Warum wir in der Liebe alles mit uns machen lassen

Warum lassen wir in manchen Beziehungen Dinge mit uns machen, bei denen wir anderen raten würden, sofort Reißaus zu nehmen? Womöglich liegt das an einem falschen Verständnis von Liebe.

Wer in einer Beziehung alles mit sich machen lässt, sollte sein Verständnis von Liebe überdenken. © Rike./Photocase

Kürzlich fand ich viele Seiten wieder, die ich während einer schlimmen Beziehung vollgeschrieben hatte. Wenn ich mir diese Seiten heute durchlese, möchte ich das Persönchen von damals einfach nur in eine Decke wickeln und ihre Hand halten.

Ich hatte jemanden an meiner Seite, in den ich schwer verliebt war. Das Problem war nur: Ich war so verknallt, ich ließ alles mit mir machen. Egal was er tat, ich hielt es aus. Betrügen, belügen, beleidigen? All inclusive. Unsere Treffen fühlten sich immer wieder so an, als würde ich nackt durch ein zerborstenes Glasfenster gezwungen. Aber egal, denn Hauptsache er würde mich nicht verlassen. Die Angst, ihn verlieren zu können, von ihm in einer Welt allein gelassen zu werden, die mir ohne ihn wie ein lästiger Klumpen Ton vorkam, war stärker als meine Selbstachtung.

Verlass mich nicht!

Diese mangelnde Selbstachtung kann man relativ häufig beobachten. Wer verliebt ist und glaubt, die Beziehung sei das einzig Wahre, der lässt viel mit sich machen. Oft genug erregt so ein Verhalten Mitleid. Aber meistens provoziert es schlicht die ungläubige Frage: Warum? Warum lassen sich manche Menschen von Partner*innen alles gefallen? Warum lassen sie Dinge mit sich machen, bei denen sie anderen raten würden, sofort Reißaus zu nehmen? Und das in einer Zeit, in der single zu sein kein Stigma mehr ist. In einer Zeit, in der wir in der Regel weder finanziell noch sozial darauf angewiesen sind, eine*n Partner*in an unserer Seite zu haben.

Dass manche Menschen trotzdem nicht gehen, hat sicherlich auch ganz persönliche Gründe. Aber es scheint auch oft genug mit unserem Verständnis von Liebe selbst zusammenzuhängen. Denn so wird diese Leidensfähigkeit oft genug erklärt: Es sei eben Liebe. Und Liebe mache blind. Sie ist maßlos und unerklärlich, heißt es.

[Außerdem auf ze.tt: Wie du über die Liebe deines Lebens hinwegkommst]

Wir wissen dabei zwar nicht so wirklich, was die Liebe ist. Aber wir wissen, was sie nicht ist. Nämlich vernünftig. Und so können wir auch ganz unvernünftig bleiben, in Situationen, die uns schmerzen. Denn der Schmerz gehört zur Liebe, wir können es nicht erklären, aber wir glauben fest daran.

Liebe erklärt alles

Dabei verschleiert diese Sicht der Liebe oft nur, worum es wirklich geht. Denn so unerklärlich ist sie natürlich nicht, die Liebe. Wenn es soweit kommt, dass wir selbst große Respektlosigkeit uns gegenüber noch eher verkraften, als alleine zu sein, sollte man sich fragen, warum wir ihr so eine unerklärliche Macht zuschreiben.

Von der Liebe versprechen wir uns eine ganze Menge. Vor allem soll sie etwas leisten, was uns zunehmend abhanden kommt: ein Gefühl für unseren Selbstwert zu bekommen. Unser Leben ist heutzutage so geprägt davon, ein Ich auszustellen und zu behaupten, dass wir vor lauter Individualisierungs-Anstrengungen oft genug vergessen, was oder wer denn dieses Ich überhaupt ist.

[Außerdem auf ze.tt: Woran es liegt, wenn wir am Beziehungsende plötzlich nichts mehr fühlen]

Wir sind so mobil, so individuell, so frei, so auf persönliche Leistung getrimmt, dass wir kaum mehr dazu kommen zu fragen, wer wir eigentlich sind. Und wozu wir uns so anstrengen. Wir performen unser Ich an den Rand der Erschöpfung, aber ohne den Applaus anderer wird uns schnell klamm ums Herz. Und da kommt die Liebe ins Spiel.

Liebe fürs Ego

Von der Liebe, von einem*r Partner*in, versprechen wir uns endlich als die Person erkannt zu werden, die wir wirklich sind. Unser*e Partner*in soll garantieren, dass wir tief innen jemand sind – ein Ich, das auch besteht, wenn wir gerade Pause von der Selbstoptimierung machen. Ohne diese Art der Selbstbestätigung könnten wir es oftmals gar nicht aushalten in dieser Welt. Und es erklärt, warum wir manchmal glauben, ohne den*die Partner*in nichts wert zu sein. Es erklärt, warum wir uns von einer Beziehung so aufwerten lassen. Kein Wunder also, dass wir uns so vieles gefallen lassen. Aber auch kein Wunder, dass wir dabei ganz schön verletzt werden können.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Rituale uns helfen, besser mit Liebeskummer klar zu kommen]

Es lohnt daher, die Liebe nochmal neu zu betrachten. Sich klarzumachen, warum wir in einer Beziehung sind, warum wir das so möchten. Die Liebe kann nämlich nicht alles. Sie kann Menschen nicht grundsätzlich ändern, sie garantiert nicht, dass es schon irgendwann besser wird und sie kann aus einer unglücklichen Beziehung keine Glückliche machen. Das kann vielleicht eine Paartherapie, aber kein stilles Erdulden. Im Gegenteil. Wer sich in einer Beziehung alles gefallen lässt, der bestärkt das respektlose Verhalten. Es wird also höchstens schlimmer, niemals besser.

Und die Liebe schafft es auch nicht allein, unseren Selbstwert aufzubügeln. Sie schafft es besonders dann nicht, wenn wir eine*n Partner*in haben, der*die unseren Selbstwert so gering schätzt, dass er*sie uns schlecht behandelt. Denn dann fühlen wir uns erst recht wertlos. Ein Teufelskreis. Wenn wir an so einem Punkt angelangt sind, sollten wir uns klar machen, dass unser Ich mehr Respekt verdient hat. Und wir sollten uns klar machen, dass wir diesen Respekt auf Dauer eben nur von genau einer Person bekommen werden.

Genau. Von uns selbst.

Außerdem auf ze.tt