Warum sich Studierende auch in Gender Studies ausgeschlossen fühlen

An der Humboldt-Universität zu Berlin entstand 1997 einer der ersten Gender-Studies-Studiengänge in Deutschland. Das Fach dient der Analyse von Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Es ist als offen und vorurteilsfrei angelegt – eine Studentin berichtet allerdings davon, dass das nicht immer gelingt.

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In Gender Studies begegnen sich alle Studierenden vorurteilsfrei? Geht so. sör alex/Photocase

Über die Gender Studies ist schon viel gemeckert, geschrieben und gezetert worden. Die AfD hat es sich sogar zur Aufgabe gemacht, das Fach ersatzlos aus der Hochschullandschaft zu verbannen.

Trotzdem zieht es immer wieder viele junge Menschen zu dem Fach der sozialen und biologischen Konstruktionen – so auch mich. Ich studiere an der Humboldt-Universität zu Berlin Deutsche Literatur und Gender Studies im mittlerweile vierten Fachsemester. Immer wieder bin ich konfrontiert mit allerlei Vorurteilen zum Thema, sodass ich mir eine Erwähnung meines Zweitfaches vor manch eine*r Kommiliton*in schon verkniffen habe.

Obwohl ich nach wie vor von der Sinnhaftigkeit meiner Fachwahl überzeugt bin, gibt es leider auch einiges zu bemängeln. So fiel es mir in den vergangenen zwei Jahren vergleichsweise schwer, in den Gender Studies Anschluss zu finden. Nun könnte man zunächst meine soziale Kompetenz in Zweifel ziehen. Dazu sei gesagt, dass ich derlei Probleme aus dem Studiengang Deutsche Literatur überhaupt nicht kenne.

Im ersten Semester habe ich zusammen mit einer Trans*-Person einen Vortrag gehalten. Ich selbst bin weiß, erkennbar nicht trans*-positioniert und verhalte mich wohl leider meistens meiner weiblichen Genderrolle entsprechend. Beim ersten Referatstreffen hat sich diese Person äußerst reserviert mir gegenüber verhalten, immer in der Erwartung, dass ich gleich womöglich etwas Verletzendes sagen könnte.

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Ich musste also erst beweisen, dass ich kein intolerantes Arschloch bin, sondern durchaus dazu imstande, mein Gegenüber nicht jedes Mal komisches anzusehen, nur weil er zu seinem Busen einen leichten Bartflaum trägt. Nach dem Referat bekam ich dann von meinem Kommilitonen erstaunliches Feedback: Die Arbeit mit mir habe ihm doch (überraschenderweise!) viel Spaß gemacht und sei auch für ihn lehrreich gewesen.

Selbstverständlich muss hier berücksichtigt werden, dass diese Person diskriminierende Erfahrungen gemacht hat, die ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann. Dennoch hätte ich es toll gefunden, wenn man auch mir vorurteilsfrei begegnet wäre.

Es entsteht ein Gefühl des Ausgeschlossenseins

Dieses Verhaltensmuster entdecke ich immer wieder bei anderen Gender-Studierenden. Mit einer echten Kontaktaufnahme wollte es einfach nicht so recht klappen.

Eine Kommilitonin erzählte mir, dass sich in ihrem Gender-Tutorium eine Studentin offen beklagt hätte, dass sie unter den Studierenden einfach keinen Anschluss fände. Und ohne diese Studentin verurteilen zu wollen: Sie war ziemlich blond, stark geschminkt und trug lange künstliche Fingernägel. Die Kommilitonin, die mir von dieser Geschichte erzählt hat, war nach einem Semester so enttäuscht und desillusioniert von diesem Ausschluss in den Gender Studies, dass sie schließlich ihr Zweitfach wechselte.

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Als ich schließlich selbst in diesem Tutorium saß, wurde mir bewusst, dass ich das Gefühl des Ausgeschlossenseins ziemlich gut nachvollziehen konnte. Zwar wurden die Studierenden immer wieder zur Teamarbeit angeregt. Das führte in meinem Fall jedoch nur zu noch mehr Unsicherheit, da ich das Gefühl hatte, dass man mit mir unter normalen Umständen gar nicht geredet hätte.

Schließlich kam es zu einer Schlüsselsituation, die bezeichnend war – für alles, was ich bisher erlebt hatte. Ich beschloss, einfach in der nächsten Sitzung des Seminars mal die Sitzreihe zu wechseln, um dort vielleicht mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die ich bisher noch nicht kennengelernt hatte. An der eigenen Unzulänglichkeit müssen ja nicht immer zwingend die Anderen schuld sein. Kurz vor Beginn des Seminars wurde ich dann auch tatsächlich von einem Kommilitonen angesprochen. Nachdem ich fast dachte, dass mein genialer Schachzug sofort Wirkung zeigen würde, bat er mich, den Platz zu wechseln. Seine Freundin wolle dort neben ihm sitzen.

Jeder sollte einmal in ein Gender-Seminar gehen

So bin auch ich etwas ernüchtert aus dieser Erfahrung gekommen. Stellt sich also die Frage, warum ich nicht wie meine Mitstudentin das Fach gewechselt habe. Trotz dieser kleinen sozialen Misserfolge waren die Gender Studies für mich unheimlich horizonterweiternd. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie Machtmechanismen in unserer Gesellschaft funktionieren. Kulturelle Einschreibungen, die man vorher gar nicht benennen konnte, werden plötzlich sichtbar und zum Teil eines großen Puzzles, das ich bis heute – und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit – nicht werde durchblicken können.

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Ein Gender-Seminar kann ziemlich nervenaufreibend werden, was aber einfach daran liegt, dass über Diskriminierung und ihre Funktionsweise gesprochen wird. Da können sich Angehörige bestimmter sozialer Gruppen auch mal angegriffen fühlen. Das kann aber bei dem Thema kaum vermieden werden. Im Gegenteil dazu ist ein schöngeistiges Literatur-Seminar natürlich angenehmer. Das sollte aber keine Ausrede dafür sein, sich vor den unangenehmen, problematischen Themen zu drücken.

Deswegen würde ich auch heute noch dazu raten, sich mal in ein Gender-Seminar zu verirren. Die Grenzen sind noch nicht so austariert wie in den altehrwürdigen Studiengängen. Als Studierende hat man erstaunlich großes Mitspracherecht. Ich habe erlebt, wie komplette Seminarpläne auf den Protest der Studierenden hin angepasst wurden. Obwohl ich die Literaturwissenschaft liebe: Das würde da nie im Leben passieren.