Warum Wiederkommen so schwierig ist – Das lähmende Gefühl nach meinem Auslandsaufenthalt in Mailand

Unser Autor lebte zehn Monate in Mailand. Obwohl er seine Familie und Freund*innen vermisst hat, musste er bei seiner Rückkehr in ein kleines niedersächsisches Dorf feststellen, dass das Wieder-Zuhause-Sein oftmals mit gemischten Gefühlen verbunden ist. 

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Zurückkommen ist manchmal schwerer als Losziehen. Pixabay/CC0

Auf, auf und in die Welt hinaus, dachte ich mir. Alle Gewohnheiten hinter mir lassen, woanders ein neues Leben aufbauen und viele neue Erfahrungen sammeln. Das kostet Mut. Doch in den letzten Tagen habe ich gelernt, was mindestens genau so viel Mut kostet: Zurückkommen.

Nachdem ich für einige Zeit von meinem Zuhause weg war, fing ich an, mir auszumalen, wie das Zurückkommen sein würde. Wie es sein würde, meine Freund*innen und meine Familie wieder in die Arme zu schließen. Als das Ende meines Aufenthalts greifbar wurde, ging die Vorfreude los: Ich zählte die Tage bis zum Rückflug. Auch wenn ich die Zeit im Ausland genossen habe, war die Freude auf das Heimkommen mein ständiger Begleiter.

Beim Musikhören stellte ich mir vor, wie ich mit meinen besten Freund*innen zu unserem Lied singen und tanzen würde. Beim Laufen dachte ich, wie ich mit meiner Schwester zusammen um den See joggen würde. Ich freute mich darauf, ihnen von allem zu erzählen. Denn im Verlauf meiner Zeit im Ausland lernte ich genau das wertzuschätzen, was immer Normalität war, ich aber in dem Moment nicht haben konnte: Die Zeit mit meinen Nächsten. Also war ich, bevor es zurück nach Hause ging, tierisch aufgeregt und voller Vorfreude. Das, was ich so vermisst hatte, würde ich bald noch mal neu erleben. Leider ein Trugschluss.

Kaum war ich zu Hause, sehnte ich mich wieder nach der weiten Welt. Und das, obwohl ich mich doch so gefreut hatte auf die Zeit in der Heimat. Wie kann das sein?

Alles ganz anders und dennoch gleich

Wenn ich jetzt zurückdenke, ist es offensichtlich: Wenn man von Zuhause weg ist, wird die Zeit nicht angehalten. Alles verändert sich.

Doch ich selbst war nicht dabei, als sich die Leben der Menschen in meinem gewohnten Umfeld veränderten.

Während ich ins Ausland zog, gingen die meisten meiner Freund*innen an die Universitäten Deutschlands oder stürzten sich ins Arbeitsleben. Als ich zurückkam, war kaum noch jemand da. Meine Pläne, all das nochmal zu erleben, was wir vorher gemeinsam erlebt hatten, waren dahin: Nur die wenigsten hatten tatsächlich Zeit. Jahrelang gingen wir gemeinsam zur Schule, nach dem Abi brach das weg. Unsere Alltagsleben kreuzten sich nicht mehr, da wir uns nicht mehr jeden Morgen sahen. So verloren sich schon viele Freunde aus den Augen. Das war bei mir nicht anders.

Bevor ich in die Welt hinauszog, war ich frisch verliebt. Noch nichts Festes, aber es hätte etwas Festes werden können, wäre ich nicht weggegangen. Das begann ich mir vorzuwerfen, als ich zurück kam und meine Chance vertan war.

„Ich erzähle dir das alles, wenn du wieder da bist“

Ich kam mir vor, als wären sämtliche Veränderungen in den Leben meiner Freund*innen hinter meinem Rücken passiert. „Ich erzähle dir das alles, wenn du wieder da bist“, versicherten sie mir. Doch als ich wieder da war, war es zu spät. Die Geschichte sei zu lang, um sie jetzt nochmal zu erzählen, hieß es dann. Die Leute, die mich zuvor ständig nach meiner Meinung gefragt hatten, erzählten mir nun nicht mehr von ihren problemen. Ich bekam nichts mit und dann war „plötzlich“ alles anders. Alle anderen hatten sich im Gegensatz zu mir in der Zwischenzeit schon an Neuentwicklungen gewöhnt. Nun lag es allein an mir, mit dem Neuen klarzukommen.

Zur gleichen Zeit war alles dennoch furchtbar gleich. Auf den Partys, auf die ich ging, war ich schon viel zu oft. Die gleichen Bands, die gleichen Gesichter und die gleichen Getränke. „Komm, lass uns an die Theke“. Ein Bier und ein Korn. Natürlich.

Ich unterhielt mich mit Leuten, die sich seit Jahren nicht verändert hatten, mir aber vorwurfsvoll erklärten, dass ich ein ganz anderer Mensch geworden sei. Ich riet ihnen innerlich, auch ein anderer Mensch zu werden, denn sie kritisierten Ausländer für ihr schlechtes Deutsch oder ihren scheinbar geringen Arbeitswillen. „Leicht zu sagen, wenn man selbst nie Ausländer war“, dachte ich, der zehn Monate selbst mit einer fremden Kultur und Sprache zu kämpfen hatte, immer wieder. Ich realisierte, dass nicht jeder auf die gleiche Weise über den Tellerrand geschaut hatte. Schauen wollte.

Engstirnige Einstellungen, die mich schon immer nervten und in der Metropole Mailand so anders waren, waren noch immer gleich: Denunzierende Aussagen über Ausländer, Vegetarier und Homosexuelle standen in dem kleinen Dorf in Niedersachsen genau so auf der Tagesordnung wie eh und je.

Mit der Weltoffenheit, mit der die Leute mir in Mailand begegneten, wollte ich von nun an auch anderen begegnen. Ich wollte die umfassende Toleranz nicht wieder abgeben müssen. Aussagen wie „Du bist nicht mehr in Italien, zieh dich wieder normal an!“ auf Dorffesten machten mich fassungslos, denn ich hatte mir solche Sticheleien zu lange nicht antun müssen, als dass ich sie noch gutheißen hätte können. Ich musste mir ständig Mühe geben, meinem Gegenüber keine Standpauke zu halten. 

Mein alter Platz passte mir nicht mehr

Als ich wieder in jenem Jugendzimmer schlief, in dem ich schon Jahre geschlafen hatte, mit dem Auto meiner Eltern durch die Gegend fuhr und meine Mutter versuchte, mir vorzuschreiben, wann ich von der Party zu Hause sein sollte, fühlte ich mich, als würde mein Umfeld meinen Reifungsprozess mit Füßen treten.

Ich hatte den Eindruck, keiner würde sehen, wie sehr ich mich verändert hatte. Ich hatte im Ausland doch so viel gelernt: Ich hatte meine eigene Wohnung, selbst geputzt und gekocht, kam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hin. Ich traf meine eigenen Entscheidungen. Ich war nur mir selbst Rechenschaft schuldig, weil ich niemanden um Erlaubnis bitten musste. Wenn ich abends zu lange draußen war und am nächsten Tag arbeiten musste, war das mein Problem. Ich bin gereift, habe mich verwirklicht und bin selbstständiger geworden. Kurzum: Ich wurde erwachsen. 

Die Leute, die ich im Ausland traf, hatten eins mit mir gemeinsam: ihre Wanderlust. Wir teilten ein Lebensgefühl. So viele verschiedene Sprachen und doch eine Gemeinsamkeit:das Fremdsein. Die Angst, die Zuversicht, die Nervosität, das Überwältigtsein vom Neuen. Es wurde für mich zur Selbstverständlichkeit.

Ich fing an zu verstehen, wovon die Reiseverrückten immer sprachen: Mich hat das Fieber gepackt, ich wollte wieder raus und mich in das nächste Abenteuer stürzen. Mal sehen, wie lange ich noch zu Hause bleibe.

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