Warum will ein 26-Jähriger für die FDP in den Landtag?

Moritz Körner ist 26 und gerade erst mit seinem Studium fertig. Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen könnte er für die FDP im Landtag sitzen.

Moritz Körner kandidiert bei der Landtagswahl in NRW für die FDP. © Felix Huesemann

Moritz Körner ist im Wahlkampfmodus. Er will in den Düsseldorfer Landtag, in die große Politik. Und er hat gute Chancen, dort nach der Landtagswahl im Mai einzuziehen.

Ein Politik-Neuling ist der 26-Jährige nicht. Mit 17 ist er den JuLis beigetreten, der Jugendorganisation der FDP. Wieso ausgerechnet die Liberalen? „Quasi aus Notwehr”, sagt Moritz und lacht. „Ich hatte einen Geschichtslehrer”, erklärt er, „der meistens nicht wirklich Unterricht nach Plan gemacht hat. Stattdessen haben wir erstmal eine halbe Stunde lang über aktuelle politische Themen gesprochen. Irgendwann fragte der mich: ‚Körner, was sind Sie eigentlich politisch?’ Aus einer gewissen Grundhaltung heraus habe ich gesagt: Ich bin Liberaler. Seitdem hatte ich den Stempel weg und musste jede Stunde spaßeshalber verteidigen, was Guido Westerwelle schon wieder gesagt hat.”

Auch wenn Moritz sich selbst als Liberaler bezeichnete – so ganz überzeugt von der liberalen Partei war er anfangs nicht. „Die FDP als Steuersenkungs- und Wirtschaftspartei hat mich nicht zu 100 Prozent überzeugt”, sagt er. Dann hat er aber eine Rede des damaligen Vorsitzenden der Parteijugend gehört.

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Die Jungliberalen, erzählt er, hätten sich damals für einen Liberalismus eingesetzt, dem es nicht in erster Linie um Steuersenkungen geht, sondern der sich um alle Belange des Lebens kümmert. Mehr Bildungschancen zum Beispiel, weniger Überwachung durch den Staat. Begriffe, die man eher auf der linken Seite des politischen Spektrums erwarten würde. Die Rede hat Moritz überzeugt, Mitglied der JuLis zu werden.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Kurze Zeit später wurde Moritz Kreisvorsitzender der JuLis in Mettmann, in der Nähe von Düsseldorf. Es dauerte nicht lange, bis er dann auch in die Mutterpartei eintrat und dort zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden wurde. Erst kürzlich wurde er zum fünften Mal in Folge zum Landesvorsitzenden der Jungen Liberalen in Nordrhein-Westfalen gewählt. „Das ist ein bisschen wie eine Droge, man braucht immer mehr”, sagt er lachend. In Sachen Aufstiegsmöglichkeiten unterscheidet sich die FDP von der SPD oder CDU. „Du musst nicht erst 30 Jahre lang Plakate kleben, bevor du mal etwas machen darfst.” Liegt das daran, dass die FDP so offen ist oder fehlen ihr einfach die Leute? „Ich glaube beides”, gibt Moritz zu.

Das FDP-Steckenpferd: was mit Internet

Die FDP will weg von dem Ruf, hauptsächlich alte weiße Männer in grauen Anzügen zu vertreten. Heute versuchen die Liberalen, sich jung und hip zu geben. Die Start-up-Partei. Die Partei der Digitalisierung. Aber was heißt das eigentlich und warum soll man das wählen?

Und um zukunftsfähig zu bleiben, müsse sich in Deutschland einiges ändern, sagt Moritz. „Wir müssen beim Thema Digitalisierung schneller werden”, findet er. Ginge es nach ihm, würden die staatlichen Anteile an der Post und der Telekom verkauft und der Gewinn in ein flächendeckendes Gigabit-Netz gesteckt werden. Auch die Bildung will er digitalisieren, um Schüler*innen auf neue Jobs vorzubereiten, die in den nächsten Jahren entstehen werden.

Dass Digitalisierung ein wichtiges Thema ist, haben aber natürlich auch andere Parteien erkannt. Mittlerweile hat die CDU die Digitalisierung zum Leitthema gemacht.

Leistungsprinzip versus Sozialabbau

Lange galt die FDP in erster Linie als Unternehmer-Partei, die wenig mit sozialer Gerechtigkeit und Absicherung am Hut hat. Hat sich das geändert? Moritz sagt, er habe nichts dagegen, auch darüber zu reden, wie der Wohlstand verteilt werden soll. Zuerst müsse man aber darüber sprechen, wie man überhaupt etwas zum Verteilen bekomme. „Wir brauchen in Deutschland wieder einen Blick dafür, wovon wir in Zukunft leben wollen”, sagt er.

Läge es an dem 26-Jährigen, würde im Bereich der Sozialhilfe einiges anders organisiert werden. Das Arbeitslosengeld zum Beispiel. Das FDP-Konzept dafür heißt Bürgergeld: Wer wieder in den Arbeitsmarkt einsteigt, aber nicht viel verdient, soll das Bürgergeld erstmal weiter bekommen. Das soll Arbeitslose dazu anregen, sich einen Job zu suchen, auch wenn der schlecht bezahlt ist. Und denen, die – obwohl sie könnten – nicht arbeiten, soll das Geld gekürzt werden. Liberale würden sagen, das stärke die Verantwortung des Einzelnen. Linke und Sozialdemokrat*innen würden wohl eher von Sozialabbau sprechen.

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Und wie steht Moritz zur Flüchtlingspolitik? „Ich fand die Öffnung der Grenzen richtig, sagt er. „Ich finde es wichtig, dass wir solidarisch sind und dass es die Möglichkeit gibt, in Deutschland Asyl zu beantragen.” Moritz hat aber auch Kritik an der Bundesregierung. Er fordert beispielsweise, dass die europäischen Außengrenzen besser gesichert werden müssen. Die FDP will stattdessen für gut ausgebildete Nicht-Europäer*innen durch ein Einwanderungsgesetz die Möglichkeit schaffen, auf legale Weise nach Europa zu gelangen. Und Menschen, die zwar kein dauerhaftes Asyl bekommen, sich aber gut integriert und einen Job haben, will Moritz ebenfalls ermöglichen, in Deutschland zu bleiben.

„Ich gehe auf jedes Podium, auf dem ein AfD-ler ist!”

Moritz hat kein Problem damit, über seine politischen Überzeugungen zu diskutieren – mit Parteifreund*innen aber auch mit Leuten, deren Überzeugungen er so gar nicht teilt. „Ich gehe auf jedes Podium, auf dem ein AfD-ler ist und zwar gerne”, sagt er. „Ich will die demaskieren. Ich will denen nicht sagen, was für rechte Idioten sie sind. Darauf sind die vorbereitet. Die können dir in 300 Varianten sagen, warum sie nicht rechtsradikal sind. Aber wenn du mal bewusste Neugier auf ihre politischen Forderungen richtest, sind sie völlig überfordert.”

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Generell wünscht sich Moritz mehr Diskussionen in unserer Gesellschaft: „Viele Leute haben das Gefühl, dass das politische System ein Einheitsbrei ist. Darum müssen wir wieder mehr debattieren und unsere Meinungen klarer machen. Politiker dürfen sich dabei auch nicht scheuen, Positionen zu vertreten, die nicht alle gut finden. Wir müssen die Unterschiede deutlich machen, aber ohne dabei in ein Bashing der anderen zu verfallen.”

Der Wahlkampf wird ihm dazu jede Menge Gelegenheiten bieten. Und wenn es in Nordrhein-Westfalen besser für die FDP läuft als im Saarland, dann führt Moritz solche Diskussionen vielleicht bald auch im Landtag.