Warum wir beim Schlussmachen nicht zu viele Fragen stellen sollten

Wer gerade verlassen wurde, sucht oft nach dem Warum. Dabei finden wir selten das, was wir wirklich brauchen: einen emotionalen Abschluss.

Nach dem Beziehungsaus kriegen wir selten befriedigende Antworten auf unsere Fragen. © amanda. / photocase.de

M. fühlt sich wie ein Fisch, der gerade an Land geworfen wurde. Vor einer Woche war noch alles okay. Gestern war noch alles okay. Sogar vor fünf Minuten war noch alles okay. Aber jetzt ist nichts mehr okay. Er bekommt keine Luft mehr. A. hat gerade mit ihm Schluss gemacht.

Als ich das von M. höre, fühle ich mich auch kurz wie ein Fisch an Land. Die Katastrophe ist geschehen, man kann entsprechend zappeln, aber es bringt alles nichts. Vorbei. Und ich kenne M.s Gefühl selber gut genug. In einer Beziehung zu sein, die man eigentlich und irgendwie für halbwegs stabil gehalten hatte, aber die dann von der anderen Person beendet wird. Urplötzlich. Und man selbst ist dabei der Fisch an Land, der weder Luft bekommt noch weiß, wie ihm geschieht.

Viele Fragen

Da setzt bei den meisten von uns ganz automatisch der große Fragereflex ein. Wir müssen unbedingt wissen, wieso und wann und überhaupt und immer wieder: warum?

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Dieses Bedürfnis nach emotionalem Abschluss einer Liebe, ist gerade dann besonders stark, wenn die Beziehung Knall auf Fall endet. Ein plötzliches Beziehungsende ist ein kleines bis riesengroßes Trauma. Ganz nachvollziehbar also das psychologische Verlangen, dieses Trauma durch Einordnung irgendwie zu verstehen, irgendwie loszuwerden.

Wissen gegen Unsicherheit

Wir sind schon von Kindesbeinen an darauf geeicht, Dinge, die wir nicht verstehen können, irgendwie erklären zu wollen. Und zwar tatsächlich irgendwie. Erklärungen helfen uns, mit erlebter Unklarheit und Unsicherheit umzugehen. Wer eine belastende Situation versteht, kann im Leben weitergehen und muss nicht wie angewurzelt ratlos stehenbleiben.

Wer mit einer Sache also abschließt, so die Hoffnung, kann mit diesem Wissen vielleicht auch zukünftige Erlebnisse solcher Art besser wegstecken. Denn Abschluss verspricht Kontrolle. Und wenn wir diesen Abschluss als Teil einer Geschichte begreifen können, umso besser. Denn Geschichten geben uns kognitive Struktur. Etwas, das wir zum Leben brauchen. Dazu gehören auch Liebesgeschichten.

Abschluss ist nicht alles

Doch so wichtig das Bedürfnis nach Abschluss ist, wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir es überbewerten. Gerade wenn Beziehungen zu Bruch gehen, sind wir besonders gefährdet. In dem Verlangen nach emotionalem Abschluss wollen wir eben alles wissen und zwar ganz genau: warum es nicht mehr weitergeht, warum es gerade jetzt nicht mehr weitergeht und ob dann nicht alles eine einzige große Lüge gewesen ist.

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So geht es auch M. jetzt. Er kann einem diese und ähnliche Fragen bis in die frühen Morgenstunden aufzählen. Er hat sie alle innerlich aufgelistet und es kommen ständig neue hinzu. Das Gespräch mit A., das er unbedingt haben will, läuft in seinem Kopfkino auch schon seit Tagen nach Drehbuch ab. Frage, Antwort, Erleichterung. Aber das, so versuche ich M. klarzumachen, ist vielleicht nur die eingebildete Dialektik des Abschließenkönnens.

Leider geraten wir in einer Trennungssituation oft in diese Spirale. Und Freund*innen verstärken diese meistens auch noch. „Du musst unbedingt nochmal mit ihm*ihr reden”, „Ihr braucht noch mal ein Gespräch”, „Du hast ein Recht auf Antworten auf deine Fragen”.

Wir wollen Antworten

Ja, stimmt schon. Auch. Aber leider ist es eben erfahrungsgemäß so, dass wir diesen Abschluss auch durch ein ausgiebiges Frage-Antwort-Spiel nicht bekommen. Denn wie sehen solche Gespräche ganz konkret aus? Wir graben nach Antworten, die der*die andere nur unzufriedenstellend geben kann. Weil er*sie die Antworten vielleicht selber nicht genau benennen kann oder weil er*sie uns nicht verletzen will.

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Wer dieses Szenario einmal ernsthaft gedanklich durchspielt, wird merken, dass die Suche nach Abschluss nicht das bringt, was wir uns erhoffen. Oft sind es nämlich eher die eigenen Antworten, die man hören will und nicht die des*der Expartner*in. Aber die gute Nachricht ist, dass wir die auch gar nicht brauchen.

Ende ohne Ende

Klar ist es schöner und ordentlicher, wenn wir eine Lebensepisode wie eine Beziehung mit anständigem Ende erzählen und verstehen können. Dann ließe sich gedanklich ein Schleifchen um diese Episode binden und wir könnten uns dem trügerischen Gefühl hingeben, nun abgeschlossen zu haben.

Aber unser Bedürfnis nach Abschluss übersieht, dass es Dinge im Leben gibt, die nun mal kein hübsches Ende bekommen. Manche Geschichten, die wir erleben, werden eben nicht sorgfältig eingewebt in den Teppich des Lebens, sondern hängen dumpf als lose Enden herum. Kein Abschluss in Sicht. Aber wir sollten das aushalten lernen. Denn, und auch das kann uns ja das Bedürfnis nach Abschluss lehren, wenn wir ein Beziehungsende so aushalten können, dann halten wir auch noch ganz anderes aus.