Warum wir auch frühe Fehlgeburten endlich als Verlust anerkennen sollten

Aus medizinischer Sicht ist das Ende einer Schwangerschaft vor der zwölften Woche alltäglich – für Betroffene dagegen häufig eine Katastrophe. Der Schmerz darf nicht kleingeredet werden.

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Als Lena mit 29 ihren ersten positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält, überlegt sie kurz, ob sie ihren Freundinnen davon erzählen soll. Sie ist damals in der siebten Woche. Vor der zwölften spricht man eigentlich nicht davon – falls doch etwas schief geht. So viel weiß sie.

Trotzdem entscheidet sie sich dafür, die Neuigkeiten zu teilen. „Die Freude war einfach zu groß – ich hätte sie nicht verbergen können“, so Lena. „Gleichzeitig hatte ich noch nie von einer Frau in meinem Umfeld gehört, die eine Fehlgeburt erleben musste. Ich dachte: Das passiert nicht wirklich. Nicht mir.“

Aber Lena passiert es doch. Zweimal kurz hintereinander. Und beide Male weiß sie nicht, wohin mit dem Schmerz. „Da meine Freundinnen von den Schwangerschaften wussten, konnte ich mit ihnen zwar über die frühen Fehlgeburten sprechen – aber verstehen konnten sie mich nicht“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, allein mit meiner Erfahrung zu sein. Dass etwas nicht mit mir stimmen würde. Oder warum ging es bei allen anderen gut?“ Dr. Christine Klapp, gynäkologische Oberärztin an der Berliner Charité, weiß, dass dieser Eindruck täuscht. „Aus medizinischer Sicht ist eine frühe Fehlgeburt relativ alltäglich“, sagt sie. „Bei den frühen Fehlgeburten, die klinisch festgestellt werden, schwanken die Zahlen seit Jahren zwischen 15 und 20 Prozent.“ Der Anteil der extrem frühen, nur biochemisch feststellbaren Aborte werde sogar auf bis zu 50 Prozent geschätzt.

Frühe Fehlgeburten kommen häufig vor, aber Betroffenen nützt die Info bei der Trauerarbeit wenig

Es sind Werte, die vielen gar nicht bewusst sind und erst mal sacken müssen. Vor allem in einer Welt, in der alles planbar sein soll – selbst der Kinderwunsch. Fraglich ist, ob von medizinischer Seite mehr Aufklärung erfolgen müsste. „Meiner Ansicht nach, ist es der falsche Weg, einer Frau zu Beginn ihrer Schwangerschaft zu sagen: ‚Freuen Sie sich nicht zu früh. Es kann noch ganz viel schiefgehen!‘ Man sollte ihr keine Angst machen“, so Klapp.

Auch Lena glaubt nicht, dass es ihr geholfen hätte, über die medizinischen Fakten besser Bescheid zu wissen. „Durch irgendwelche nackten Zahlen oder Schätzungen wäre ich nicht besser auf die Trauer vorbereitet gewesen. Oder auf die Vorwürfe, die ich mir selbst gemacht habe.“

Bin ich zu viel Rad gefahren? Könnten die zwei Radler, die ich in der Woche vor dem Test getrunken hatte, die Fehlgeburt ausgelöst haben?“

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In der Entlastung sieht Klapp, die sich in der Frauenheilkunde an ihrer Klinik auf den Bereich Psychosomatik spezialisiert hat, den größten Handlungsbedarf als Medizinerin. Denn ein Muster könne sie bei den Betroffenen feststellen: „Nach einer frühen Fehlgeburt schauen viele plötzlich mit dem Vergrößerungsglas auf ihr bisheriges Leben, um ausfindig zu machen, was nicht so toll lief und ob sie ihr Schicksal selbst verschuldet haben könnten.“ Meistens liege bei frühen Fehlgeburten jedoch eine genetische Ursache vor. „Da kann die Frau nichts falsch gemacht haben.“

Heilsam kann der offene Austausch mit anderen sein

Um eine Erklärung für das zu finden, was ihnen passiert ist, suchen trotzdem viele Frauen die Schuld bei sich. Im Stillen. Dass sich die Vorwürfe und der Entschluss, eine Fehlgeburt zu verschweigen, bedingen können, bestätigt die psychologische Psychotherapeutin Cornelia Franke:

Wenn ich mir die Fehlgeburt selbst zur Last lege, spreche ich nicht darüber. Dann habe ich Angst vor der Bewertung. Mein Wert als Frau hängt damit zusammen.“

Gleichzeitig ist für negative Erfahrungen in unserer auf Erfolg und Effizienz ausgerichteten Gesellschaft nicht viel Raum. „Frauen untereinander machen sich leider oft etwas vor. Der Druck, dass alles perfekt sein, muss, ist enorm.“ Dabei könne es Frankes Einschätzung nach für den Prozess der Trauerarbeit helfen, über Fehlgeburten zu sprechen. „Ein offener Umgang mit dem Thema würde unterstützend wirken. Man würde eher denken, Fehlgeburten kommen wirklich vor. Die Frauen würden es weniger als ihr Schicksal empfinden, sondern als natürliches körperliches Phänomen.“ Reden verhindere, mit sich selbst ins Grübeln zu kommen, betont sie. „Und dann ist da natürlich noch dieser Effekt: Wenn ich von anderen erfahre, dass sie das gleiche mitgemacht haben, weiß ich, dass ich nicht alleine damit bin“, so Franke. „Dann ist die Trauer besser händelbar.“

Auch Lena hätte sich damals eine Ansprechperson gewünscht, die Ähnliches erlebt hatte wie sie. „Ich habe mich danach, gesehnt, dass mir eine andere Frau bestätigt, wie berechtigt mein Schmerz ist.“ Stattdessen hatte Lena häufig das Gefühl, für Verständnis kämpfen zu müssen – als gäbe es zwei Klassen von Schwangerschaften und Fehlgeburten. Und sie habe nun mal zu jenen gezählt, die ihre Babys schon früh verloren hatten. „Wenn ich von meinen Fehlgeburten gesprochen habe, kam häufig die Nachfrage: ‚Es war aber doch vor der zwölften Woche, oder?‘ Das klang für mich so, als hätte ich erst ab der 13. Woche traurig sein dürfen“, sagt sie. Nicht einmal von meinem Freund fühlte sie sich verstanden. „Aber wie die anderen konnte er in seinem Körper ja auch nicht fühlen, was ich fühlte. Die Brüste, die durch die Hormone praller geworden waren. Und dann die schlimmen Krämpfe, als das Baby nicht bleiben durfte.“

Auch nach einer frühen Fehlgeburt haben Frauen Anspruch auf die Begleitung durch eine Hebamme

Erzählungen wie diese sind Dr. Christine Klapp bekannt. Sie mahnt, dass frühe Fehlgeburten als Verlust anerkannt werden sollten. „Auch hier haben die Eltern ein Kind, eine Hoffnung verloren“, so die Ärztin. Die Gefahr der Banalisierung gehe jedoch nicht nur vom Umfeld der Betroffenen aus: „Selbst bei vielen Kollegen sehe ich die Tendenz, schnell ein Pflaster drauf kleben zu wollen.“ Dabei seien Empathie und Akzeptieren der individuellen Trauer in der Betreuung essenziell.

Lenas Frauenärztin ging bei beiden Fehlgeburten feinfühlig mit ihr um – und nahm sich viel Zeit, ihr die medizinische Seite zu erklären. „Diesbezüglich fühlte ich mich in guten Händen“, so Lena. „Aber für meine Ängste, ob ich vielleicht nie eines meiner Babys in den Armen halten würde, war dort kein Raum.“ Um Betroffene mit Redebedarf auffangen zu können, bräuchte es laut der Berliner Hebamme Isabelle Kunze eine bessere Verzahnung zwischen Ärzt*innen und Hebammen: „Auch vor der zwölften Schwangerschaftswoche hat eine Frau schon Anspruch auf eine Hebammenbetreuung – und damit auf die Begleitung nach einer frühen Fehlgeburt. Ich appelliere an die Frauenärzt*innen – meist diejenigen, die eine frühe Fehlgeburt diagnostizieren – die Frauen an uns weiterzuleiten.“ Von sich aus kämen die wenigsten zu ihr in die Praxis. „Sie wissen gar nicht, dass sie das dürfen. Bei frühen Fehlgeburten hat die betroffene Frau in den meisten Fällen ja noch nicht mal einen Mutterpass von der Ärztin ausgehändigt bekommen.“

[Außerdem bei ze.tt: Nach einer Stillgeburt spendet diese Mutter ihre Milch]

So war es auch bei Lena. „Ohne Mutterpass fehlte für mich irgendwie die Bestätigung von außen, ein echtes Baby in meinem Bauch gehabt zu haben. Wer keinen Mutterpass hatte, war offenbar keine richtige Mutter.“ Die lang ersehnte Anerkennung dafür, dass es anders war, kam am Ende unerwartet aus Lenas familiärem Umfeld. „Wochen nach meiner zweiten Fehlgeburt schüttete ich meiner Oma das Herz aus. Sie umarmte mich einfach nur, strich mir über die Haare und sagte: ‚Meine kleine Mama.‘ Danach erzählte sie mir die geheime Geschichte ihrer Sternenkinder, die meiner ganz ähnlich war. Auch sie hatte zwei Babys verloren, bevor ihre Tochter – meine Mutter – zur Welt kam. Sie wusste genau, wie ich mich fühlte. Das tat so gut.“

Das verbindende Erlebnis mit ihrer Oma half Lena dabei, dem Schmerz Raum zu geben und selbstbewusst für ihre Trauer einzustehen. Kurz darauf brachte eine Freundin sie mit jemandem zusammen, die ebenfalls ein Kind verloren hatte. „Sobald man rumfragt, kennt plötzlich jede Frau eine andere, die schon mal eine frühe Fehlgeburt hatte“, so Lena. Es folgte ein intensiver Austausch, der ihr bei der Trauerarbeit enorm geholfen habe.

Heute ist Lena 31 und Mutter einer kleinen Tochter. Doch ihre Fehlgeburten macht sie weiterhin zum Thema. „Vielleicht ermutige ich damit andere dazu, ihre Erfahrungen zu teilen. Niemand sollte im Stillen trauern müssen.“


Hier findet ihr den ersten Text von Nina Heitele zum Thema Fehlgeburten, in dem junge Frauen ihre Geschichten erzählen.