Warum verhalten wir uns so widersprüchlich?

Wir Menschen verhalten uns manchmal widersprüchlich, denken das Eine und tun etwas Anderes. Das muss nicht immer etwas Schlechtes sein.

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Wer sind wir? © erdbeersüchtig/photo case.de

Widersprüchlichkeit nervt, wir stören uns an ihr wie an einem kratzigen Pulli, an uns selbst und an anderen. Wir wollen unsere Haltung vertreten, immer, überall. Widersprüche gehören allerdings zu uns.

Wir sind die Guten

Unserer Generation ist nichts egal, in der Regel haben wir eine eindeutige Haltung zu jedem Thema. Und diese Position vertreten wir auch gerne nach außen; in den sozialen Netzwerken posaunen wir sie öffentlich hinaus. Wir retweeten, wir teilen, wir zeigen unsere Haltung. Um uns einzusetzen, für andere Menschen oder Dinge, die uns wichtig erscheinen.

Und wehe, wenn uns ein Kommentar nicht passt. Dann können wir auch mal böse werden. Wir drücken unsere Empathie aus, oder unseren Ärger. Denn wir wissen genau, wo wir stehen. Wer wir sind.

Nicht immer handeln wir jedoch nach unserer inneren Haltung: Weshalb geben wir nicht zu, dass wir Angst haben, im Dunkeln nach Hause zu gehen, packen aber heimlich unser Pfefferspray ein? Wieso beenden wir so ungern alte Freundschaften, obwohl wir einander nichts mehr zu sagen haben? Manche wettern gegen die Produktionsbedingungen von Discounter-Klamotten und kämpfen sich dann doch durch den Saison-Sale. Manche bleiben in ihrer WG hängen, obwohl sie dem Chaos innerlich längst entwachsen sind.

Wir verhalten uns widersprüchlich. Warum scheitern wir oft, warum können wir nicht handeln, wie wir denken? Weil wir zu bequem sind? Weil wir keine Zeit haben oder weil uns das Bild, das wir von uns digital aufzeigen, reicht, um ein gutes Gewissen zu haben?

Manchmal sollte man gehen

Dabei wissen wir eigentlich ganz genau, was uns gut tut und was nicht. Das können viele Dinge sein: ein Job, eine Beziehung, die Familie. Wir schaffen es oftmals nicht, diesen Menschen, diesen Orten, einfach mal den Rücken zu kehren. Obwohl wir es eigentlich gerne tun würden. Oftmals ändern wir nichts, in der Hoffnung, das Leben würde es für uns regeln oder die Person würde sich in Luft auflösen. Doch wir müssen es selbst in die Hand nehmen.

Falls wir wieder einmal dazu neigen, vorschnell über andere Menschen in unserem Umfeld zu urteilen, weil sie sich widersprüchlich verhalten, sollten wir uns fragen, weshalb sie das tun.

Erlaubt die Gesellschaft ihre Handlungsweise nicht, wollen sie nur die Erwartung anderer erfüllen? Dabei kommt mir ein Gemälde von einem Clown in den Sinn, der, nachdem er seine Maske abgenommen hat, in sich gekehrt auf einem Stapel von Büchern sitzt und mit trauriger Mine eine Blume betrachtet, die er in der Hand hält.

„Unser Handeln empfinden wir meist nicht als Widerspruch.“

– Samuli Schielke

Der Sozialanthropologe Samuli Schielke forscht über das gute Leben und widersprüchliches Verhalten. Er glaubt, dass es wahnsinnig umständlich wäre, wenn wir Menschen uns nicht widersprüchlich verhalten würden: „Wir müssten uns immer genau überlegen, welche Folgen unser Handeln hat. Jede Situation setzt andere Fähigkeiten voraus, wir ändern ständig unsere Meinung.“

Aber sollten wir uns nicht wenigstens ein bisschen schlecht deswegen fühlen? Schielke hat da eine ganz andere Perspektive: „Unser Handeln empfinden wir meist nicht als Widerspruch. Wir empfinden es erst dann als Widerspruch, wenn es uns moralisch stört. Ein Leben ohne Widerspruch gibt es nicht. Wir könnten gar nicht handeln, wenn wir uns nie widersprüchlich verhalten würden.“

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir uns manchmal widersprüchlich verhalten. Vielleicht brauchen wir in bestimmten Situationen eine Maske, die unser Innerstes schützt. Wir sind nicht immer in der psychischen Verfassung, Auseinandersetzungen bis zum Letzten auszutragen. Auch die Erhaltung des Familienfriedens kann in einer labilen Situation ein höherer Wert sein, als den eigenen Standpunkt durchzufechten.

Widersprüchlich erscheinendes Verhalten kann auch daran liegen, dass Menschen viele Facetten haben – und mal die Richtung ändern wollen. Würden wir uns immer starr verhalten, könnten wir uns nicht mehr entwickeln. Wer weiß schon immer, wohin es geht. So bleiben wir offen, lassen andere Meinungen und Aussagen in unser Leben. Bleiben kritikfähig. Auch kompromissfähig. Wir lernen dazu.