Warum wir das Wort Schlampe endlich aus unserem Wortschatz streichen sollten

Frauen sind Schlampen oder Flittchen. Männer hingegen werden für viel Casual Sex bestenfalls bewundert. Was steckt dahinter und was können wir dagegen tun?

Was heißt das: Eine Schlampe sein? Foto: like.eis.in.the.sunshine/Photocase.de

Chrissi muss was loswerden. Und so fragt sie in dem Online-Forum einer Frauen-Community in die Runde: „Wisst ihr, was ich echt ungerecht finde? Dass Frauen, wenn sie auch mal ihren Spaß haben wollen, immer gleich als Schlampe hingestellt werden. Das ist doch ungerecht. Wenn Männer dies tun, dann sind sie noch toll und erzählen jedem davon … Aber bei uns?! Wieso können Frauen, wenn sie solo sind, nicht auch einfach tun und lassen was sie wollen?”

Frauen, die Spaß wollen

Gute Frage. Denn Chrissi hat recht. Frauen werden schnell Schlampen genannt, wenn es darum geht, sie abzuwerten. Und das setzt noch nicht mal ein besonders ausgeprägtes Spaß-haben-Verhalten voraus. Das ist gerade das perfide an dem Begriff. Egal, ob eine Frau tatsächlich viel und zwanglosen Sex hat oder nicht, das Schimpfwort Schlampe setzt sich über sexuelle Autonomie hinweg und trifft ins Mark.

Denn auch das zeigt Chrissis Beitrag: Das Schimpfwort funktioniert. Chrissi beschließt nämlich ihren Kommentar mit folgendem Disclaimer: „Also dieser Beitrag bezieht sich jetzt nicht auf mich, mir ist das einfach allgemein aufgefallen.”

Ja, da musste ich auch grinsen. Soll nur ja niemand auf die falschen [sic!] Gedanken kommen. Chrissi möchte sich als Frau zwar über den Begriff beschweren, aber zugleich nimmt sie ihn ernst genug, um sich lieber absichernd davon zu distanzieren. Der Beitrag ist schon ein paar Jahre alt und so könnte es gut sein, dass es Chrissi mittlerweile vielen Geschlechtsgenossinnen nachmacht und stolz auf einem slut walk ihre Sexualität als unantastbar erklärt.

[Außerdem auf ze.tt: „Da war mir klar, meine Beziehung ist vorbei“]

Aber letzten Endes sind auch diese slut walks ein Zeichen dafür, wie zielgenau der Begriff Schlampe immer noch wirkt. Wie er dazu dient, Frauen zu erniedrigen, ihre Sexualität zu diskreditieren. Deshalb ist die Beleidigung auch nichts, was man einfach an sich abprallen lassen sollte. Oder abprallen lassen könnte. Denn Wörter sind nicht einfach nur Lauthülsen, die man lässig von der Schulter schnipsen kann, wenn sie einen treffen.

Wörter schaffen Wirklichkeit. Sie schaffen unsere Welt, unsere Beziehungen zueinander, wer wir sind. Wer wir sein können. Und Männer, da kann man noch so lang im Duden wühlen, können nun mal keine Schlampen sein. Es gibt dafür noch nicht mal ein Wort.

Wörter schaffen Welten

Und nein: Player, Hengst, Aufreißer und Frauenheld zählen nicht. In diesen Bezeichnungen schwingt nämlich immer eine stille Bewunderung mit, das Eingeständnis, dass der entsprechende Typ halt auslebt, was in ihm steckt. Auch der Fuckboy ist kein Äquivalent zur Schlampe. Der Begriff wird in den unterschiedlichsten Kontexten ganz anders konnotiert. Der Fuckboy, soviel scheint sicher, ist zwar ein Idiot, aber was genau seine Bösartigkeit ausmacht, bleibt unklar.

Eine sexuell umtriebige Frau hingegen ist keine geile Stute, keine Aufreißerin, keine Playerin. Sie ist eine Schlampe. Und indem man Frauen, denen man unterstellt ein freizügiges Sexleben zu haben, so bezeichnet, wird weibliche Sexualität per se schon als irgendwie schandhaft skizziert. Schandhaft und daher kontrollbedürftig.

[Außerdem auf ze.tt: Wie es sein kann, dass wir uns mitten in einer Beziehung in jemand anderen verlieben]

Die Beleidigung Schlampe stellt nämlich klar, dass weibliche Lust eigentlich keine sein darf. Klar, das ist absurd. Kümmert sich doch die Lust als solche wenig um Grenzen. Aber weibliche Lust darf eben weder zu viel wollen noch sich zu viel nehmen. Sie hat zu sein wie ein ordentliches Vorgartenbeet: überschaubar und nur mit viel Liebe und Aufwand zu begrünen.

Während Männer nicht anders können, da ihre Lust eine Naturgewalt ist, der man selbstredend keine Grenzen setzt, stellt „Schlampe” klar: Wenn Frauen radikal begehren, wird es sofort pathologisch. Lust passt nicht zu Frauen, wir haben halt nicht so einen Druck wie die Männer. Und wenn wir das durch unser Verhalten infrage stellen, ist klar, dass da was ordentlich schiefläuft: Schlampe.

Casanova und Don Juan

Männliche Liebhaber sind Casanovas und Don Juans – vielleicht irgendwann dezent melancholisch, aber immer auch bewundert. Sicher, unsere sogenannte sexuelle Befreiung ist historisch gesehen erst einen Wimpernschlag her. Aber wenn es mit dem Slut Shaming so weitergeht, können wir noch lange auf weibliche Vorbilder hoffen.

Und, noch mal, das ist schlimm. Weil die Beleidigung Schlampe – stellvertretend für ganz ähnliche Begriffe – ganz klar unsere Freiheit infrage stellt. Nicht nur infrage stellt, sondern auch unterdrückt. Denn – sexuelle – Freiheit hängt eng mit dem zusammen, was wir überhaupt denken können. Von welchem Sex wir träumen dürfen. Wen wir begehren dürfen. Und wie viele. Das ist kein Luxusproblem brünstiger Genderwahnanhänger*innen, sondern hat auch ganz praktische Konsequenzen.

[Außerdem auf ze.tt: Woran es liegt, wenn wir am Beziehungsende plötzlich nichts mehr fühlen]

Wer Frauen als Schlampen bezeichnet, der bläst nicht nur Diskursnebel in die Hirne, sondern sorgt auf ganz vielfältige Art auch dafür, dass Frauen im öffentlichen Raum diskriminiert werden. Das hat Auswirkungen auf Gerichtsverfahren wegen sexueller Übergriffe, auf den Ausgang von Bewerbungen und die Reputation. Und die ist in vielen Kontexten ganz handfest.

Was tun?!

Was man dagegen tun kann, ist natürlich nicht, einen Begriff für eine männliche Schlampe zu erfinden. Den braucht es allein deswegen nicht, weil es auch schon genug Möglichkeiten gibt, Männer sexuell abzuwerten. Meistens, indem sie eben als verweiblicht dargestellt werden: Weichei, Schlappschwanz, Warmduscher. In der Genderordnung ist unter dem Player noch weidlich Platz für Schlampen und Männer, die angeblich nicht so können, wie sie sollten.

„Schlampe“ kommt nicht nur im Wortschatz von Männern vor. Auch Frauen können sich untereinander als Schlampen bezeichnen. Sie tun es auch. Wir sollten uns deswegen nicht nur klar machen, was solche Begriffe mit Menschen anstellen, sondern auch, was das für Menschen sind, die sie äußern. Und wir sollten uns deutlich machen, was solche Menschen dabei in erster Linie sind: „f***ing rude”, wie Lena Dunham mal so schön bemerkte. Lasst das also nicht auf euch sitzen. Habt den Sex, der euch zusteht. Niemand ist eine Schlampe.