Warum Restaurants Avocado und Quinoa von der Speisekarte streichen

Der Trend Clean Eating wirbelte die Lebensmittelindustrie durch und verhalf Avocado und Co. zum Status des Superfoods. Wie es aussieht, hat es mit dem Irrsinn aber bald ein Ende.

Let's Avocuddle! © Brenda Godinez/Unsplash.com

Gibt man den Begriff Clean Eating in die Instagram-Suche ein, rollen einem prompt über 31 Millionen Posts entgegen. In den vergangenen Jahren hat sich der Hashtag zu einem Muss für alle ernährungsbewussten User*innen entwickelt. Passt zur Bowl, zum Smoothie und, na klar, zu den Gemüsenudeln Zoodles. Doch was hat es eigentlich damit auf sich und wie sauber ist die ganze Sache wirklich?

Hinter Clean Eating versteckt sich ein modernes Ernährungskonzept, das in den sozialen Netzwerken geboren wurde und das vor allem von sogenannten Wellness-Blogger*innen wie Deliciously Ella, Hemsley & Hemsley oder auch Gwyneth Paltrow vorangetrieben wurde. So verschwommen wie um deren Berufsbezeichung steht es auch um die Definition von Clean Eating. Als gemeinsamer Konsens lässt sich festhalten, dass beim Sauberessen auf Zusatzstoffe, Fertiggerichte und hochgradig verarbeitete Lebensmittel verzichtet wird, oft auch auf Gluten, Milchprodukte und tierische Fette.

Ein einstimmig absolutes No-Go und der Endgegner aller Clean-Eater*innen: Zucker. Stattdessen stehen Gemüse, Obst, Nüsse, mageres Fleisch, Hülsenfrüchte wie Linsen und Kichererbsen mit sogenannten langsamen Kohlenhydraten und pflanzliche Fette im Fokus. Im gleichen Atemzug feiert man Superfoods wie Avocado, Goji-Beeren, Quinoa oder Kokosnussöl. Die klingen nicht nur exotisch, sondern versprechen auch – wie der Name schon sagt – super Inhaltsstoffe.

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Der Trend bescherte uns unter anderem Quinoa-Chips, Raw-Riegel, viele Bücher über den bösen Zucker und ein Avocado-Restaurant in Amsterdam. Es gibt Lieferdienste, dich sich auf Superfood spezialisiert haben und dunkle Chia-Samen bekommt man mittlerweile wahrscheinlich sogar in Berliner Spätis.

Wo bleibt der Genuss?

Doch während uns monatelang Avocado-Toast um Avocado-Toast (#letsavocuddle) in unserem Insta-Feed entgegen lächelte, scheint sich jetzt langsam das Blatt zu wenden. Restaurants und Konsument*innen verstehen nach und nach, dass das saubere Essen gar nicht so sauber ist – und dirty einfach manchmal besser schmeckt. Endlich!

Ich esse auch mal ein Stück Kuchen, wenn ich Lust darauf habe.“ – Healthy-Food-Bloggerin Larissa Häsler

Zugegeben, der Ansatz von Clean Eating – weniger Fertiggerichte, mehr Selbstgekochtes – klingt erst mal gar nicht schlecht. Sich verstärkt mit den Lebensmitteln auseinanderzusetzen, die wir zu uns nehmen, kann unsere Sinne für sie sicherlich schärfen. Das Problem liegt jedoch im Verzicht. Wer sich immer besonders gesund ernähren will und deshalb konsequent bestimmte Lebensmittel ausklammert, dessen Verhalten haftet etwas Ungesundes an. Aussagen wie von Healthy-Food-Bloggerin Larissa Häsler, „Ich esse auch mal ein Stück Kuchen, wenn ich Lust darauf habe“, treiben einem da – garantiert zu salzige – Verzweiflungstränen in die Augen.

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Muss man sich dafür jetzt schon auf die Schulter klopfen? Der wichtigste Part der Nahrungsmittelaufnahme tritt beim Clean Eating leider in den Hintergrund: das Genießen. Auch, wenn Wellness-Blogger*innen natürlich das Gegenteil behaupten: Wer einmal einen Süßkartoffelbrownie gegessen hat, weiß Bescheid.

 

Nicht klar, was Clean Eating eigentlich kann

Bis heute steht nicht ganz fest, was Clean Eating wirklich kann. Das Ernährungskonzept behält sich vor, gegen Müdigkeit, Cellulite, Autoimmunkrankheiten, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Entzündungen und Depressionen zu helfen. Wie schön wäre das? Sehr. Doch viele dieser Behauptungen und Annahmen sind wissenschaftlich nicht haltbar.

So warnt etwa die American Heart Association davor, Kokosöl als Wundermittel zu verklären. Wie die Organisation feststellte, besteht das pflanzliche Öl zu 82 Prozent aus gesättigten Fettsäuren. Genau den Fettsäuren, die die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern. Im Vergleich: Olivenöl enthält davon nur 14 Prozent, herkömmliche Butter etwa 63 Prozent und Sonnenblumenöl 6 Prozent.

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Die meisten exotischen Superfoods ließen sich zudem ohne Probleme durch heimische Produkte ersetzen, wie die Verbraucherzentrale Bundesverband klarstellt: Statt Açaí-Beere könnt ihr dunkle Beeren sowie Kirschen, rote Weintrauben und Rotkohl essen, die ebenfalls mit hohen Gehalten an antioxidativ wirkenden Stoffen punkten. Leinsamen können es locker gegen Chia-Samen aufnehmen, sie enthalten ebenfalls Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffe.

Auch Smoothies sollte man nicht über den grünen Kohl loben. Denn statt uns zart mit Vitaminen zu versorgen, gehen die in der Verarbeitung teilweise verloren. Stattdessen steckt in den Mixgetränken eine schöne Ladung Zucker. Als britische Wissenschaftler*innen Anfang 2016 fertige Smoothies aus dem Supermarkt auf ihren Zuckergehalt testeten, fanden sie darin durchschnittlich 13 Gramm Zucker je 100 Milliliter des sämigen Getränks. Zum Vergleich: 100 Milliliter Cola enthalten 10,6 Gramm Süße. Das klingt eher nach Sweet Eating.

Auf Instagram würde hier auf jeden Fall der Hashtag #cleaneating danebenstehen. © Jannis Brandt/Unsplash.com

Studien speziell zu Clean Eating gibt es bisher allerdings nicht, da das Konzept zu neu und eigentlich zu unspezifisch ist.

Superfood vs. Umwelt

Wo bleiben nun die Avocados, fragt ihr euch schon die ganze Zeit?

Damit wären wir bei der Nachhaltigkeitsfrage. Vergangenes Jahr rüttelte ZEIT ONLINE mit einem Artikel über Das Märchen von der guten Avocado unsere Gemüter wach. Unser steigender Avocadokonsum bedeutet nämlich vor allem enormen Wasserverbrauch, Monokulturen und lange Transportwege. Während für den Anbau von einem Kilogramm Tomaten im globalen Durchschnitt etwa 180 Liter Wasser benötigt wird, verbraucht ein Kilogramm Avocados ganze 1.000 Liter. Guaca-Mist!

Auch Quinoa leidet unter seinem plötzlichen Aufstieg als Trendkorn, wie Spiegel Online unlängst berichtete. Für den industriellen Anbau wurde das Saatgut der Pflanze geändert, um sie an neuen Standorten anbauen zu können. Den Bauern*Bäuerinnen in Bolivien, im Ursprungsland des nährstoffreichen Getreides, geht es deshalb so schlecht wie lange nicht.

Selbst Wellness-Blogger*innen distanzieren sich

Während all diese Faktoren lange durch hübsch angerichtete Bowls und gutes Marketing mit zuckerfreien Produkten übertüncht wurden, reißt das saubere Bild langsam auf – glücklicherweise mit Konsequenzen. Dass ein – fragwürdig begründeter – Wellness-Lifestyle nicht auf Kosten der Umwelt gehen sollte, erkennen zum Beispiel manche Restaurants. So ruderte etwa das Berliner Café New Deli Yoga zurück und strich Avocado, Chia und Quinoa konsequent von ihrer Karte.

Smash yourself ‚ this year we are starting with a new concept. We are more conscious about products that we buy and…

Posted by New Deli Yoga on Dienstag, 17. Januar 2017

Auch einige Wellness-Blogger*innen nehmen mittlerweile Abstand von einer zu einseitigen und extremen Ernährungsweise. So distanzierte sich Anfang dieses Jahres Ella Mills (Deliciously Ella) öffentlich von dem Begriff Clean Eating und passte ihre Website und Posts entsprechend an: „Mein Problem mit dem Wort clean ist, dass es zu kompliziert, zu beladen geworden ist. Clean impliziert jetzt dirty und das ist negativ”, erklärt sie in der BBC-Dokumentation Clean Eating – The Dirty Truth.

Auch, wenn es etwas gedauert hat – so ist das schließlich mit Trends – Clean Eating scheint sich langsam, aber sicher zu verabschieden. Und ja, in Bezug auf die Avocado tut das weh. Doch stattdessen rückt der Genuss und Spaß am Essen vermehrt in den Mittelpunkt. Bleibt nur die Frage wie lange. Schließlich sind wir fast alle empfänglich für wegweisende Ernährungstrends. Was kommt als Nächstes? Vielleicht Insekten-Bowls? Die Wellness-Blogger*innen dazu wollen wir sehen.

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