Warum Schwule die krassesten Bodyshamer sind

No Fats, no Fems! – Keine Fetten, keine Tunten! Wer schwul ist und schonmal eine Dating-App benutzt hat, kennt die Ansage. Bodyshaming ist in der schwulen Szene besonders weit verbreitet. Homos, wir müssen reden.

gschpænli / photocase.de

Sixpack, also bin ich. gschpænli / photocase.de

Eigentlich absurd: Viele Schwule haben auf irgendeine Art Diskriminierung und Ausgrenzung erlebt – und grenzen dann selbst andere Schwule aufgrund von Äußerlichkeiten aus. Zu dick, zu dünn, zu feminin – es ist ziemlich leicht, etwas falsch zu machen. Warum ist das so?

Wo sucht der gefühlt einzige schwule Mann der Kleinstadt nach Gleichgesinnten? Im Netz. Schwule benutzen Dating-Seiten und Apps schon länger, als Heteros es tun. Sie haben sich den Marktregeln fürs Online-Dating schon viel länger unterworfen. Denn was sehen wir auf Grindr zuerst? Das Profilbild. Alles steht und fällt mit der korrekten Selbstdarstellung. Es gilt die Regel: Du bist nur so sexy wie dein unattraktivstes Profilbild.

Olivia Foster-Gimbel und Renee Engeln haben im Magazin „Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity“ im März eine Studie veröffentlicht, laut der es einen Antifat-Bias in der schwulen Szene gibt. Befragt wurden 215 schwule Männer zwischen 18 und 78. Die Studie besagt: Schwule empfinden Männer bereits als übergewichtig, wenn sie für Heteros noch total normalgewichtig wirken. In einer Folgestudie, in der sie die Antworten der schwulen Männer mit denen von Heteros verglichen, fand sie heraus: Als leicht übergewichtiger Mann sind die Chancen größer, in einer Schwulenbar ignoriert oder sogar beleidigt zu werden, als in einer Bar mit überwiegend heterosexuellem Publikum.

Eine Interviewstudie der Columbia University (USA) von 2007, bei der 126 Heteromänner und 388 homosexuelle Menschen einen Fragebogen zur Diagnose von Essstörungen. Dernach sind zwei Drittel aller Männer, die eine Essstörung haben, schwul. Ein Grund ist scheinbar: Die Erwartung an das Äußere ist für schwule Männer besonders hoch.

Das Ideal des „richtigen“ Mannes

Es gibt ein schwules Schönheitsideal, es heißt: der „richtige“ Mann. Er ist durchtrainiert und athletisch, eben richtig männlich. Männlichkeit an sich ist auch nichts Schlechtes. Wenn sie allerdings dafür sorgt, dass wir nur noch ein Bild des Mannes akzeptieren, dann ist das beunruhigend.

Das Problem mit dem Bild des „richtigen“ Mannes ist nämlich: Er ist eigentlich hetero. Ein T-Shirt sorgte unlängst in der Szene für Aufregung, zahlreiche amerikanische Medien berichteten. Die Aufschrift: „No Fats No Fems“ – keine Fetten, keine Tunten. Wer nicht den perfekten Körper hat und sich zudem nicht männlich, also „heterolike“ benimmt, hat beim Träger keine Chance, eines Blickes gewürdigt zu werden.

Das T-Shirt zeigt: Es gibt Homonormativität – eine Norm, nach der sich homosexuelle Männer zu richten haben. Unter dem Deckmantel von Vorlieben wird hier Hass geschürt.

Natürlich gibt es in der schwulen Community auch Nischen und Subcommunitys, in denen andere Körperbilder akzeptiert oder sogar gewünscht sind. Es gibt die Twinks (zierliche, jungenhafte Typen), die Bears (behaarte, kräftigere Typen), die Otter (behaarte, zierliche Typen), es gibt Daddys, Geeks, Jocks (durchtrainierte, sexuell erfolgreiche, aber intellektuell überforderte Typen), Leather-Guys, Transmenschen und so weiter.

Das Problem mit diesen Gruppen ist meistens: Auch sie reduzieren die Zugehörigkeit auf Äußerlichkeiten. Das ist für die toll, die in diese Gruppen passen – denn es hilft natürlich, sich zugehörig zu fühlen. Aber auch dort fällt ziemlich schnell durch, wer nicht dem Ideal entspricht.

Fitness, Fitness, Fitness

Um sich dem Idealbild anzunähern, bestimmt das Fitnessstudio und eine optimierte Ernährung das Leben vieler schwuler Männer. Ein Marktforschungsstudie des auf die LGBTIQ-Community spezialisierten US-amerikanischen Unternehmens Community Marketing Inc., von 2012  fand heraus: In den USA sind schwule Männer die Bevölkerungsgruppe, die am meisten Geld für Fitness ausgibt (PDF).

Auch in Deutschland besuchen viele schwule Männer regelmäßig das Fitnessstudio. Im Zeitmagazin fragte sich Steffen Jan Seibel bereits scherzhaft, ob schwule Männer nicht ausgehend vom Fitnessstudio heimlich eine Machtübernahme planten.

Marius ist 23, wohnt in Berlin und ist für das schwule Schönheitsideal zu groß, zu dünn und zu feminin. Er sagt: “Ich hab schon Lust ins Fitnessstudio zu gehen, aber es ist für mich natürlich ’ne besonders große Überwindung, weil ich halt weiß: Okay, ich seh‘ nicht aus wie das, was gewollt ist. Ich hab natürlich auch Angst, das ich da Abneigung erfahre.“ 

Es ist der Drang zur Selbstoptimierung, der in der ganzen Community zu spüren ist: Arbeite an dir, an deiner Ernährung, an deinem Körper. Erst dann kannst du erfolgreich sein, darfst du geliebt und begehrt werden.

Eigentlich sollte es klar sein: Unser Aussehen definiert nicht, wer wir sind und es gibt nicht die eine Art, zu leben. Oder die eine Art, ein „richtiger“ Mann zu sein. Ob zu dick, zu dünn, besonders männlich oder weiblich, ob homo oder hetero – Urteile darüber trennen uns, anstatt uns zusammen zu bringen.

Gerade in der queeren Community sollten wir uns gegenseitig mit Respekt, Liebe und Sensibilität begegnen. Weil wir es besser wissen müssen, bei all der Diskriminierung, die viele von uns selbst erfahren haben. Wer Bodyshaming erlebt und sich sicher fühlt, sollte etwas sagen. „Das war aber unfreundlich“ kann ein Anfang sein.

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