In Leipzig ist derzeit fast nichts hipper, als auf Kräuterwanderung zu gehen

Elf junge Menschen in Leipzig entdecken die Kräuterwelt vor der eigenen Haustür wieder für sich. Über den neuen Foodhype und die Sehnsucht nach Natürlichkeit.

André, der Wanderungen im Leipziger Umland anleitet, im Bärlauchhein. © Marie Ludwig

Sie tasten, riechen und kauen. Auf einer Wiese in einem Leipziger Park stehen elf Menschen im Kreis. Ihre Augen sind geschlossenen. Es nieselt. Was auf den ersten Blick wie ein Ritual wirkt, ist eigentlich eine Unterrichtsstunde über die Natur: eine Kräuterwanderung. In Leipzig ist das ein neuer Foodtrend.

„Und jetzt sagt mir, was ihr fühlt.“ Pelzige Blätter.

„Was ihr riecht.“ Herbe Würze.

„Was ihr schmeckt.“ Eindeutig Minze, aber ein bisschen bitterer.

Katzenminze. © Marie Ludwig

„Das ist Katzenminze“, löst André auf und hält ein Büschel Kräuter mit violetten Blüten hoch. André Freymann ist Kräuterwanderer, trägt die Haare lang, einen Vollbart, Wanderschuhe und Cordhose und hat durch das viele Draußensein einen gesunden Teint.

Der Kreis rottet sich um ihn zusammen und André beginnt zu erzählen: „Katzenminze hilft besonders bei einem gestressten Magen-Darm-Trakt und Spannungskopfschmerzen.“ Aus den Blüten und Blättern könne man einen Tee kochen. Viele nicken, notieren sich das in Notizheften. Herr Bretschneider braucht kein Notizheft. Er ist Rentner, hat sich die Kräuterwelt zum Hobby gemacht und teilt sein Wissen gerne mit anderen.

Heilung vom Stadtleben

Doch nicht nur Senior*innen interessieren sich für die Heil- und Küchenkräuter, es sind vor allem junge Leute. Einer von ihnen ist Cornelius. Er ist zwei Meter groß und drückt sich aufgrund seines Germanistikstudiums sehr gewählt aus. Für ihn sei die Kräuterwanderung ein besonderer Schritt. „Ich habe mich lange von der Natur wegbewegt“, sagt der 27-Jährige. Er sehne sich nach Natürlichkeit und möchte das Leben anders führen: raus aus der Leistungsgesellschaft, rein in die Natur.

Herr Bretschneider (grüne Jacke) erzählt, der Rest hört zu. © Marie Ludwig

Das ist irgendwie typisch Leipzig – gibt auch André zu: „Viele versuchen, sich von dem zu lauten und stressigen Stadtleben zu heilen.“ Und gerade in Leipzig hat die stadtnahe Flucht ins Grüne eine langjährige Tradition. Schrebergärten, deren Namensgeber der Leipziger Arzt Moritz Schreber war, prägen neben zahlreichen Urban-Gardening-Projekten das Stadtbild. Nun scheint es fast, als verlange die Stadt nach dem nächsten Hype. Wie in alten Zeiten wird die Natur wieder nach Essbarem durchkämmt. Back to the roots, nennt Student Cornelius das. Einfach eine selbstbestimmte Form der Ernährung.

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André zieht seinen Rollwagen, den er bei seinen Wanderungen immer dabeihat und der noch aus DDR-Zeiten stammt, durchs Geäst zu einer Linde. Er zupft ein paar junge Blätter ab. „Nach einem Tag vor dem Computer können die echt helfen“, erklärt er und legt sich jeweils ein Blatt wie Gurkenscheiben aufs Auge. Kühlen sollen sie, anschließend könne man die jungen Blätter aufessen. Die Runde folgt ihm zum nächsten Baum.

Die Triebe der Ulme schmecken pfeffrig oder wie Sarah es ausdrückt: „voll scharf“. Sie und ihr Freund tragen praktische Regenjacken und Fahrradhelme und machen beide ihren Doktor in Informatik. „In unserem selbstgemachten Cashew-Käse würde sich das doch bestimmt gut machen“, überlegt Sarah für ihren Freund laut. Die Kräuterwanderung nutzt sie vor allem zur Rezeptinspiration.

Cornelius (rechts) mit Sarah und ihrem Freund beim Lindenblätter auflegen. © Marie Ludwig

Auch bei André landet Selbstgesammeltes oft auf dem Teller: „Ich ernähre mich zum Großteil von dem, was in meiner Umgebung wächst.“ Gestern Abend waren es in Butter frittierte Löwenzahnwurzeln und Nachtkerzen. Für ihn sind das die richtigen Superfoods. Mit denen könnten Chiasamen und Algenextrakte gar nicht mithalten.

Altes Wissen

Über die Pflanzenwelt weiß André so viel, weil er an der Fachhochschule in Anhalt-Bernburg Naturschutz und Landschaftsplanung studiert hat. Im Anschluss zog er nach Leipzig und hat hier vor sechs Jahren die Wilde Kräuterey gegründet. Seit vorigem Jahr könne er davon leben, sagt er. Im Winter weicht er auf die Herstellung von Salben, Salzen und Massageölen in seiner Werkstatt aus. Dort stehen Tiegel mit Bienenwachs und Lavendelöl, Sirupe aus Flieder- und Holunderblüten, Nelkenwein zum Nervenstärken und Klettenhaarwasser im Regal.

In der Werkstatt mit André. © Marie Ludwig

André hat zahlreiche Rezepte gesammelt, alte Bücher von Hildegard von Bingen – einer der namenhaften Naturheilkundler*innen – gewälzt. Er selbst bezeichnet sich als naturspirituell, aber auf seinen Wanderungen ginge es nicht darum, die Teilnehmenden von seinen Einstellungen zu überzeugen: „Jeder muss für sich herausfinden, ob er etwas an seinem Leben ändern möchte.“

Probleme im Kräuteridyll

André hockt in der Wiese. Er erklärt den Unterschied zwischen Kerbel und dem giftigen Schierling. Nicht einmal der kräuterbegeisterte Rentner Herr Bretschneider hat diesen bisher gesammelt. André fällt das Erkennen der Pflanzen nach jahrelanger Übung leicht. Auf seinen Flyern steht jedoch, dass er ausschließlich Empfehlungen gebe und die Anwendung der Kräuter eigenverantwortlich sei. Und es gibt noch andere Gefahren: „Jetzt bin ich in einen Haufen getreten“, klagt eine Teilnehmerin und versucht, stinkenden Hundekot im Gras von ihrem Schuh zu putzen. So was passiert André oft. Für Hunde hat er nicht viel übrig. Immer wieder tragen sie Bandwürmer in sich, die durch Kot und Urin auf die Pflanzen gelangen.

Laut dem Robert-Koch-Institut wurde im Jahr 2016 bei 114 Patient*innen eine Infektion mit Hunde- oder Fuchsbandwurm diagnostiziert. Die Erkrankung sei selten, aber gefährlich. André empfiehlt deshalb, Kräuter besser abseits vom Wegesrand zu sammeln.

Vorbereitungen für das Essen. © Marie Ludwig

André breitet eine abwischbare Blümchentischdecke auf dem Boden aus. Vom Rollwagen nimmt er Reiben, Brettchen und Messer. Linden- und Ulmenblätter werden gezupft, Katzenminze kleingeschnitten. Die Runde ist etwas geschrumpft. Eine junge Mutter musste mit ihrem Kind nach Hause gehen, weil es auf dem Kiesweg hingefallen ist. Herr Bretschneider hatte zwar angeraten, zerkauten Brei aus Hirtentäscheln auf die Wunde zu legen und kurzzeitig sogar in Erwägung gezogen, vom Händeauflegen seiner schamanischen Ausbildung Gebrauch zu machen, doch das Kind war einfach zu müde. Immerhin dauert eine Kräuterwanderung über drei Stunden.

Zum Abschluss wird bei Andrés Wanderungen immer zusammen gegessen. Während Herr Bretschneider und André Äpfel und Möhren reiben, erzählt Anja von ihrem Beruf. Sie ist vor Kurzem mit dem Tiermedizinstudium fertig geworden und arbeitet nun mit Rindern und Schweinen. Eine Diskussion beginnt: Anja beklagt sich über die, wie sie es nennt, Veganerbubble Leipzig. Herr Bretschneider schimpft über Schweinehochhäuser und konventionelle Landwirtschaft. Schließlich ist das Essen fertig. Schweigend verspeisen alle im Kreis sitzend den Kräutersalat.

[Außerdem auf ze.tt: Bald kannst du dir Lebensmittel nach Hause liefern lassen, die sonst im Müll gelandet wären]

Die Kräuterwanderung ist damit offiziell vorbei. Es nieselt schon wieder. Sarah und ihr Freund stellen fest, dass es sich immer lohnt, eine Regenjacke dabei zu haben. Anja ist anzumerken, dass sie mit Herrn Bretschneider nie wieder über ihren Beruf sprechen wird. Wirklich was Neues hat Herr Bretschneider nicht gelernt, aber das ist auch nicht schlimm – dafür bestimmt alle anderen von ihm. Und André? André sieht das gelassen: „Solche Diskussionen führe ich oft.“ Ernährung sei einfach ein streitbares Thema. Das müsse man so annehmen. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen.

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