentscheidung im Leben korrigiert hatte, lernte ich: Es war eigentlich gar keine. Ein Gedankenspiel über den Lerneffekt des Scheiterns.

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Es geht weiter. © bless this mess / photocase.de

Ich komme hier nicht raus. Ich habe einen Fehler begangen und ich werde ihn nicht korrigieren können. Wie habe ich mir selbst das hier gerechtfertigt? Wieso habe ich nicht genug vorausgedacht? Warum nur habe ich diese Entscheidung getroffen?

Es ist ein beklemmendes Gefühl, zu denken, man habe eine unverrückbare Fehlentscheidung gefällt. Je weitreichender die Konsequenzen, desto mehr fühlt man sich, als steckte man in einer Schraubzwinge. Druck im Kopf, Druck von Außen, alles unter Druck.

Das Schlimmste an der resultierenden Unzufriedenheit ist der Gedanke, dass man doch selbst Schuld an der Misere sei. Das lässt einen schier verzweifeln. Man bereut. Es ist das Wissen, sich selbst gegenüber versagt zu haben.

Wie ich anhand meiner eigenen Geschichte feststellen konnte, ist das ein Trugschluss. Es gibt immer einen Weg raus aus vermeintlich falschen Entscheidungen. Nur den ersten Schritt müssen wir – wie so oft – selbst gehen.

Erst Distanz lässt analysieren

Ich selbst steckte vor einigen Jahren in so einer Situation. 2009 entschied ich, einen Vertrag bei der Bundeswehr zu unterschreiben. Ich hatte naive Vorstellungen im Kopf, dachte, im Grunde sei das ja eine gute Sache. Ich sollte fortan neun Jahre dort sein, als Soldat. Während der ersten zwei Jahre dort tat sich aber etwas in meinem Kopf. Ich erkannte, dass ich nie wirklich Soldat werden sein könnte. Meine Einstellungen drehten sich komplett, bissen sich dann mit meinem Alltag. Ich kam nicht mehr auf den Gedanken klar, eine Armee zu unterstützen, entwickelte eine Abneigung Waffen und dem System Militär gegenüber.

Ich konnte unmöglich länger dort bleiben, allein die Vorstellung machte mich krank. Aber Menschen haben eine Art psychisches Immunsystem. Sie rechtfertigen sich gerne selbst, was sie tun, konstruieren sich quasi ihr eigenes Glück. Es brauchte ein weiteres Jahr, bis ich mir selbst klarmachen konnte, etwas ändern zu müssen. Dann war ich bereit zu tun, was auch immer dazu notwendig war – in meinem Fall die nachträgliche Kriegsdienstverweigerung nach vier Jahren.

Man stelle sich Ehepartner vor, die einen großen Teil ihres Lebens unglücklich leben, der Kinder wegen, des Standings wegen, der Angst des Alleinseins wegen – sie trennen sich erst dann, wenn ihr Ich beinahe komplett zerfressen ist. Es ist faszinierend: Die Zeitspanne von dem Moment, an dem man erstmals wahrnimmt, dass man unglücklich ist, bis zu dem Moment, an dem man sich dazu durchringt, daran zu arbeiten, kann Minuten, Monate oder Jahrzehnte umfassen. Je nach Lebensumstand. Der Fähigkeit zum Selbstbetrug sei Dank.

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Das Gefühl ist fast immer dasselbe: Man durchlebt eine Phase, in der sich Reue mit Bedauern mischt, in der wir gefühlte Defizite oder verpasste Gelegenheiten ganz intensiv wahrnehmen. Man sucht nach Gründen dafür. Nicht selten macht man dann das Umfeld dafür verantwortlich, sieht im Alltag zuerst die negativen Aspekte. Es ist wie eine Ohnmacht, in der man nicht fähig zu sein scheint, seine Situation aus der Distanz zu hinterfragen.

Dabei ist das der Schlüssel: Man muss aus diesem Haufen aus Scheiße, in dem man da feststeckt, heraustreten, ihn betrachten, als Außenstehende*r genau studieren und als genau das benennen, was er ist: Ein Haufen aus Scheiße. Ist der Abstand zu Problemen erstmal da, kann das sehr beruhigend wirken. Ich zum Beispiel war erst dann fähig, zu analysieren und aktiv an einer Lösung arbeiten.

Welche Umstände haben denn überhaupt zu der Entscheidung geführt? Dann wird auch klar: Nicht die Entscheidung an sich war falsch, sondern die Umstände, die dazu geführt haben, so zu entscheiden. Oder wie sie getroffen wurde. Rational und gut durchdacht? Oder folgte man einem Bauchgefühl? Eine Mischung aus beidem?

Eine „falsche“ Entscheidung korrigieren

Aber wie kommt man raus aus dem Struggle und lernt daraus? Ich habe drei Phasen beobachtet:

  1. Erkennen, dass etwas falsch läuft: Ich bin das erste Mal unglücklich mit der Gesamtsituation, ohne dass ich benennen könnte, was los ist. Und doch erkenne ich, dass etwas falsch läuft und ich etwas ändern muss. Wie ich das konkretisieren kann? Ich teile Gedanken mit Freunden und Familie, führe Gespräche und gewinne mit der Außenansicht die oben angesprochene Distanz zu meinen Problemen. Und, ganz wichtig: Ich erkennen sie überhaupt als Probleme an und benenne sie auch so.
  2. Einen radikalen Plan schmieden: Wenn ich soweit sind, beginne ich mit der umfassenden Problemanalyse und schmiede schon unbewusst erste Pläne, um die Fehler zu beseitigen. Das kann radikal sein, mal bedeutet es die Trennung, mal der Auszug, mal der Jobwechsel. Wie ich die Fehlerkorrektur angehe, ergibt sich aus der Situation meist ganz von selbst – weil ich plötzlich eine andere Position eingenommen habe. Wie ich also die Situationen meiner Freunde in Gesprächen unbefangen bewerten kann, so kann ich nun auch meine eigene bewerten.
  3. Der Lerneffekt: Ist die Situation gelöst, ist es, als würde plötzlich eine Last von meinen Schultern fallen. Ich werde entspannter, gelöster. Jetzt kann ich die Vergangenheit rekapitulieren. Ich weiß dann, was ich im Leben nicht mehr will – im Grunde kann man seiner „Fehlentscheidung“ dafür sehr dankbar sein.

Psycholog*innen sind sich mittlerweile sicher: Fehlentscheidungen gibt es nicht. Viel eher statten Rückschläge Menschen mit neuen Erkenntnissen aus. Das ist zwar leicht gesagt, weil man sich ja trotzdem schlecht fühlt, während man drin steckt; aber ein kleine Änderung in der Lebenseinstellung kann schon helfen, alles nicht mehr so tragisch zu sehen und daraus für die Zukunft zu lernen.

Es ist, provokant gesagt, lächerlich, sich selbst für welche Entscheidung auch immer zu geißeln. Wenn sie wissentlich getroffen wurde, wurde sie unter Abgleich des bisherigen Wissens- und Kenntnisstands, der Erfahrungen, der jeweiligen emotionalen Situation getroffen. Manche Dinge hat man einfach nicht in der Hand. Und woher soll der Weitblick eigentlich kommen, wenn doch jede*r von uns gerade das erste Mal auf der Welt ist?

Hilfreich sein kann es, sich vor Entscheidungen in einen selbstironischen try-and-error-Modus zu versetzen und sich selbstbewusst die Frage zu stellen: „Was soll denn schon passieren?“

Eine weitere wichtige Erkenntnis: Die wenigsten Entscheidungen im Leben sind absolut. Das ist doch das schöne daran: Ich kann frei für etwas entscheiden, danach gegen dasselbe, ich kann mich währenddessen um entscheiden – oder mich bewusst nochmal für dasselbe entscheiden. Keine Entscheidung wird eine falsche gewesen sein, weil sie mich Stück für Stück zu einem reflexiven Menschen macht.

Falsch ist tatsächlich nur eines: Eine Entscheidung gar nicht erst zu treffen – aus Angst, es könnte eine falsche sein.