Warum uns übel wird, wenn wir im Auto lesen

Ein Neurowissenschaftler erklärt, warum uns während der Autofahrt schlecht wird, wenn wir lesen oder auf unser Smartphone-Display schauen: Das Gehirn denkt, wir seien vergiftet.

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Was denn jetzt: Sitze ich? Bewege ich mich? © GoodwinDan / photocase.de

Manchen von uns wird schlecht, wenn wir als Beifahrer*in im Auto ein Buch lesen. Einigen ging es nur als Kind so, andere leiden darunter bis ins hohe Alter. Es ist eine lästige Eigenart unseres Körpers. Aber warum ist das so?

Das Phänomen habe mehr mit unserem doch recht „idiotischen Gehirn“ zu tun, als uns lieb sei, erklärt Dean Burnett, Hirnforscher, Stand-Up-Comedian und Autor aus Wales in einem Interview mit National Public Radio. Er veröffentlichte kürzlich ein Buch mit genau diesem Titel: In Idiot Brain: What Your Head Is Really Up To geht es darum, warum unser Körper manchmal seltsame Dinge tut – wie etwa planlos in die Küche gehen, obwohl wir eigentlich ins Wohnzimmer wollten.

Burnett beschäftigt sich laufend mit all diesen fast lächerlichen Fehlern unserer Hirnarbeit – unter anderem mit der Bewegungskrankheit oder „Autokrankheit“, die für die Übelkeit während des Autofahrens verantwortlich ist.

Winzige Wasserwaagen in unseren Ohren

Vorab: Der Thalamus – der größte Teil des Zwischenhirns – ist dafür zuständig, die Signale, die unser Körper aussendet, richtig zu deuten. Wenn wir uns bewegen, arbeitet die Muskulatur und die Augen schätzen Distanzen ein, erklärt der Wissenschaftler. Zusätzlich verlässt sich der Körper auf kleine Sensoren in unseren Ohren, die dafür sorgen sollen, dass wir die Balance halten können.

„Das kann man sich vorstellen wie winzige Röhrchen, die mit Flüssigkeit gefüllt sind“, sagt Burnett. Und die Bewegung dieser Flüssigkeit sagt unserem Körper, was gerade passiert. Ähnlich einer Wasserwaage also. „Wenn wir auf dem Kopf stehen, wissen wir das. Und wenn wir schnell gehen, wissen wir das, weil die Flüssigkeit den Gesetzen der Physik gehorcht.“

Der Thalamus sammelt all diese Informationen und sendet einfache Botschaften aus, damit wir wissen, wo im Raum wir uns gerade befinden und was wir tun.

Das Hirn kommt nicht auf den Mix aus Signalen klar

Wenn wir nun in einem fahrenden Auto sitzen, sammelt der quasi ahnungslose Thalamus viele gemischte Informationen: Unsere Muskeln bewegen sich nicht, weil wir sitzen. Aber unsere Augen sehen, dass wir uns gerade faktisch doch irgendwie bewegen.

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Die Lage des Thalamus im Gehirn. © Gemeinfrei

Und dann kommt das Problem mit der oben genannten Flüssigkeit im Ohr hinzu, sagt Burnett: „Es schaukelt und schwappt durch die Gegend, weil wir uns bewegen.“ Unser Hirn bekommt also eine Kombination aus sensorischen Fehlinformationen geliefert. Und evolutionär bedingt gebe es nur eine Sache, die solche sensorischen Fehlinfos auslösen kann: eine Vergiftung. Darauf reagiert der Körper dann mit Übelkeit, schlimmstenfalls müssen wir uns übergeben.

Wenn wir nun aus dem Fenster blickten, reduziere sich das Problem etwas: Unsere Augen sehen, dass wir schnell vorankommen, Dinge fliegen vorbei – dem Gehirn wird mitgeteilt; da bewegt sich was. Die Symptome der Autokrankheit würden dadurch etwas abgeschwächt.

„Blicken wir allerdings nach unten in unser Buch, blenden wir all diese externen visuellen Informationen aus“, sagt Burnett. Statt unseren Augen also zu erlauben, die Ursache für unsere Übelkeit etwas abzuschwächen, verschlimmern wir die Situation dadurch wieder. Das ist übrigens auch die gängigste Theorie dafür, wieso wir seekrank werden, wie Science of Us berichtet: Sind wir auf einem Schiff, können wir gar keine Bewegung erkennen, die unserem Hirn auch nur irgendeine Form des visuellen Feedbacks gibt, um die Übelkeit zu verhindern.

Was Burnett im Interview nicht erklärt: Warum es nur manchen Menschen so geht. De facto gebe es auch keinen echten Grund dafür, sagt der Forscher. Es sei einfach eine „Laune der Evolution“. Es gebe außerdem keine Erklärung dafür, dass offenbar manche Menschen aus der Autokrankheit „herauswachsen“, wenn sie älter werden. Vermutlich gewöhnen sich nur einige Menschen an die sensorischen Fehlinfos, während andere es nicht tun.

Dennoch: Wenn wir den*die Fahrer*in das nächste Mal darum bitten, anzuhalten, weil uns schlecht ist, können wir wenigstens erklären, dass es nicht an uns liegt – sondern an unserem großartigen, aber manchmal etwas rückständigen Gehirn.