Warum wir alle öfter Nein sagen sollten

Wir sollen das Meiste aus unserem Tag herausholen – möglichst viel mitnehmen. Aber wäre es nicht besser, wenn wir öfter einfach mal “nein” sagen würden?

© Fritz Donath/photocase.de

Einfach mal zurücklehnen. © Fritz Donath/photocase.de

Vor ein paar Tagen tauchte in meiner Facebook-Timeline folgender Spruch auf: “Wir haben nur zwei Tage im Leben, die nicht 24 Stunden lang sind. Genießt die Zeit dazwischen, zu oft ist sie viel zu kurz.” Reflexartig klickte ich auf “like”. Denn klar: Das Leben IST zu kurz. Eine Weisheit, die wir im Alltag oft vergessen, vielleicht auch, weil sie ziemlich banal ist.

Aber anders als all die Tausend anderen YOLO-Memes ging mir dieser Spruch nicht mehr aus dem Kopf. Als ich nachts im Bett lag, war er plötzlich wieder da. Und baute sich mit sorgenvollem Blick vor mir auf: “Schon wieder ein Tag vorbei! Schon wieder mehr Sand, der in deiner Lebensuhr nach unten gerieselt ist! Was hast du daraus gemacht?”

[Außerdem bei ze.tt: Freundschaften werden immer wichtiger sein als mein Partner]

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Denn ja, ich hätte sicherlich mehr aus diesem Tag machen können. Ich hätte das Treffen im Park nicht absagen müssen, hätte doch noch schnell eine Runde über den Flohmarkt drehen können, hätte unbedingt noch L. anrufen sollen. Ich hätte die Zeitung lesen sollen, die ich mir letzten Donnerstag gekauft hatte, hätte überhaupt mehr lesen sollen. Und laufen sollen, oder überhaupt Sport. Hätte so vieles, doch jetzt lag ich im Bett. Und wurde älter, ohne dass ich dabei etwas tat.

YOLO, FOMO, AHHHH!

Mit meiner nächtlichen Angst bin ich nicht alleine. Wir kennen sie alle. Es ist eine moderne Angst. Die Angst, nicht oft genug “ja” gesagt zu haben. Es ist FOMO (Fear Of Missing Out),  die Angst, etwas zu verpassen. In der Kunstgeschichte gibt es einen Begriff, der dazu passt. Man nennt ihn “horror vacui” (“Die Angst vor der Leere”), wenn alle freien Flächen einer Leinwand mit Ornamenten ausgefüllt werden. Betrachtet man ein solches Bild, findet das Auge kaum Ruhe, denn die Bilder wirken manisch und rauschhaft.

—> hier ein Beispiel für horror vacui

Vielleicht, frage ich mich manchmal, wirken auch wir – könnte man uns als Bild betrachten – wie leibhaftige “horror vacui”. Wuselnde Wesen, deren Angst vor dem ausgelassenen Leben, uns zu ewigen Ja-Sager*innen macht. “Bloß! Nichts! Verpassen!” als moderner Imperativ.

Während uns also YOLO pseudo-philosophisch zu ständigen Unternehmungen antreibt, können wir mit FOMO im Nacken auf unserer Facebook-Timeline nachgucken, was uns wirklich fehlt. Das vermeintlich gelebte Leben.

“Ich hasse mein Leben, denn es stiehlt mir meine Zeit” (Schnipo Schranke)

Und so lassen wir uns wieder verführen, zu allem “Ja” zu sagen. “Ja” zur Party-Einladung, “Ja” zum Sporttreff, “Ja” zum Kino, “Ja” zum Cocktail-Abend. “Ja” zu Überstunden. “Ja” zur Fitness, zum Detox, zum Brunch. Und, nicht vergessen: “Pictures, or it didn’t happen!”

[Außerdem bei ze.tt: Essena wollte beliebt auf Instagram werden. Jetzt reicht es ihr.]

Wir sagen “Ja” zu allem, und merken gar nicht, dass wir vielleicht schon längst die Kontrolle darüber verloren haben, ob wir das alles wirklich wollen. Und wer wir sind. Was das alles soll. Ob das auch anders ginge. Und überhaupt. Aber für solche Fragen haben wir dann leider keine Zeit mehr.

Denn wer zu allem “Ja” sagt, der ist zwar nachts zu müde um sich vor YOLO-Memes zu fürchten, aber ob das ein Beweis für ein wirklich erfülltes Leben ist?

Und alle so: “Nein”

Ich glaube, wir sollten dagegen etwas unternehmen. Gegen den “Ja”-Wahn. Ganz einfach. Wir sollten öfter mal “Nein” sagen. Denn von den Tausend Möglichkeiten, die uns geboten werden, passt einfach nicht alles zu uns. Ob es die Party-Einladung oder die Vertragsverlängerung ist. Nicht alles, was uns als tolle Möglichkeit dargeboten wird, ist nämlich auch eine. Manchmal brauchen wir einfach etwas anderes. Keine Konzern-Karriere. Keine Party des Jahrhunderts. Sondern Zeit für an die Decke starren. Zeit zu träumen, rumzuspinnen und zur Ruhe zu kommen. Zeit für uns selbst.

Klar, “Nein” ist nicht populär. Im Job versteht niemand, wenn man ein neues Projekt ablehnt, oder die Vertragsverlängerung nicht will. Freunde verstehen nicht, warum wir nicht mit auf’s Festival wollen. Gerade keinen Alkohol trinken. Um 23h ins Bett wollen. Lieber mal nichts tun. “Nein” ist immer der Buhmann.

Deshalb braucht “Nein” sagen auch Mut. Den Mut, sich den „Ja“-Sager*innen entgegen zu stellen. Den Mut sicher zu sein, dass wir auch etwas erleben, wenn sich davon kein Instagram-Post machen lässt. Den Mut, genau dass auch als Freiheit wahrzunehmen.

Und wir sollten unsere “Neins” auch nicht bereuen. Denn eines ist klar: Die Angst, etwas zu verpassen, bringt nichts. Egal wie oft wir „ja“ sagen, wir verpassen immer etwas. Das ist die Physik des Lebens.

Also: Öfter mal “Nein” sagen. Und damit das YOLO-Monster aus dem Schlafzimmer jagen.