Warum wir lügen und manipulieren, um andere ins Bett zu bekommen

Kaum haben wir die Aussicht auf Sex, nehmen wir es mit der Wahrheit nicht mehr so genau. Alles nur, um zu beeindrucken. Verwerflich ist das nicht.

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Ich habe letzten Winter in Norwegen einen Elch gebändigt. © klublu / photocase.de

Das Lügen fällt vor allem beim Online-Dating leicht. Jede*r, der schon mal bei Tinder auf der Suche nach einem potenziellen Date hin- und hergewischt hat, weiß das. User präsentieren da ihr allerbestes Ich. Und falls das nicht ausreicht, wird ein wenig nachgeholfen. Die einen laden veränderte oder gleich ganz falsche Fotos hoch, um besser auszusehen. Andere schleifen sich Einzelheiten wie Alter und Größe zurecht oder zeigen ihr Leben durch einen High-Class-Filter aus teuren Autos und exklusiven Veranstaltungen. Ein paar verdrehte Tatsachen hier, ein paar vernebelte Erlebnisse da. Hauptsache: imponieren.

Sowohl Männer als auch Frauen machen sich der Realitätsverzerrung für ein aufgepepptes Selbstbild schuldig. Der Duden beschreibt Manipulation als „undurchschaubares, geschicktes Vorgehen, mit dem sich jemand einen Vorteil verschafft, etwas Begehrtes gewinnt“. Nichts anderes tun wir. Wir manipulieren, um die sexuelle Lust zu befriedigen. Das hört beim Online-Dating nicht auf.

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Verlagert sich das Tinder-Gespräch ins echte Leben müssen Taktiken her, die ohne den Schleier des Internets funktionieren. Dann werfen wir uns die schönsten Kostüme über und bedecken den Körper mit extra viel Farbe und Duft. Wir erzählen von unserem letzten Urlaub auf Kreta, wo wir von einer Klippe gesprungen sind, die mindestens 13 Meter hoch war, und der Rückflug so turbulent, dass beinahe das Flugzeug abgestürzt ist. Und überhaupt war alles wahnsinnig dramatisch auf den Malediven … äh Kreta.

© Giphy
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Am Ende sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die alles andere tun, als sich wirklich kennenzulernen. Vielmehr überreichen sie sich gegenseitig ein schön verschnürtes Päckchen voller Manipulation. Das hat nichts Überraschendes mehr. Im Gegenteil: es ist so normal, dass wir es sogar erwarten. Angenommen, ich möchte dich ins Bett kriegen. Ich würde mich hübsch machen und dich ausführen. Wir würden essen, in eine Bar oder ins Kino gehen und ich würde dir von sehr hohen Klippen in Griechenland erzählen, von denen ich gesprungen bin. Nichts davon würde uns merkwürdig vorkommen.

Das alles ist Teil der Lüge. In Wahrheit will ich nichts mit dir essen oder trinken, und mir ist egal, was auf der Leinwand vor uns läuft. Ich will dieses Hemd nicht anhaben und ich wusste noch nie, wie hoch diese eine Klippe tatsächlich war. Ich will dich nicht beeindrucken müssen oder unzusammenhängende Dinge mit dir unternehmen. Was ich wirklich möchte, ist Zugang zu deiner Hose. Rein hypothetisch natürlich. Aber das kann ich so direkt nicht sagen, es wäre unpassend und beleidigend.

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Klar, die gemeinsamen Unternehmungen können je nach Erwartungshaltung die Mittel zum Zweck sein. In der Bar sind wir gezwungen, uns gegenüberzusitzen und ein Gespräch zu führen, und bei einem Gruselfilm rücken wir uns vielleicht ein wenig näher. Trotzdem sind das alles Umwege zu einem Ziel, das eigentlich viel näher wäre.

Ist das Lügen einmal etabliert, ist es nur noch eine Frage des „wie viel“ und „wie lange“. Ohne Lügen ließe sich das Ganze abkürzen: „Hey, ich habe beschlossen, dass ich dich mag. Was hältst du davon, wenn wir miteinander schlafen?“. Abgesehen von der Frage, ob das funktioniert oder nicht, trauen sich das wohl nur die wenigsten.

Wir sind nicht die einzigen

Sexuelle Täuschung ist nichts, das nur der Mensch tut. Die Manipulation für Sex findet sich ebenso in der Natur – auch bei Fischen, Insekten und sogar bei Pflanzen. So gibt es zum Beispiel einige Spinnenarten, bei denen das Männchen dem Weibchen ein Geschenk übergibt: eine in Seide verpackte Manipulation in Form eines leckeren Insekts. Während sich das Weibchen den Bauch vollschlägt, begattet es das Männchen. Hat er gerade kein Insekt zu Hand – weil er vielleicht selbst hungrig war – ist es für manche Spinnenmännchen üblich, etwas Nutzloses zu schenken. Sie verpacken in dem Fall etwas nicht Essbares: zum Beispiel einen Pflanzensamen. Da der ebenso in Seide gepackt ist, erkennt das Weibchen anfangs keinen Unterschied. Während es ihr Geschenk auspackt und bevor es herausfindet, dass es hereingelegt wurde, paart sich das Männchen mit ihr.

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Die männlichen Sepias oder Schleimfische täuschen auf andere Art, um an Sex zu kommen. Sie können Aussehen und Verhalten so ändern, dass sie von anderen ihrer Gattung als Weibchen wahrgenommen werden. Auf diese Weise können sie an Weibchen gelangen, die von größeren, gefährlicheren Männchen bewacht werden, und diese begatten.

Orchideen manipulieren ebenso ihr Umfeld, um sich fortzupflanzen. Sie geben einen Duftstoff frei, der weibliche Bienen imitiert und männliche Bienen anlockt. Der ist so unwiderstehlich, dass sie von Orchidee zu Orchidee fliegen und versuchen, sich mit den Pflanzen zu paaren. Bienen werden durch diese Täuschung zu natürlichen Bestäubern.

Alles halb so schlimm

Sex ist rein evolutionsbiologisch etwas ziemlich Langweiliges. Jedes Lebewesen – ob Spinne, Fisch oder Mensch – ist für die Vermehrung ausgerichtet, sie (oder wir) alle wollen und sollen ihr genetisches Erbgut weitergeben. Können sie das nicht, sterben sie irgendwann aus. Das bedeutet auch, dass sich jedes Lebewesen an die spezifischen Umstände und Herausforderungen der Fortpflanzung anpassen muss, um zu überleben. Bei harter Konkurrenz wundert es daher nicht, wenn einige zu manipulierenden Methoden greifen. Egal, ob sie falsche Geschenke machen oder sich mit extra viel Parfum in ein Restaurant setzen.

Beim Sex denken wohl die wenigsten tatsächlich an die Ergbut-Weitergabe, zumindest was die Gattung Homo Sapiens anbelangt. Uns geht es viel mehr um Lust, Liebe und Leidenschaft, oder? Jein. Selbst diese drei Ls kommen aus dem evolutionären Verlangen, das eigene Erbgut weiterzugeben – und da macht es keinen Unterschied, wer mit wem und wie oft Sex hat. Seien wir daher lieber froh, dass es so viel Spaß macht.

Den negativen Beigeschmack, den das Wort „Manipulation“ hinterlässt, hat es gar nicht verdient. Wir heben unsere begehrenswertesten Eigenschaften hervor und vernachlässigen die lästigen, na und?  Schließlich wollen wir die harte Konkurrenz abhängen, einen Vorteil im Dating-Spiel haben. Übrigens: Dieses Spiel liegt nicht außerhalb der Kontrolle beider Personen, und jeder lügt nur so gut, wie es das Gegenüber nicht bemerkt. Und wer weiß, vielleicht wird aus dem schnellen Sex die große Liebe und das Gegenüber entpuppt sich als Partner*in fürs Leben. Spätestens dann sollten wir aber mit der Wahrheit rausrücken.