Warum sich Mythen im Netz so schnell verbreiten

Gerüchte und Legenden dienen dazu, Gefühle und Ängste zu verarbeiten, sagen Experten. Ob sie wahr oder falsch sind, ist zweitrangig.

Großstadtlegenden und ihre Verbreitung

"Eine Freundin hat erzählt..." – Moderne Legenden verbreiten sich leicht. © Foto: wagg66 / Photocase.de

In Krisenzeiten schlage die Stunde des Gerüchts, erklärt das Fachjournal Psychologie Heute. Je stärker die Missstimmung unter den Menschen, desto stärker brodele die Gerüchteküche.

So lässt sich vielleicht erklären, warum das Netz gerade voll ist von Geschichten sind über Geflüchtete, die angeblich Autos, Häuser oder Luxusmöbel vom Staat geschenkt bekamen, die Schwäne aus dem Stadtpark fingen und aßen oder sich anderweitig daneben benahmen. Die Quellen zu diesen Gerüchten sind in der Regel Freund*innen, Bekannte, Kolleg*innen, die es beobachtet haben wollen. Diese Geschichten werden täglich geliked, geteilt, kopiert und weiterverschickt.

Im vergangenen Jahr geisterte ein Bild durch Facebook, dass einen jungen Mann mit blauem Auge zeigte. Aley Jones, der auf dem Bild zu sehen ist, beschrieb hierzu die folgende Situation: Er sei abends mit seiner Tochter unterwegs gewesen, als er überfallen wurde. Da er kein Geld bei sich trug, verprügelten die Täter ihn stattdessen. Die Täterbeschreibung fiel zwar sehr vage aus, aber sie hätten zumindest kein Deutsch gesprochen. Dann folgte seine eigene Einschätzung: „Wie soll das in unserem Land noch weiter gehen mit diesen Asylanten und Flüchtlingen, macht doch mal die Augen auf!“

Innerhalb weniger Tage wurde der Beitrag über eintausend Mal geteilt. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass Aley Jones seine Geschichte durch einen weiteren Post selbst widerlegte: Das blaue Auge sei mit Photoshop erstellt, der Post lediglich der Beweis dafür wie einfach es sei Rechtspropaganda unter das Volk zu mischen.

Die Gefühle sind Schuld

Der Ethnologe Wolfgang Morscher betreibt die Seite sagen.at und sammelt dort seit einigen Jahren die verschiedensten modernen Legenden und Großstadtmythen. Gegenüber Spiegel Online sagte er, er habe beobachtet, dass es in den modernen Sagen weniger darum gehe, ob eine Geschichte wahr oder falsch sei, sondern vielmehr um ihre gesellschaftliche Funktion; um die Unterhaltung oder die Verarbeitung eigener Gefühle, wie zum Beispiel Ängsten. Auch deshalb verbreitet sich das emotionale Gerücht immer besser, als die weniger emotionale Korrektur. 

Trotzdem ist die massenhafte Verbreitung von Gerüchten und Legenden nicht erst seit dem Internet ein Problem. Schon vorher gab es Geschichten, die vor allem über Mundpropaganda weitergetragen und immer wieder neu aufgegriffen worden sind: Etwa über eine Giftspinne, die aus einer frisch gekauften Yucca-Palme kroch, über einen geheimnisvollen Araber, der sich bei einer hilfsbereiten Passantin bedankte, indem er ihr riet am kommenden Wochenende das Oktoberfest zu meiden oder über Aids-Nadeln, die auf Kinositzen abgelegt wurden, um unschuldige Kinobesucher mit HIV zu infizieren. Entsprechende Meldungen Betroffener gab es bei der Polizei jedoch nicht.

Warum verbreiten sich diese moderne Legenden so gut? „Moderne Sagen bilden eine Realität ab, die die Gefühle der Menschen spiegelt. Die Geschichten scheinen so vertraut, dass man meint, sie müssten wahr sein“, sagt der Autor des „Lexikons der Großstadtmythen“, Bernd Harder. Außerdem ließen sie sich leicht weitererzählen. Da es immer der Freund eines Freundes war, übernehme man selbst keine Gewähr und habe trotzdem etwas spannendes zu erzählen. Besonders die vagen Quellenangaben sollten aber gleichzeitig ein warnendes Indiz für eine Falschmeldung sein.

Was im Netz beginnt, hat reale Folgen

Eine weitere Erklärung für die erfolgreiche Verbreitung von Falschmeldungen gibt der Soziologe Johannes Stehr: Man habe sich durch die Medien einfach daran gewöhnt, Unmögliches für möglich zu halten.

Um dem entgegenzuwirken widerlegt Stephan Dirks auf seiner Website hoaxbusters.de Großstadtmythen und Falschmeldungen. Er warnt: „Auch wenn es Ihnen mühsam erscheinen mag: Bitte informieren Sie sich und verbreiten Sie Meldungen über angebliche Untaten – von welcher Bevölkerungsgruppe auch immer –  nicht ungeprüft weiter. Weisen Sie andere auf Ihren Irrtum hin, wenn Sie Falschmeldungen entdecken. Was als Hetze im Netz beginnt, hat immer öfter reale und brutale Folgen.“

Mit Blick auf die Gerüchte über Geflüchtete heißt das: Falschmeldungen und Mythen tragen zu einer Stimmung bei, aus der heraus fremdenfeindliche Angriffe geschehen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder selbst ermahnen, nicht aufgrund von eigenen Vorurteilen, sondern mit Hilfe von Fakten zu urteilen.