Scheitern kann euch voranbringen – wenn ihr richtig damit umgeht

Scheitern ist in Mode gekommen. Weil wir endlich entspannter mit Niederlagen umgehen? Nicht nur. Niederlagen sind längst zu einer neuen Einheit für Erfolg geworden.

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Scheitern ist in Mode – doch aus den falschen Gründen. photocase.de / Wisdom and Glory

Vor ein paar Monaten veröffentlichte der Princeton-Professor Johannes Haushofer seinen CV of Failures (PDF), in dem er statt seiner Leistungen alle misslungenen Projekte, Bewerbungen und Anträge aufzählte. Der CV ging viral, viele erfolgreiche Menschen auf der ganzen Welt folgten seinem Beispiel, erstellten Listen und verkündeten stolz, was in ihrem Leben schon alles schief gelaufen sei. Hinter jedem sichtbaren Erfolg, so zeigte sich, steckt anscheinend eine ganze Reihe unsichtbarer Misserfolge.

Das Phänomen: Das Lob des Scheiterns

In Amerika ist die Start-Up-Mentalität „Try again. Fail again. Fail better“ schon länger Gang und Gebe, und auch in Deutschland spricht es sich langsam herum, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, dass schlechte Erfahrungen oft gute Ergebnisse generieren, dass Originalität aus den unbeabsichtigten Fehlern und Abweichungen von der Norm entspringt, und dass es womöglich auf mehr Mut, Durchhaltevermögen und Entschlossenheit hinweist, wenn jemand immer wieder aufsteht, als wenn jemand einfach die ganze Zeit dort sitzen bleibt, wo man ihn hingesetzt hat.

Niederlagen als Zeichen des Erfolgs

Wer allerdings ganz genau aufpasst, merkt, dass auch das Lob des Scheiterns aus demselben leistungsimperativischen Diskurs stammt wie seine peinliche Verdrängung. Aus einem Diskurs, in dem jeder verdammt wird, der nicht zu den Besten, Siegreichsten und Kreativsten gehört. Denn Niederlagen werden nur deshalb anerkannt und stolz zur Schau getragen, weil sie eigentlich ein Indiz für späteren Erfolg sein sollen. Je mehr Niederlagen du heute einsteckst, desto mehr Risiko bist du gestern eingegangen und desto mehr Gewinn wirst du morgen davon tragen, lautet die Formel. Nicht zufällig hat den „CV of Failures“ ein Mann geschrieben, der mit gerade einmal 36 Jahren eine Professur an der Elite-Universität Princeton innehat. Das Scheitern wird also nicht an sich bejaht, sondern nur als bessere Maßnahme zu seiner eigenen Abschaffung.

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Aufgeben ist in Ordnung

Eine andere Richtung schlagen Serien wie Girls, Broadcity und Fleabag ein. Serien, in denen junge Großstadtbewohnerinnen wie am Fließband versagen, im Beruf, im Studium, in der Beziehung, am Leben. Sie werden von einer Chefin nach der anderen gefeuert, brechen lang ersehnte Stipendien an Traumhochschulen ab, sind pleite, arbeitslos und manchmal auch noch pornosüchtig. Hinter der Begeisterung, mit der eine junge Generation jene Antiheldinnen feiert, steckt weniger voyeuristische Fremdscham als feministische Emanzipation und die Erleichterung, einfach mal nicht leisten zu müssen.

Auch die Autorin und Bloggerin Ronja von Rönne entwirft in ihrer kürzlich auf dem Z2X-Festival von ZEIT ONLINE gehaltenen Rede „Wer aufgibt, darf ausschlafen“ ein mitreißendes Plädoyer für jene neue Form des Scheiterns, die ganz aus dem Erfolgsdiskurs herausfällt: „Von früh auf wurde uns eingetrichtert: Krone richten, weiter machen. Uns wurde gepredigt, dass alles möglich sei. Halt alles, nur aufgeben nicht.“ Wie schön wäre die Welt hingegen, fragt Rönne, wenn Hitler seine Träume früher verabschiedet hätte, wenn wir alle gerade in diesem Moment genau eine Sache aufgeben würden, und wenn wir vor anstrengenden Kämpfen, deren Ergebnis uns am Ende sowieso nicht glücklich macht, doch einfach mal ein bisschen früher kapitulieren würden.

Das moderne Ja zum Scheitern legt uns also zwei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten nahe: Kämpfen wie Haushofer oder Aufgeben wie Rönne, Weitermachen wie die Start-Ups oder Aufhören wie die Antiheldinnen unserer Lieblingsserien. Wie positioniert sich die Philosophie in dieser Debatte? Misst sie dem Scheitern überhaupt einen Wert zu, oder liegen beide heutigen Trends der Anerkennung völlig falsch?

Das sagt die Philosophie

Der Gegenwartsphilosoph Byung Chul-Han warnt ähnlich wie Ronja von Rönne vor der Gefahr eines allgegenwärtigen Diktats der Leistung, von dem wir uns jederzeit unterwerfen lassen. Scheitern und Schmerz sind für ihn nicht nur notwendig für späteren Erfolg, sondern schon in sich selbst ohne weitere Versprechen konstitutiv für das Menschsein: „Gerade die Negativität erhält das Leben lebendig. Der Schmerz ist konstitutiv für die Erfahrung. Das Leben, das rein aus positiven Emotionen und Flow-Erlebnissen bestünde, ist kein menschliches.“

Han kritisiert eine Gesellschaft der Likes und des Wohlgefühls, eine, die jeden Schmerz von Anfang an ausschließt, in der man wegen jedes Ziehens im Bauch eine Tablette schluckt und wegen jedes Drückens im Herzen zur psychologischen Beratung rennt. „Die Liebe wird domestiziert und positivisiert zur Konsum- und Komfortformel. Jede Verletzung soll vermieden werden.“ Dabei können wir erst, wenn wir auch negative Erfahrungen annehmen und unser eigenes Scheitern bewusst umarmen, die Tiefe des menschlichen Lebens voll und ganz ausschöpfen.

Mit dieser Kritik folgt Byung-Chul Han keinem geringeren Verfechter des Unglücks, der Schmerzen, Tiefen und Abgründe als Friedrich Nietzsche. „Jede Spannung der Seele im Unglück (…), ihre Empfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimnis, Maske, Geist, List, Größe geschenkt worden ist: – ist es nicht ihr unter Leiden (…) geschenkt worden?“, schreibt dieser und fordert, dass wir das Leben mit seinen Höhen und Tiefen bejahen, und dabei erkennen, wie diese nicht nur zeitlich aufeinander folgen, sondern im Grunde auch untrennbar sind. Allein die Normen der Sprache und die Konventionen der Kultur tun den Dingen die Gewalt einer Trennung an, unterteilen sie in Positives und Negatives, in Gewinn und Verlust. Vielmehr steckt jedoch in jedem Schmerz immer schon die Lust, in jeder Lust der Schmerz – nicht als ein Versprechen von etwas Zukünftigem, sondern als direkte Wahrheit ihres jetzigen Seins.

Thomas Bernhard drückt eine ähnliche Bejahung der Notwendigkeit des Scheiterns in seinem Roman „Ja“ mit den prägnanten Worten aus: „Es gibt ja nur Gescheitertes. Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrunde gehen wollen.“

Das Leben als stets im Scheitern Begriffenes anzunehmen, ist laut Nietzsche nicht einfach, sondern erfordert Stärke und Mut. Kein Wunder, dass ich mich nach einer Folge Girls ähnlich bekräftigt fühle wie nach ein paar Seiten Nietzsche. Wer braucht schon ein Happy End.