Warum Straßennamen aus der Kolonialzeit endlich abgeschafft gehören

Egal, ob die Mohrenstraße in Berlin oder die Wissmannstraße in Hamburg. Für schwarze Menschen ist es eine Farce, über Straßen zu laufen, die an Sklaverei erinnern.

Das Straßenschild der Mohrenstrasse in Berlin. © Britta Pedersen / dpa

Stell dir vor, es machen sich alle über dich lustig. Nur du selbst verstehst den Witz einfach nicht. Genau so fühle es sich an, als schwarze Deutsche mit dem Fahrrad die Berliner Mohrenstraße entlangzufahren, sagt Shelly, eine 25-jährige Musikerin und Wahlberlinerin. Früher habe sie nie hinterfragt, warum es in ihrem Heimatort in Oberfranken eine Mohrenapotheke gäbe. Je mehr ihr jedoch bewusst wird, wie viel Rassismus ihr im Alltag begegnet, desto weniger will Shelly sich mit rassistischen Straßennamen abfinden. Darum tritt sie beim Straßenfest zur Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin auf.

Zweihundert Menschen versammelten sich vor Kurzem am Internationalen Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel auf dem Berliner Hausvogteiplatz. Sie demonstrieren schon zum vierten Jahr in Folge für die Umbenennung einer Straße, die für sie einen abwertenden Begriff normalisiert. „Rassistische Straßennamen sind Ausdruck einer Ideologie, die dem Kolonialismus zur Legitimierung galt“, erklärt eine junge schwarze Frau ihre Teilnahme an dem Straßenfest. „Deshalb sind sie für von Rassismus betroffene Menschen, also Schwarze und People of Color, in dieser und anderen Städten schmerzhaft und auch nicht hinnehmbar.“

Eine Anwohnerin, die das Fest von der anderen Straßenseite beobachtet, kann über solche Argumente nur den Kopf schütteln: „Mohrenstraße ist Mohrenstraße. Da denke ich nicht jedes Mal an eine schwarze Person, das ist für mich einfach eine Straßenbezeichnung.“ Für sie gehe es vor allem um eine Geschmacks- und Generationenfrage. Zwar sei Mohr ein veralteter Begriff, die Straße gehöre aber nun mal zur Berliner Innenstadt und ihrer Geschichte.

Demonstrant*innen in der Berliner Mohrenstraße, die sie kurzerhand zur Anton-W.-Amo-Straße umbenannten, um an die Schrecken der Sklaverei zu erinnern. © Maja Sojref

Geschichtsverzerrung oder Rassismus?

Wie die über 300 Jahre alte Mohrenstraße zu ihrem Namen kam, ist umstritten. Der Historiker Ulrich von der Heyden führt den Straßennamen auf den Besuch einer afrikanischen Delegation im Jahr 1684 zurück. Er legte 2004 in einem Gutachten für die zuständige Bezirksverordnetenversammlung dar, warum der Begriff Mohr seiner Meinung nach nicht als rassistisch aufzufassen sei. Auf diese Argumentation stützt sich auch die Bürgerinitiative ProMohrenstraße, deren Vorsitzender Bodo Berwald vor „Geschichtsklitterung“ warnt.

Für seinen Fachkollegen Christian Kopp von Berlin Postkolonial steht dagegen fest, dass sich der Name auf verschleppte Afrikaner*innen bezieht, die am brandenburgisch-preußischen Hof als „Hof-“, „Leib-“ und „Kammermohren” dienen mussten. Von der Heyden’s These unterschlage den Fakt, dass Jugendliche afrikanischer Herkunft bereits seit dem späten 17. Jahrhundert nach Brandenburg entführt wurden, einige Familien gründeten und es demnach zum Zeitpunkt der Namensgebung 1706 bereits eine kleine Schwarze Community in Berlin gab.

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So werfen sich beide Seiten vor, die Geschichtsschreibung zu ihren Zwecken umdeuten zu wollen. Mit historischen Fakten allein ist die Debatte jedoch nicht zu gewinnen. Das zeigt der Widerstand von Anwohner*innen gegen die Umbenennung von Straßen, die immer noch nach deutschen Kolonialherren benannt sind.

Namen aus der Kolonialzeit sind ein gesamtdeutsches Problem

In München stritten Bürger*innen vier Jahre lang mit Lokalpolitiker*innen und Aktivist*innen um die Von-Trotha-Straße, einst benannt nach General Lothar von Trotha, der wesentliche Verantwortung für den Völkermord an den Herero im heutigen Namibia trägt. Die betroffenen Anwohner*innen fochten diese historische Tatsache nicht an, sie fühlten sich aber von der Entscheidung ausgeschlossen und mit den Kosten und dem administrativen Aufwand alleingelassen.

Bewohner*innen des Hamburger Stadtteils Wandsbek protestierten ebenso gegen die von der Bezirksversammlung beschlossene Umbenennung der Wissmannstraße. Mit der Straße ehrten die Nationalsozialist*innen 1939 Hermann von Wissmann, der einst einen blutigen Kolonialkrieg gegen die einheimische Bevölkerung des damaligen Deutsch-Ostafrikas führte. Die historische Figur habe mit der nach ihr benannten Straße längst nichts mehr zu tun, argumentierten Anwohner*innen in einem Brief an die zuständige Bezirksversammlung. Außerdem lenke die Debatte von den wahren Problemen des Stadtviertels, wie etwa den kaputten Bürgersteigen und maroden Schulen, ab.

Verklärte Nostalgie

Warum wehren sich Menschen vielerorts so vehement gegen die Umbenennung von Straßen, die Kolonialverbrecher ehren? Allein an der Angst vor Veränderung kann es nicht liegen. Schließlich wurden in Deutschland im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wieder Straßenschilder ausgetauscht, ohne dass jemand die Stalinallee oder den Hitler-Platz mit Hinweis auf den Aufwand einer Umbenennung verteidigt hätte.

Doch deutsche Kolonialgeschichte ist weder Teil der Lehrpläne noch der öffentlichen Erinnerungskultur. „Nicht nur über deutsche Kolonialverbrechen sondern auch über schwarze Präsenz und Geschichte in Deutschland wissen nur sehr wenige Menschen Bescheid“, vermutet auch eine Demonstrantin auf dem Berliner Hausvogteiplatz.

Ich will, dass die Menschen verstehen, was das für ein Gefühl ist, wenn du als Dunkelhäutige auf dieser Straße läufst.

Diese Lücken will das Bündnis Decolonize Berlin schließen. Im Rahmen des Straßenfestes taufen sie die Mohrenstraße symbolisch auf den Namen von Anton Wilhelm Amo um, der als Kind versklavt wurde und als erster Akademiker afrikanischer Herkunft in Deutschland schon im frühen 18. Jahrhundert für die Rechte Schwarzer Menschen in Europa stritt. Die Ehrung von afrikanischen Widerstandskämpfer*innen und anderen Persönlichkeiten auf deutschen Straßenschildern soll andere Perspektiven auf die Geschichte eröffnen und so den Anstoß für eine umfassende geschichtliche Aufarbeitung bieten.

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Auch für Shelly sind die Umbenennungen erst der Anfang: „Ich will, dass die Menschen verstehen, was das für ein Gefühl ist, wenn du als Dunkelhäutige auf dieser Straße läufst. Ich habe Geduld, ich erkläre ihnen das gerne auch noch öfter“, sagt sie. „Sonst könnten wir ja auch heute Nacht hingehen und das Schild übersprühen, aber davon haben wir ja auch nichts.“