Warum wir neue Regeln für die Liebe brauchen

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Liebende verändern sich. Liebe auch.© emoji / photocase.de

Sieben Ratschläge hat der Psychologe John Gottman, damit wir es möglichst lang in einer Beziehung aushalten. Es klappt trotzdem nicht mehr so gut – wir brauchen mehr.

Ich habe Angst, zu versagen. Flirt, Date, Kuss, Sex, Beziehung, Urlaub, zusammenziehen, zusammenbleiben, Verlobung, Hochzeit, Kinder kriegen, Kinder großziehen, Kinder loswerden, zusammen alt werden und das muss alles in den nächsten 20 Jahren passieren. Ich habe keine Ahnung, wie das funktionieren soll. In 20 Jahren bin ich 49 Jahre alt und hoffentlich erwachsen, andererseits habe ich das vor 20 Jahren auch gedacht, da war ich 9 und dachte, mit 29 ist man erwachsen. Und jetzt habe ich  Angst, es total zu verbocken. Die Literatur über meine Generation sagt: Du wirst es verbocken. Du bist so.

Ich habe mich sogar wissenschaftlich mit der Liebe auseinander gesetzt, also nicht selbst, aber ich kenne Studien darüber. Und es klingt alles so verdammt machbar.

Wir könnten glücklich verliebt sein, in langen Beziehungen leben, abends entspannt in die Arme unserer Liebsten fallen. Denn es gibt ein paar Regeln für die Liebe, wissenschaftlich fundiert. Wir müssten sie nur befolgen. Sie kommen von John Gottman; er weiß auch, was Liebe scheitern lässt. Der Psychologe hat sein Leben und seine Forschung der wichtigsten Emotion der Menschen gewidmet. Seine sieben Prinzipien sollten uns eigentlich alles beibringen, was wir wissen müssen. Spickzettel:

  1. Bringen Sie Ihre Partner-Landkarte auf den neuesten Stand
  2. Pflegen Sie Zuneigung und Bewunderung für einander
  3. Wenden Sie sich einander zu und nicht voneinander ab
  4. Lassen Sie sich von Ihrem Partner beeinflussen
  5. Lösen Sie Ihre lösbaren Probleme
  6. Überwinden Sie Pattsituationen
  7. Schaffen Sie einen gemeinsamen Sinn

Das klingt hier und da etwas kryptisch (Partner-Landkarte?), sonst aber durchaus machbar (er meint den Bereich im Gehirn, der Informationen über den Partner enthält. Sollte up-to-date sein, klar). Das Buch „Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe“ erschien im Original vor 17 Jahren, die Daten die er sammelte sind noch älter. Tja. Heute muss man es bis zur Ehe erst einmal schaffen.

Ich habe beim Statistischen Bundesamt nachgefragt, ob sich das Alter bei der ersten Ehe in den vergangenen Jahren verändert hat. Die Statistiker schickten Datensätze, die genau so aussehen, wie ich mir das vorgestellt habe: Wir heiraten immer später. 1991 waren Frauen mit 26,1 Jahren im Schnitt zum ersten Mal verheiratet, Männer mit 28,5. Dann wurden wir immer älter; im Jahr 2014 heirateten Frauen im Schnitt mit 31 Jahren, Männer mit 33,7.

Ich verstehe Ehe als Indikator für den Mut zur Bindung. Nein, nicht jeder will heiraten. Menschen, die nicht heiraten, beeinflussen allerdings auch diese Statistik nicht. An der Zahl der Hochzeiten pro 1000 Einwohner sehen wir – eigentlich nichts. Dafür sind die Zahlen derzeit zu unstet. Zuletzt waren es weniger als fünf Hochzeiten. Der Fünfjahres-Durchschnitt ist im Jahr 2012 übrigens ein klein wenig gestiegen.

Kurz: Wir heiraten weniger und wir heiraten später. Und auch, wenn so eine Hochzeit ein ziemlicher Verwaltungsakt ist und nein, nicht das Ergebnis einer jeden Liebe sein muss: Wir heiraten weniger. Das sagt etwas aus.

Kann Gottman uns da wirklich weiterhelfen? Zunächst einmal müssen wir auf die Kehrseite schauen. Was lässt Beziehungen scheitern? Er nennt diese vier Faktoren die „vier Reiter der Apokalypse“:

  1. Ständige Kritik
  2. Abwehrhaltung
  3. Verächtlichkeit
  4. Mauern

Mal ehrlich: So will doch keiner sein. Warum sollte sich irgendjemand ernsthaft so verhalten? Ja okay, merke ich selbst. Es gibt Gründe, die diese Verhaltensweisen auslösen: Es ist der Stress, der Druck, es sind die Erwartungen.

[Auch bei ze.tt: Single, Mingle, Rumgetingel]

Ein befreundetes Paar, seit acht Jahren zusammen, wird nun beruflich bedingt für einige Zeit getrennt leben müssen. Er wechselt den Kontinent. Sie wollten die Zeit davor genießen, jede Sekunde auskosten und BÄM, das musste ja schief gehen. Spoiler: Sie sind noch zusammen. Aber die letzten gemeinsamen Wochen hatten sie sich wirklich anders vorgestellt, sie stritten so gut wie jeden Tag.

Also ja, selbst wenn wir uns richtig viel Mühe geben, wir können uns nicht zusammenreißen. Wir haben Erwartungen und unser Partner hat die zu erfüllen. Und unser Partner hat Erwartungen und die sollten wir erfüllen, aber das kollidiert manchmal und dann streitet man sich. Die geistige Landkarte sollte auf dem neuesten Stand sein, wir erinnern uns.

Experimente im Ehelabor

Gottman hat lange und aufwendig recherchiert. 16 Jahre lang bat er 49 Paare, gelegentlich in seinem „Ehelabor“ zu übernachten, einem Appartement in Seattle, in dem Kameras an der Wand hängen und in dem Gespräche per Mikrofon aufgezeichnet wurden. Reality-TV light? Mag sein, aber dennoch hörte Gottman seine Paare diskutieren, streiten, sich versöhnen. Er wollte wissen: „Warum funktionieren manche Beziehungen einfach ein Leben lang, während bei anderen der Zeitzünder zu ticken scheint?“ Es sind die sieben Regeln, mit denen er die Liebe ertragbar machen will. Das Buch war ein Bestseller, international.

Hat sich etwas verändert? Ich sehe Menschen, die eigene Forschungen zur Liebe anstellen, in kurzen Affären, herzzerfetzenden Trennungen, Menschen, die nach Jahren aus Beziehungen flüchten und frohen Mutes sind, dass nun etwas besseres kommt, aber es kommt nicht und sie fragen sich: Warum? Liegt es an mir?

[Auch bei ze.tt: Verlieben für Anfänger: Machen wir wirklich alles falsch?]

Im Gegensatz zu Gottman fehlt mir die Datengrundlage, ich habe keine 16 Jahre mit Studien verbracht. Vielleicht hole ich das irgendwann nach (Video-Labor, anyone?). Aber ich sehe, was um mich herum passiert. Ich sehe, dass wir zu hart zu uns sind und zu hart zu unseren Partnern. Was für eine Verschwendung von Liebenszeit. Liebe ist eigentlich etwas Schönes. Wir sollten aufhören, mit ihr zu ringen.

Gottmans sieben Regeln reichen uns nicht mehr. Wir haben uns verändert, wir haben Angst bekommen. Beginnen wir mit einer achten Regel für die Liebe:

8. Haltet durch.

Oh ja, das ist mein Ernst. Es gibt Phasen, in denen wir warten müssen. Und wenn wir ehrlich zueinander sind (Regel 1, geistige Landkarte des anderen kennen), dann müssen wir vielleicht nur etwas langfristiger planen. Dazu gehört auch, dass wir nicht hinwerfen, wenn es uns in der Beziehung nicht gut geht. „Vielleicht ist er doch nicht der Richtige“ ist zum normalen Gedanken nach zwei Streits geworden. Was sind zwei Streits gegen ein ganzes Leben? Wir können das besser. Wir müssen durchhalten.

9. Werdet ein „wir“

Ja. Wirklich. Ich kann diese Paare auch nicht leiden, die ständig in „Wir“-Form von sich sprechen. „Wir haben keine Zeit“, aha, aber ich wollte doch eh nur eine Person treffen? Dicht gefolgt von jungen Müttern, die vom Baby erzählen, wenn man doch eigentlich auch mal wissen wollte, wie es ihnen selbst geht. Ein bisschen Wir tut der Beziehung ganz gut. Es erinnert mich uns daran, dass wir nicht allein sind. Autor Michael Nast sieht Liebe auch mal als Ego-Trip, das schreibt er in seinem neuen Buch Generation Beziehungsunfähig. Darin erzählt er von den gescheiterten Beziehungen seiner Freunde. Und mit über 40 kann man viel erzählen. Über den Freund einer Freundin zum Beispiel: „Er war auf ihre Gefühle angewiesen, um sich selbst zu bestätigen. Es hatte nie etwas mit ihr zu tun.“ Da ist etwas dran.

10. Hört auf, Bilder zu leben

Vier, fünf Beziehungen in den Sand gesetzt? Direkt nacheinander? Da muss schnell eine Diagnose her. Hey, hier, beziehungsunfähig. Bindungsangst, das muss es sein. Schwer therapierbar, sorry. Das war ja jetzt einfach. Es ist nur ein Beispiel und es gilt für jede Art von selbstauferlegter Rolle, die wir im Leben spielen könnten.

Ich kenne Männer, die beziehungsunfähig sind. Ich hab selbst versucht, sie zu therapieren. Nun bin ich keine Therapeutin und es hat nicht funktioniert, aber sie leben jetzt, Jahre später, in glücklichen Beziehungen und die dauern alle schon länger als meine. Warum? Weil sie schlau genug waren, sich weiter zu entwickeln.

Es gibt echte Bindungsstörungen, natürlich. Aber die betreffen 1. nicht zwei Drittel der Bevölkerung und ist 2. nicht unheilbar. Dafür müssen wir aber das bequeme Etikett „Bindungsangst“ ablegen. Und es ernsthaft versuchen.