Warum Reisen so gut ist: Ein Plädoyer fürs Unterwegs-Sein

Eva Horn kündigte ihren Job und reiste gemeinsam mit ihrem Freund für mehrere Monate durch Amerika. Was sie dabei gelernt hat, wird ihr auch im normalen Leben weiterhelfen, schreibt sie.

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Reisen macht etwas mit dir. Sogar eine ganze Menge. © Bengelsdorf / photocase.de

In Teil 1 schrieb sie, was eine Weltreise für ihre Beziehung bedeutet. Teil 2 handelte davon, wie sie von unterwegs Kontakt mit Freunden und Familie hält. In Teil 3 ging es darum, wie man sich vor Ort den Magen nicht verdirbt – und trotzdem gut und günstig isst. Teil 4 handelte von zehn Dingen, die sie in Mexiko gelernt hat. Im 5. Teil erzählte Eva davon, was ihr im Ausland am meisten fehlt.

Dieses Mal erklärt sie, warum Reisen das perfekte Überlebenstraining für den modernen Menschen ist.

Wenn man eine längere Zeit im Ausland unterwegs ist, ist das kein Urlaub –im Gegenteil. Reisen ist inspirierend, spannend und herausfordernd. Viele Eigenschaften, die einem das Leben auf Reisen erleichtern, helfen einem auch, besser mit Problemen im Job, in der Beziehung und überhaupt im Leben umzugehen.

Partnerschaft

Du denkst, du kennst deinen Freund oder deine Freundin wirklich gut? Pustekuchen, auf Reisen lernt man sich noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen. Wenn man sich morgens schon streitet und dann trotzdem noch weitere Stunden gemeinsam auf einer Wanderung aushalten muss. Wenn man stundenlang im Auto aufeinander hocken muss, wenn man plötzlich unterschiedliche Erwartungen hat oder eine unterschiedliche Stressresistenz – Wer lernt, damit gemeinsam umzugehen, den bringt nichts so schnell auseinander.

Ängste und Grenzen

Von Felsklippen zehn Meter tief ins eisige Wasser springen, einen Grizzly aus nächster Nähe beobachten oder auf Straßenmärkten undefinierbare Speisen probieren, beim Reisen geht man permanent an seine Grenzen und das ein oder andere Mal sogar weit darüber hinaus. Ich bin nach neun Monaten unterwegs sicher nicht plötzlich komplett furchtlos, aber seitdem ich mit Höhenangst schreiend von einer Klippe gesprungen bin um nach endlosem Fall putzmunter im Wasser anzukommen weiß ich, dass ich mehr kann, als ich mir gemeinhin so zutraue.

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Mit Herausforderungen umgehen

Ob man nun versuchen muss, abends in einem winzigen Dorf ohne Tankstelle Benzin zu finden, sich bei den Lebensmittelkäufen total verkalkuliert hat oder plötzlich ohne Übernachtungsmöglichkeit dasteht, hinter jeder Ecke lauert eine neue Herausforderung, mit der man irgendwie umgehen muss. Wer das gelernt hat, den schockt im Job so schnell nichts mehr.

Eigene Macken

Es hilft nichts, man lernt auf einer längeren Reise auch seine eigenen Schwächen sehr gut kennen, denn meistens wird man permanent darauf gestoßen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich viel zu pessimistisch an die meisten Sachen herangehe. Wenn eine Polizeikontrolle mich anhält, denke ich als erstes an eine langwierige Durchsuchung des Autos – im Endeffekt passiert so etwas so gut wie nie und vor allem nicht so oft, wie ich prophylaktisch Panik bekomme. Man kann sich nun einreden, das eigene Verhalten sei völlig normal, sinnvoller ist es allerdings, seine eigenen Macken zu identifizieren und zu reflektieren. Auch dafür ist Reisen perfekt geeignet.

Interkulturelle Kompetenz

Auf den ersten Blick mögen die Gesellschaften sich ähneln, doch feine Unterschiede gibt es überall. Auf Reisen erlebt man sie aus erster Hand. So sind die Menschen in Mittelamerika beispielsweise extrem höflich, sogar Kinder werden gesiezt. Auch muss man in Gesprächen oft erstmal ein wenig Smalltalken, bevor man die eigentliche Frage stellen kann, weil man sonst unhöflich wirkt. Man lernt aber auch, was typisch für die eigene Kultur ist. Und das sind manchmal ganz überraschende Sachen: So lernen verhältnismäßig viele Deutsche mit großer Begeisterung Spanisch und versuchen sofort, in Landessprache zu kommunizieren, auch wenn ihr Wortschatz gerade mal 10 Wörter groß ist. Und noch etwas passiert: Man merkt plötzlich, wie schwierig es sein kann, sich in einer fremden Gesellschaft moralisch korrekt zu verhalten, vor allem, wenn einem niemand dabei hilft.

Ausländer sein

Ich möchte allen, die mit Vorurteilen und einer mehr oder weniger latent vorhandenen Angst vor Ausländern durchs Leben laufen, dringend empfehlen, sich auf eine längere Reise zu begeben. Das Gefühl, Ausländer zu sein, verändert vieles. So muss man zum Beispiel in den meisten Ländern seinen Reisepass unbedingt immer dabei haben, der Personalausweis reicht nicht aus. Man wird angestarrt, weil man anders aussieht als die meisten Menschen. Menschen nähern sich einem unsicher, weil sie nicht wissen, welche Sprache man spricht, was man erwartet und überhaupt. Ich habe mich anders verhalten, weil ich mit meinen blond gefärbten Haaren überall aufgefallen bin und so etwas nicht gewöhnt bin. Auch eine Erfahrung, die fürs Leben prägt.

Neugierde

Mit Walhaien schwimmen, in eine Höhle klettern und Heuschrecken essen – auf einer längeren Reise macht man viele Sachen aus Neugierde. Eine Eigenschaft, die viele Erwachsene irgendwann vergessen. Zu abgeklärt laufen sie durch ihr Leben. Reisen holt die Lust am Abenteuer und am Entdecken wieder aus einem hervor.