Warum Lästern so verdammt gut tut

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Waaas? Eeeeccchhtt? No way! © SHipskyy/photocase.de

Lästern ist wie Furzen. Irgendwann muss die verbale Schmutz-Wolke raus, sonst passiert noch etwas Schlimmes.

Mir ist klar, dass Lästern in unserer Gesellschaft kein gutes Image hat. Es wird nicht gern gesehen, wenn ein Gespräch auf Kosten anderer stattfindet. Die allgemeine Haltung: Wer lästert, ist gemein. Wer lästert, diffamiert. Wer lästert, hat keine Eier für eine persönliche Konfrontation. Und das stimmt wahrscheinlich auch. Ich möchte hier kein Plädoyer pro Lästern halten, ich mag es eigentlich selbst nicht. Trotzdem lästere ich. Wir alle tun es. Lästern gehört zur menschlichen Natur wie das An-Ärschen-Riechen zur hundlichen, oder das Haare-Auswürgen zur katzlichen.

Lästern hat schon per Definition etwas Negatives an sich: „(Abwertend) sich über jemanden [der abwesend ist], über etwas abfällig, mit kritischen oder ein wenig boshaften Kommentaren äußern“, schreibt der Online-Duden. Warum das „ein wenig“ hier nicht auch in Klammern steht, kann ich nicht nachvollziehen.

Das Problem: Lästern macht Spaß. Lästern ist wie eine Droge, die ich weder bestellen noch bezahlen muss, die ich jederzeit und überall haben kann. Und ähnlich wie bei den Drogen, fühle ich mich hinterher, abhängig vom Lästergrad, ausgepowert und schlecht. Ich weiß, ich habe eine Person verbal verletzt und sie konnte sich nicht mal wehren. Die Lästerei fühlt sich während des Akts selbst gut an. Doch je nachdem wie krass sie ausgeartet ist, setzt irgendwann der Gewissenskater ein. Bei den meisten zumindest. Die anderen sind dann eben einfach schlechte Menschen.

Hast du gesehen, wie dick der geworden ist?

Der Kollege stinkt heute so. © Picture Alliance / ZB
Der Kollege stinkt heute so. © Picture Alliance / ZB

Nun gibt es allerdings große Unterschiede in der Qualität des Lästerns. Dinge wie „Guck dir mal die grässlichen Schuhe von der an“ oder „Boah, ist der dick“ sind mir zu oberflächlich und den Lästeraufwand nicht wert. Wenn ich mir schon die verbale Energie zum Diskreditieren nehme, dann aber richtig. Ich werde beleidigend, ich beschimpfe Charakterzüge und verwende die superlativsten Superlative aller möglichen Superlative. Ich stelle die Existenz der Person als solche in Frage und verdrehe demonstrativ meine Augen so weit nach innen, wie ich kann. Dazu mische ich eine übertriebene Portion an Kraftausdrücken. Warum sollte ich durch die Blumen reden, es ist schließlich kein Face-to-Face-Feedback-Gespräch.

[Außerdem auf ze.tt: Schimpfen macht klüger, attraktiver und gesünder]

Gerade die Tatsache, dass die angegriffene Person nicht anwesend ist, macht Lästern zum Vergnügen. Die Freiheit, alles sagen zu können – sei es auch noch so falsch – macht Lästern zu dem, was es ist. Nur so kann ich mich vollends meiner selektiven Wahrnehmung hingeben und in übertriebenen Gemeinheiten suhlen. Dinge, die mir nicht in den Kram passen, können endlich mit einem ordentlichen Schwall an Verbaldurchfall aus mir rausflöten. Lästern befreit mich von angestauten Aggressionen und rettet mich vor geschwürfördernden Problemchen. Fakten, die meine bösartigen Anekdoten untergraben, lasse ich außen vor. Kontext, der seltsames Verhalten anderer vielleicht rechtfertigt, verschweige ich. Gemein? Ich weiß.

Sätze wie „Das musst du unbedingt für dich behalten!“ oder „Das bleibt unter uns!“ haben darüber hinaus einen positiven Effekt. Gemeinsam und heimlich über jemanden zu lachen, verbindet. Lästern provoziert Humor und befreit von der eigenen Unsicherheit. Es stärkt nicht nur das eigene Ego, sondern auch die Beziehung zum Mitlästerer. Und das – wie gesagt – auf Kosten anderer. Das klingt schmerzhaft. Ist es wahrscheinlich auch, wäre die betroffene Person anwesend. Ist sie aber nicht und genau darum geht es. Im Grunde verhält es sich hier wie mit der Frage, die den Philosophen der Welt seit jeher den Kopf zerbricht: Macht ein Baum, der im Wald umfällt, auch dann ein Geräusch, wenn ihn niemand hört? Sind Personen, über die gelästert wird, auch gekränkt, wenn sie es nicht wissen? Ich behaupte: Nein. Auch wenn es trotzdem gemein bleibt.

Lästern als Selbsttherapie

© Jeff Haynes/AFP/Getty Images
Hahah, guck dir DEN mal an! | © Jeff Haynes/AFP/Getty Images

Es geht nicht darum, einen anderen Menschen bewusst zu verletzen. Lästern ist kein Mobbing. Ich möchte nicht gezielt das Image einer Person beschädigen. Es tut schlicht und einfach gut, seinem eigenen Frust Luft zu machen. Ganz einfach, ganz egoistisch. Ich will keinen anderen schlecht machen, ich will mir selbst helfen. Meistens geht der Diss ohnehin erst los, wenn ich mir sicher bin, er wäre so etwas ähnliches wie gerechtfertigt. Wenn ich mit einer Situation oder einer Person nicht mehr klarkomme, wenn ich mir ein ausreichendes Bild gemacht und beschlossen habe: Nein, das wird nichts mehr. Ich lästere aus meiner eigenen Unfähigkeit heraus. Und anstatt alleine vor mich hin zu nörgeln und womöglich als Irrer mit schizophrenen Tendenzen abgestempelt zu werden, suche ich mir eine Lästerschwester, die mich in meiner Meinung bestätigt.

[Außerdem auf ze.tt: Was jammernde Menschen unseren Gehirnen antun]

Oder auch nicht. Es gibt diejenigen, die mich mit intelligent gestellten Fragen dazu bringen, einen Schritt zurück zu machen und mein Verhalten noch einmal zu überdenken. Und es gibt diejenigen, die gleich zu Beginn auf den Läster-Zug aufspringen und das Gespräch zu einer unendlich-gemeinen und bald sehr realitätsfernen Eskalation führen. Ersteres macht mit Abstand mehr Sinn, Zweiteres macht mit Abstand mehr Spaß.

Ich fordere euch nicht dazu auf, mehr oder weniger zu lästern. Ich sage bloß, Lästern hat seine Berechtigung. Dem, der behauptet, es nicht zu tun, wächst entweder längst ein dickes Unterdrückungsgeschwür, oder er lästert eben doch. Vielleicht ohne es zu merken, vielleicht ohne es merken zu wollen.


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