Warum wir in Zukunft anders reisen sollten

Nach über fünf Monaten Reisen, sechs Ländern, 25 verschiedenen Betten und ungefähr 7500 Kilometer mit Bahn, Bus und Boot, weiß ich: Wir reisen alle nur um unser selbst willen und vergessen das Neue, was wir eigentlich kennenlernen wollen. Ein Kommentar. 

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Häuserfront in Ho Chi Minh City. © headspinphoto/photocase.de

Die Hoffnung auf das Ursprüngliche, das „ganz Andere“, das Fremde treibt immer mehr westliche Reisende in die Länder Südostasiens. Doch nicht nur der profane Urlaub lockt, sondern eine „Reise“ – also die permanente Bewegung, das Sehen und Erfahren neuer Orte und das Kennenlernen anderer Kulturen und Menschen. So die Theorie.

Die Praxis überzeichnet hier das idealtypische Bild des*der Travellers/in: weite Pluderhosen, Dreadlocks, den Rucksack vollgepackt mit Flaggen der Länder, die schon besucht wurden und dem ständigen Bedürfnis, sich über alle Erlebnisse sofort auszutauschen. Das geschieht meist allerdings nicht, um voneinander zu profitieren und zu lernen, sondern um zu zeigen, was man selbst schon alles erlebt hat und wo man schon alles war.

Reisende bleiben zu sehr bei dem, was sie schon kennen

Möglichst keine anderen Tourist*innen um sich zu haben, macht den ideellen Wert einer Destination aus. Doch vor allem Reiseführer tragen dazu bei, dass sich „Geheimtipps“ in Touristenmagnete verwanden.

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Badezimmer in Laos. „Voll authentisch“ © Christopher Wimmer

Das Essensangebot ist von der international genormten Traveller-Speisekarte geprägt: Müsli, Bananenpfannkuchen, Milkshakes, Pommes und Pizza plus des regionalen Essenssortiments. Dazu sind Bier und Kippen billig zu haben, Gras und Opium einfach zu bekommen. Die Traveller*innen bleiben unter sich, in Gesellschaft derjenigen mit ähnlicher geschichtlicher und kultureller Prägung.

Einheimische sind Dienstleister*innen, die flexibel auf die Nachfrage seitens der Fremden reagieren (müssen), um zumindest ein kleines Stück des Tourismuskuchens abzubekommen.

„Interkulturelle“ Kommunikation beschränkt sich aufs geschäftliche „How much?“. Die Sprachbarriere und die Unterschiede im sozio-ökonomischen Hintergrund lassen auch wenig anderes zu.

Bei einer Reise steht viel zu oft nur das eigene Erlebnis im Vordergrund

Ein Einlassen auf die Realität findet meist bewusst nicht statt. Die Perspektivlosigkeit durch Armut, Korruption, Einparteien- oder Militärdiktatur für den Großteil der Bevölkerung, aber auch Widerstände dagegen spielen keine Rolle. Das soll aber auch nicht der Anspruch sein, denn bei einer Reise steht immer das eigene Erlebnis im Vordergrund.

Deutlich wird das beim sogenannten Ökotourismus, der natürlich meist ohne Rücksprache mit der lokalen Landbevölkerung eingeführt wird, und seinem Komplizen, dem Ethnotourismus. Viele Reisende besuchen „pittoreske“ Bergvölker. Dieses „hilltribe-trekking“ ist ein einseitiges Absaugen von Kultureindruck, festgehalten mit der allgegenwärtigen Kamera.

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Märkte könnten Einblick in gesellschaftliche Realität geben – Traveller*innen sehen es aber meist nur als buntes Treiben. © Christopher Wimmer

Die ärmlichen Bergdörfer profitieren ökonomisch kaum von ihren Kulissen und Statist*innenrollen: die Trekking-Agenturen aus dem Tiefland sind die Nutznießer*innen des Verlangens der Traveller*innen nach den „primitiven Naturvölkern“. Deren Leben wird zu einem Gemisch aus dem Klischee des „Einklangs mit der Natur“ und dem Stereotyp des „edlen Wilden“ stilisiert.

Wie sollten wir wirklich reisen?

Die Zukunft in den Reiseländern Südostasiens sieht günstig aus. Solange vergleichsweise billige Flieger fliegen, die Elite sich unangefochten weiter bereichern kann und die Bevölkerung als billige Arbeitskraft für die Touristen verfügbar ist.

Veränderungen müssen in der sozio-ökonomischen Struktur der Länder vorangetrieben werden. Allerdings ist ein Bewusstseinswandel in der Traveller*innen-Community ebenso unumgänglich. Nicht ein „Nicht-mehr-Reisen“ kann die Lösung sein, sondern die Einsicht in die Tatsache, dass auch Reisende nie außerhalb der Gesellschaft stehen und in globale Machtstrukturen eingebunden sind.

Die Fragen, wer wieso wohin und wohin nicht reisen kann, müssen an den persönlichen Alltag rückgekoppelt werden: Konsum, Leben, Verhalten und Politik im Westen haben direkten Effekt auf die Länder des globalen Südens. Die Einsicht, dass sich globale Ungleichheiten im weltweiten kapitalistischen System auch auf die ganz persönliche Reiseplanung auswirken, ist der erste Schritt.

Der zweite ist die Auflehnung gegen dieses System. Mit Partner*innen auf der ganzen Welt – auf Augenhöhe. Viel könnte gewonnen und verändert werden, wenn Programme wie weltwärts, aber auch Individualreisende anfangen würden, sich mit diesem Gedanken zu beschäftigen.