Warum mich 12,6 Prozent für die AfD als Österreicherin leider nicht mehr schockieren

Während alle entrüstet sind, fühlt unsere Autorin aus Wien das nicht. Denn sie hat sich daran gewöhnt. Ein Kommentar

Als gebürtige Österreicherin ist unsere Autorin abgebrüht. Illustration von Elif Kücük

Sonntag. 18 Uhr. Alle drängen zu den Bildschirmen. Stille. Die erste Hochrechnung beginnt. Die Balken der Parteien schnellen nach oben. Zuerst Schwarz, dann Rot, dann Blau. In mir macht sich Erleichterung breit. 13 Prozent, okay. Das sagten die Umfragen voraus. Damit war zu rechnen. Am Morgen las ich noch von Umfragen, die 16 Prozent prophezeiten. Die Gäste der CDU-Wahl-Party im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin empfinden das anders. Die ältere Dame vor mir hält sich schützend ihre Hände vor das Gesicht. Kurz denke ich, sie beginnt zu weinen. Der Mann neben mir flucht und beginnt hektisch zu telefonieren. Kollektives Kopfschütteln, Entrüstung, Stöhnen.

In den folgenden Analysen wird die AfD als Wahlsiegerin behandelt. Obwohl alle wussten, dass die AfD ein derartiges Ergebnis erreichen würde, konnten es viele bis zum Schluss nicht glauben. Eine deutsche Freundin erklärt mir, sie warte immer noch darauf, dass sich alles aufklären würde. Dass sie jemand rüttelt und alles nur ein böser Scherz, oder eben ein Albtraum ist.

Welcome to our world, Deutschland …“

Während die einen fassungslos sind und die anderen demonstrieren gehen, bin ich schockiert über mich selbst. Es ist mir peinlich, wie abgebrüht ich reagiere. Ich spüre diese Entrüstung nicht. Es sollte mich schocken, tut es aber nicht. Mehr. Leider. Denn da, wo ich herkomme, ist Ähnliches schon vor nicht ganz 20 Jahren passiert: Die österreichische AfD, die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), kam in eine Regierungskoalition.

Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel bringt mein Gefühl in einem Posting auf Facebook auf den Punkt: „Welcome to our world, Deutschland …“ Wir aus Österreich meinen das keinesfalls schadenfroh, höchstens sind wir verbittert und beschämt. Aufgrund unserer eigenen Geschichte.

Welcome to our world, deutschland..

Posted by Stefanie Sprengnagel on Sunday, September 24, 2017

Vor der Jahrtausendwende erreichte die rechte, freiheitliche Partei mit 26,9 Prozent ihr höchstes Ergebnis aller Zeiten. Bei den Nationalratswahlen 1999 konnte somit der damalige sozialdemokratische Bundeskanzler Viktor Klima keine Regierungskoalition bilden und so kam es, dass erstmals in der Geschichte Österreichs sich die ÖVP und FPÖ zusammentaten. Um es auf Deutschland umzulegen, das wäre in etwa so, als würden CDU und AfD eine Koalition bilden. Das muss man sich mal vorstellen.

[Außerdem auf ze.tt: Reiß dich zusammen, Österreich]

Was in den folgenden sieben Jahren in Österreich angerichtet und kaputt gemacht wurde, spüren und bezahlen wir heute noch. Zahlreiche Korruptionsskandale von FPÖ-Regierungsmitgliedern sowie die Hypo-Alpe-Adria-Affäre zählen nur zu den großen Verbrechen der Regierung rund um den ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden Jörg Haider. Jedes Mal, wenn wir denken, jetzt wäre endlich alles aufgeräumt, finden wir wieder einen versteckten Scherbenhaufen, der versucht wurde, unter den Teppich zu kehren.

Man würde denken, Österreich hätte danach ein für alle Mal realisiert, was rechte Parteien in der Regierung anrichten können. Man würde denken, die Menschen könnten diese Partei nicht mehr wählen. Ja, das würde man denken, doch das Gegenteil ist der Fall: Würde am Sonntag in Österreich gewählt, würden 25 Prozent ihre Stimme der freiheitlichen Partei geben. Wir haben also nichts dazugelernt.

Rechtsruck in ganz Europa

Versteht mich nicht falsch. Jede Stimme für die AfD ist meiner Meinung nach eine zu viel. Aber die Partei bleibt vermutlich in der Opposition und spätestens seit heute Morgen beginnen sie sich auch schon selbst zu zerstören, wie etwa mit Frauke Petrys Aussage, kein Mitglied der AfD-Fraktion werden zu wollen.

Es bleibt unfassbar schlimm, dass knapp 13 Prozent der Menschen für die sexistische und rassistische Partei gestimmt haben. Aber aufgrund dessen, was in den letzten Jahren in europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Österreich passiert ist, reiht sich das Ergebnis in den allgemeinen Rechtsruck ein. Es wäre zu schön gewesen, wenn Deutschland davon unberührt geblieben wäre.

[Außerdem auf ze.tt: Wie rechts ist Sebastian Kurz?]

Eine Warnung für die Demokratie

Darum liebes Deutschland, seht das Ergebnis der Bundestagswahl als eine Warnung vor dem Rechtsruck im Land. „Das Einzige, was die AfD bisher beherrscht, ist Brüllen oder in Opferpose schmollen. Die Chance der anderen Politiker ist es nun, eben das nicht zuzulassen“, so beschreibt VICE die Situation.

Genau das muss jetzt in Deutschland passieren. Wenn es den Parteien und der Regierung nicht gelingt, dem Rechtsruck entgegenzuwirken, könnte es dem Land bald so ergehen wie Österreich. Und das würde bedeuten, dass die AfD bei der nächsten Wahl bei der Kanzler*innen-Frage mitmischt. Also hört auf eure Nachbar*innen von rechts unten.