Warum sich manche Menschen von einer Beziehung in die nächste stürzen

Es gibt Leute, die können nicht allein sein und haben nach einer Trennung im Handumdrehen eine neue Liebe. Was steckt hinter diesem Phänomen?

Zusammen ist man weniger allein. © Isabel Sacher/Unsplash.com

Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, es hat keine drei Wochen gedauert. Da hatte Mona David im Schlepptau. David war ihr neuer Freund. Christian, ihr Exfreund, war gerade erst ausgezogen. Die Kuhle, die Christian in ihrem Leben hinterlassen hatte war sozusagen noch warm, als sich schon jemand anderes hineinbequemte und seinen ganz eigenen Abdruck auf dem Liebessofa hinterließ. So kam es mir zumindest vor.

Nie wirklich single

Mona gehört zu den Personen, die einfach nicht allein sein können. Wir kennen uns schon lange und ich weiß, dass sie nie länger als einen Monat single gewesen ist. Wie sie das macht? Das fragen wir uns alle. Aber sie hat eben nicht nur ein Talent dafür, einen neuen Partner zu finden, sie hat ganz offensichtlich auch ein Bedürfnis. Aber woher kommt das?

Denn klar ist, dass es ein besonderes Bedürfnis ist. Wer sich trennt oder verlassen wird, der braucht in der Regel ein wenig Zeit, um sich zu erholen oder neu aufzustellen. Manchmal hat man auch schlicht für eine ganze Weile von Männern oder Frauen, mit Verlaub, die Schnauze voll. Es kann Monate dauern, Jahre, bis man wieder für etwas Neues bereit ist. Schließlich fällt einem ein*e passende*r Partner*in auch nicht einfach in den Schoß. Leuten wie Mona offensichtlich schon. Und da darf man ruhig mal skeptisch werden. Denn sie lassen vermuten, dass das Bedürfnis bei ihnen die Stimmigkeit einfach übertrumpft.

Angst vor dem Single-Stigma

Diese Menschen brauchen eine Paarbeziehung aus sozialen Gründen, aus sozialpsychologischen Gründen. Als Singles fühlen sie sich schnell stigmatisiert. Die Umgebung, so scheint es ihnen, nimmt ihr Alleinsein vergrößert wahr und sieht sie als nicht attraktiv genug, irgendwie problematisch und einsam. So ihre Vorstellung. Die Rolle des einsamen Überbleibsels möchte natürlich niemand spielen. Aber manche Menschen sehen sich auch nicht in der Lage, dieser Rolle etwas anderes entgegenzusetzen. Sie brauchen eine Paarbeziehung. Und so bekommen sie auch eine.

„Man entscheidet sich einfach, weil man sich entscheiden möchte”, meint die Paartherapeutin Marina Gardini, „man will die Suche beenden, man will ein Teil einer Paarstruktur sein und man entscheidet sich unter Umständen auch offenen Auges für eine Partnerschaft, von der man von Anfang an weiß, dass es nicht die richtige ist. Davon gibt es eine ganze Menge.”

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Der Druck wächst Ende 20

Die Rolle, die Mona spielen möchte, lässt sich nicht alleine spielen. Sie braucht einen Partner, wie ein*e Boxer*in beim Sparring. Aber sie steht eben auch unter enormem Druck. Gardini nennt es den Domino-Effekt. Ab Ende 20 geht es in den meisten Freundeskreisen los: Kinder kriegen, erste Hochzeiten. Gerade für junge Frauen ein Alarmsignal, erklärt Gardini. Und wenn erst mal das Alter erreicht ist, in dem Alleinsein für viele nicht mehr akzeptabel ist, dann wird hektisch geschaut: Wo kriege ich schnell jemanden her. Passt nicht? Egal.

Aber laut Gardini sind solche Beziehungen auch nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Das liegt gerade an dem Druck, der sie zusammengebracht hat. Denn diese Beziehungen sind nicht so emotional aufgeladen, der Wunsch, die Beziehung aufrechtzuerhalten, aber groß: „Die finden einen Weg, irgendwie.”

Was nicht passt, wird passend gemacht

Und auch klar, wer Beziehungslosigkeit mit Einsamkeit gleichsetzt, der empfindet das single sein als emotionale Überforderung. Der stülpt sich dann lieber die nicht ganz so gut passende Beziehung über. Mona weiß das sogar selbst. Aber sie kann nichts daran ändern. Sie sagt, sie brauche auch einfach jemanden im Alltag, der immer da sei. „Aber ich bin doch auch immer da, wenn du mich brauchst”, sage ich zu Mona. „Ich weiß, Liebes, aber du müsstest nicht. Ich brauche jemanden, der muss.”

Ja, da habe ich auch kurz überlegt, ob David weiß, auf was er sich da einlässt. Auf der anderen Seite ist Mona aber auch eine, die wahnsinnig viel in eine Partnerschaft investiert. Eben typisch für Menschen, die dringend eine Beziehung brauchen. Sie sind zu erstaunlichen Anpassungsbemühungen bereit.

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Sich nicht mit sich selbst auseinander setzen wollen

Sicherlich spielen bei einigen dieser Dauerbeziehungsführer*innen auch Elemente tiefgreifender psychologischer Mängel eine Rolle. Psycholog*innen sprechen beispielsweise von einer dependenten Persönlichkeitsstörung, wenn Menschen zu stark auf das Gefühl der direkten persönlichen Hinwendung gepolt sind. Wer so empfindet, fühlt sich allein oft ohnmächtig, wenig zu eigenen Entscheidungen in der Lage. Diese Menschen brauchen viel Aufmerksamkeit, können das eigene Ich schlecht aushalten. Sie wollen umsorgt werden. Mona kennt sicherlich auch Züge dieses Wunsches. Ein*e Partner*in leistet dann genau das, was sich Mona so ersehnt: Der*diejenige muss da sein. Das kann entlasten, wenn es mit der Selbstregulierung hapert.

Entlasten, statt sich mit der sonst auftretenden Frustration auseinanderzusetzen, der diese Menschen nicht viel entgegensetzen können. Dabei ist das Frustrationsgefühl meist eines, das diese Dauerbeziehungsleute exklusiv haben. So habe ich daher oft das Bedürfnis, Mona gut zuzureden: Lass doch mal gut sein. Denn ich bin sicher, dass Mona ein guter Single sein könnte. Eine, die endlich merkt, was sie an sich selber hat. Dass es keine hektisch herbeigeliebte Bestätigung braucht, keinen Beziehungsstempel auf der Stirn der sagt: Keine Sorge, diese Frau ist nicht allein! Denn sie wäre auch so nicht allein. Und sie hätte vielleicht weniger mit nicht-ganz-so-gut-passenden Partnern zu kämpfen.