Warum Victor nach seinem Auslandssemester in ein Loch fiel

Nach dem Auslandssemester ging es unserem Autoren genau wie vielen anderen Studierenden: Er fühlte sich verloren und am falschen Platz. Warum ist das so?

Ich will zurück. Quelle: Unsplash/Noah Silliman/CC0

Eigentlich hatte ich gedacht, der härteste Part meines Auslandsjahres wäre es, Russisch zu lernen. Sechs Fälle, tausend Ausnahmen. Vielleicht auch mit der manchmal ruppigen Art der Kassierer*innen umgehen zu lernen. Was ich nicht geahnt hatte: Der härteste Part kam erst nach dem Ende meines Auslandsjahres. Ich musste mich wieder in Deutschland einfinden.

Ein Jahr habe ich in Moskau gelebt, mit meinen russischen Freund*innen an der Moskwa gesessen, über die Neutralität US-amerikanischer Massenmedien gestritten und vermutlich so viele Ausstellungen besucht wie davor in meinem ganzen Leben nicht. Schon nach einigen Stunden in Deutschland beschlich mich das klamme Gefühl: Ich will sofort wieder zurück nach Moskau. Die ersten Tage in der Heimat fühlte ich mich, als hätte mir jemand in den Bauch getreten. Mein Körper wollte mir wohl irgendwie sagen, dass gerade alles falsch in deinem Leben ist. Stundenlang saß ich auf meinem Bürostuhl und starrte aus dem Fenster. Wusste nicht, wo ich anfangen und was ich machen sollte mit meinem neuen alten Leben. Die Seele, das wurde mir dabei klar, reist eben langsamer als der Körper.

Rückkehrer*innen erliegen einer Illusion

Und das ist auch völlig okay so, sagen Expert*innen. „99 Prozent der Rückkehrer fühlen sich erst mal komisch“, sagt Gerlinde Gelina, die in Köln als Rückkehrberaterin arbeitet. Wir Rückkehrer*innen, sagt Gelina, leiden an einem sogenannten umgedrehten Kulturschock. Soll heißen: Wir glauben, dass wir nach einem Jahr im Ausland nur auf die Play-Taste drücken müssen und unser Leben genau da weitergeht, wo es vor der Zeit im Ausland aufgehört hat. Doch das ist eine Illusion, unsere Freund*innen haben sich verändert, das Land hat sich verändert. Vor allem aber haben wir uns verändert.

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Meine Diagnose ist also klar: Rückkehrer*innenschock, Post-Erasmus-Blues, die Expert*innen würden das Anpassungsstörung nennen. Nur wie kriegt man sie in den Griff? Die ersten Schritte übernimmt mein Unterbewusstsein ganz allein: In den ersten Tagen versuche ich, die alte Welt in meine neue zu holen. Ich höre all die Popsongs, die im russischen Radio hoch- und runterliefen und von denen meine Freund*innen sagen, sie seien schrecklicher als jedes Lied von Helene Fischer. Ich fahre mit Google-Streetview den großen stalinistischen Boulevard entlang, an dem ich in Moskau gewohnt habe. Ich scrolle durch die Instagram-Profile meiner russischen Freund*innen, als könnte ich sie über den Bildschirm nach Deutschland holen. Als ein Freund Fotos vom Moskwa-Ufer in der Abenddämmerung postet, sitze ich auf meinem Bett und weine.

Wie auf Droge

„Manche Rückkehrer schwelgen ständig in Erinnerungen, schauen täglich die alten Fotos durch und hören ihren Erasmus-Soundtrack“, sagt Thomas Abel, der als Psychologe beim Studentenwerk Frankfurt arbeitet. „Das ist eher hinderlich, um in Deutschland wieder anzukommen.“ Mir wird klar: Diese Bilder sind wie eine Droge, bringen erst das alte Gefühl zurück, doch danach kommt die Entzugsphase.

Also schalte ich die russischen Sender ab und höre wieder deutsches Radio. Allerdings, ganz aus meinem Leben verbannen will ich das Interesse an Russland und meine neuen Sprachkenntnisse auch nicht. Im Gegenteil: „Es ist ganz wichtig, die neuen Erfahrungen in das deutsche Leben zu integrieren“, sagt Rückkehrberaterin Gelina. Sonst würde man einen Teil seiner neuen Persönlichkeit abspalten – und das wäre auch nicht gesund. Ob man sich dafür im Netzwerk für Erasmus-Studierende in Deutschland engagiert, auf Slawist*innen-Partys geht oder in eine russisch-orthodoxe Kirche, ist völlig egal. Hauptsache keine Überdosis.

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Ich habe inzwischen eine Partnerin für ein Sprachtandem gefunden – und gehe ab und an in einem kleinen, russischen Laden einkaufen. So weiß ich, dass ich die Erfahrungen meines Russlandjahres so dosiert konsumieren sollte wie die klebrige, süße und ziemlich kalorienreiche karamellisierte Kondensmilch, die es in Russland zu jedem Pfannkuchen gibt.

Raus aus dem Alltagstrott

Und manchmal hilft es auch, das eigene Leben aufregender zu gestalten oder die eigene Stadt einmal mit den Augen eines*r Tourist*in zu entdecken. Denn zusätzlich zum Kulturschock platzt bei vielen Rückkehrer*innen die Erasmus-Blase: „Für die Auslandsstudenten hat sich die Welt in diesem Jahr ganz schnell gedreht – und dann kommen sie plötzlich wieder in den Alltagstrott“, sagt Thomas Abel. Diesen Kontrast sollte man vermeiden. Ich zum Beispiel habe aufgebrezelt eine Kinopremiere besucht, mich für eine abendliche Vorlesungsreihe angemeldet – und in einen dieser klischeehaften roten Touribusse gesetzt.

Ach, und diesen Text geschrieben.