Warum tragen eigentlich immer noch Frauen die Hauptverantwortung für Verhütung?

Warum herrscht bei diesem Thema nicht mehr Gleichberechtigung und was bedeutet diese Verantwortung für Frauen? Dazu hat die US-amerikanische Professorin Katrina Kimport geforscht.

Zum Sex gehören zwei, wieso sollte für die Verhütung nur eine Person zuständig sein? Foto: Pexes | CC0 Lizenz

Verhütung gleich Frauensache?

Derzeit wird viel über die Verhütung mit der Pille diskutiert, insbesondere aufgrund einer im Jahr 2016 erschienen Studie, die den Zuammenhang dieser Verhütungsmethode mit einer Erkrankung an Depressionen beleuchtet. Aber auch andere körperliche Nebenwirkungen und die Belastung, die mit einer täglichen Einnahme einhergehen, sind immer wieder Thema. Und nicht zuletzt, dass mit ihr, wie mit allen anderen gängigen und insbesondere hormonellen Verhütungsmethoden, die Frauen die Hauptverantwortlichen für die Verhütung in heterosexuellen Partnerschaften sind – und sich viele Männer gerne mit ihr aus der Verantwortung in Sachen Verhütung nehmen, auch wenn die Risiken durch eine hormonelle Verhütung auf der Hand liegen.

Die Frage ist immer wieder die: Warum interessieren sich Männer nicht mehr für das Thema? Schließlich geht es hierbei nicht nur um Schwangerschaften, sondern auch darum, sich nicht mit Krankheiten zu infizieren.

Wie schwer die Bürde der Verantwortung für die Verhütung in einer Beziehung für Frauen wiegt, hat die Soziologin und Professorin an der University of California Katrina Kimport für ihre wissenschaftliche Arbeit More than a physical burden: women’s mental and emotional work in preventing pregnancy erforscht und darüber mit Salon gesprochen – ein wichtiger Aspekt, der in einer Partnerschaft offen und ehrlich besprochen werden sollte.

Verhütung ist purer Stress

Die Hauptthese von Kimports Paper ist, dass Frauen nicht nur die körperlichen, sondern auch die mentalen und emotionalen Lasten der Verhütung komplett oder zu einem Mammutanteil tragen müssen – und vor allem, dass die mentale Last überhaupt nicht besprochen wird. Nicht nur müssen sie regelmäßige Arzt- und Apothekenbesuche in Kauf nehmen, sondern auch täglich – zumindest bei der Pille – an das Verhütungsmittel denken.

Hinzu kommen hormonelle und damit auch psychische und physische Veränderungen. Und natürlich die Angst, trotz Verhütung schwanger zu werden, die als Stressfaktor obendrauf kommt.

Zugegebenermaßen ist die Auswahl an Verhütungsmitteln für die Frau einfach größer. Allerdings sollte das nicht als Grund gesehen werden, einfach der Frau die gesamte Arbeit der Verhütung zu überlassen, hier kann der Partner auf jeden Fall mitunterstützen – sei es finanziell oder mit daran zu denken, denn auch das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Verglichen mit Männern haben Frauen einen wesentlich höheren Zeit-, Aufmerksamkeits-, Stress- und häufig auch finanziellen Aufwand, wenn es um die Verhütung geht. Da wird sich dann auch schon mal gefreut, wenn der Mann mal an Kondome gedacht hat, weil die Pille gerade aus irgendeinem Grund nicht wirkt. Aber das alleine reicht eben nicht.

Ein Großteil dieser Arbeit ist nicht sichtbar. Die Zeit, Aufmerksamkeit und der Stress, den Frauen durch Verhütung empfinden, wird normalisiert. Wir denken darüber als natürliches Nebenprodukt.“

Professorin Katrina Kimport

Selbst eine Vasektomie ist Frauensache

Sobald der Kinderwunsch abgeschlossen ist, wollen viele Partner das leidige Thema der Verhütung durch eine Vasektomie – die Sterilisation des Mannes – beenden. An dieser Stelle denkt man sich als Frau, dass endlich die Zeit gekommen ist, sich diesbezüglich zurücklehnen zu können. Allerdings ist dem nicht so.

In Interviews mit amerikanischen Ärzt*innen fand Kimport heraus, dass ein Großteil der Vorgespräche zur Vasektomie mit den Partnerinnen der Patienten geführt werden und nicht mit dem Mann selbst. Hinzu kommen noch die Fälle, in denen sich der Mann noch nicht komplett für eine Vasektomie entschieden hat und Frauen beraten werden, wie sie ihren Partner vom Eingriff überzeugen können. Was nicht nur fragwürdig ist, da jeder selbst über seinen Körper entscheiden sollte, sondern auch abermals die Frauen in die Verantwortung zieht. Ob das in Deutschland genauso ist, können wir an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Aber Klimport unterstreicht im Interview auch, dass es hier nicht um ein Männer-Bashing geht, sondern darum, dass mehr Gleichberechtigung, auch beim Thema Verhütung, in Beziehungen stattfinden sollte.

Das alles soll nicht sagen, dass Männer unverantwortlich oder faul sind.“

Professorin Katrina Kimport

Was kann geändert werden?

Leider können wir nicht von heute auf morgen ein neues Verhütungsmittel entwickeln, das Männer und Frauen gleichermaßen einbindet. Es gibt trotzdem einige Dinge, die wir ändern können. Das Wichtigste ist, dass wir endlich anfangen, offener über Verhütung zu sprechen. Die Verzweiflung und häufig empfundene Wahllosigkeit der Frau sollte ebenso thematisiert werden, wie die Möglichkeiten des Mannes, etwas zur Verhütung beizutragen.

Auch Ärzt*innen können sich stark an einer Verbesserung beteiligen. Sie müssten noch sehr viel mehr Aufklärung betreiben, denn viele Frauen wissen zu Beginn oder auch viele Jahre nicht, welche Risiken die Verhütung mit der Pille hat. Auch sollte schon jungen Mädchen und Jungen vermittelt werden, dass das Thema Verhütung sie beide betrifft.


Von Olga Felker auf EDITION F.

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