Warum nervt es so, anderen Deutschen im Urlaub zu begegnen?

Im Urlaub wollen wir keinen anderen Deutschen über den Weg laufen. Was sagt das über uns selbst? Ein Kommentar.

Im Urlaub bist du vor anderen deutschen Tourist*innen selten sicher. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Die Legende besagt, Deutsche erkenne man im Urlaub daran, dass sie ihre Handtücher immer schon vor allen anderen auf die Sonnenliegen schmeißen. Das mag sein. Doch eigentlich braucht es weder Handtücher noch Sonnenliegen, um die eigenen Landsleute zu entlarven. Denn Deutsche verhalten sich einfach deutsch. „Ich glaube, das sind auch Deutsche“, zischt man dem*der Reisepartner*in dann unauffällig zu und verzieht das Gesicht. Was wollen die hier? Wir sind doch im Urlaub.

Bei einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsunternehmen YouGov gaben 81 Prozent der Bundesbürger*innen an, dass sie sich für die eigenen Landsleute schämen, wenn sich diese im Urlaub nicht benehmen. Doch es muss gar nicht immer der*die betrunkene Proll*etin sein, der*die Fernreisende in Unruhe versetzt. Im fernen Ausland reicht es schon, wenn plötzlich eine schwäbelnde Sybille in Funktionskleidung am Nebentisch sitzt oder eine junge, möglicherweise urbane Truppe mit Nicht-schubsen-Jutebeuteln vorbeizieht.

Können die nicht woanders Urlaub machen?

Im Urlaub wollen wir abschalten von zu Hause, wir wollen anonym sein. Wir wollen uns ungestört unterhalten können und einmalige Erfahrungen machen. Wenn uns dann die Heimat einholt, merken wir plötzlich: Mist, wir sind gar nicht die einzigen Deutschen hier. Da sind noch andere auf die Idee gekommen, hierher zu fahren.

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Doch warum stören gerade die anderen Deutschen so sehr? Immerhin verhalten sie sich unauffälliger als die stets deutlich vernehmbaren That’s-sooo-beautiful-US-Amerikaner*innen oder die irgendwie immer sonnenverbrannten Brit*innen. Sie betrachten die Welt nicht nur durch die Kamera, wie etwa die Japaner*innen oder posen so expressiv vor Sehenswürdigkeiten wie die Spanier*innen. Dafür präsentieren sie sich als wandelndes Klischee der deutschen Spießigkeit, die sich im Alltag zu Hause so schön mit allen Gleichgesinnten verwischt. Zu plump, zu steif, zu sicherheitsbewusst.

Wie steif la deutsche Vita ist, fällt erst im Ausland wirklich auf, besonders in südlichen Ländern.“

Wie steif la deutsche Vita ist, fällt erst im Ausland wirklich auf, besonders in südlichen Ländern. Während alle Italiener*innen gekonnte Lässigkeit ausstrahlen, irren vor allem ältere Deutsche gern orientierungslos in deren Dunstkreis umher. Kleidungstechnisch gerüstet für eine Safari in einer afrikanischen Steppe, heben sie sich deutlich von den Muskelshirts der Einheimischen ab.

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Da werden die praktischen Freizeitklamotten ausgepackt, nur echt mit dem Schatten spendenden Hut. Weiteres Erkennungsmerkmal: leichte Sonnencremespuren an der Backe. Die Deutschen scheinen zudem in Sachen Brustbeutel und Brotdosen echte Influencer zu sein. Und wenn sie sich nicht durch ihr Äußeres enttarnen, dann durch ihr Verhalten. Sie stehen ebenfalls viel zu früh am Bahnsteig, kontrollieren alle Fahrpläne mit Gewissenhaftigkeit und sitzen mit Sicherheit um 19 Uhr mit im Restaurant. Sie sind uns eben ähnlich.

Wir wollen uns nicht als Tourist*innen outen

Das Problem sind aber gar nicht unbedingt die anderen, sondern vielmehr wie wir selbst wahrgenommen werden wollen: Wir möchten an fremden Orten nicht als Tourist*innen auffallen. Wir sind zwar im Ausland, aber wir wollen von dieser Kultur so viel wie möglich mitnehmen. Wir hoffen, dass ein bisschen von dem vorherrschenden Flair auf uns abfärben möge. Erspähen wir dann andere Deutsche, wird uns schmerzlich bewusst, dass das wohl nie ganz funktionieren wird. Während unser Blicke über deren Funktionsjacken streifen, festigt sich eine Erkenntnis: dass wir hier herausstechen wie ein Schnitzel auf dem Anti-Pasti-Teller.