Warum wir uns oft gleich eine gemeinsame Zukunft vorstellen, sobald wir jemanden kennenlernen

Wir lernen jemanden kennen und fangen oft umgehend an, diese Person in unsere Tagträume und Zukunftsvisionen einzuspannen. Ob wir es mit ihm*ihr ernst meinen, oder nicht. Ist das auf Dauer gut oder kann diese Tagträumerei mit der Wirklichkeit kollidieren?

Warum fangen wir so oft, so schnell an "einen Film zu schieben", sobald wir jemanden kennengelernt haben. © FemmeCurieuse/photocase.de

Es war keine zwölf Stunden her, dass ich R. kennengelernt hatte, als ich mir schon vorstellte, wie er in meinen Armen lag. An der englischen Küste. In einem Cottage. Vor einem Kamin. Wie bei Rosamunde Pilcher, nur FSK 18. Perfekt.

R. hatte zwar nur nach meiner Nummer gefragt, aber mehr Hingabe brauche ich selten, um mit dem Luftschlossbau anzufangen. Ehrlicherweise hätte er noch nicht mal nach meiner Nummer fragen müssen. Mein Kopfkino geht trotzdem zuverlässig los.

Ich baue Luftschlösser, während er sich nicht mal an mein Gesicht erinnert

Und das geht dann so: Ich träume davon, wie mein Telefon klingelt. Wie wir uns wiedersehen, ein Auto mieten, irgendwo hinfahren. Große Gefühle, romantische Gesten und Fast Forward-Verbindlichkeiten. Wie unfassbar charmant meine Freunde*innen die Person finden und wie mein Onkel ihr auf einer Familienfeier verspricht: “Wenn Du die Gunda heiratest, schenk ich Dir ein Auto.” (Ok, das ist wirklich mal passiert!) In meinem Film findet der Traummann das witzig und hilft meinem Onkel auf, denn er ist gerade von einem Barhocker gekracht. Ok, dass ist auch wirklich passiert, aber ihr wisst, was ich meine.

Manchmal eskalieren diese “Filme”, manchmal sind sie auch sehr banal. Mal gehen sie sogar über Jahre und so weit, dass manche von uns schon ganze Beziehungen ausschließlich im Kopf geführt haben. Während der*die andere sich kaum an unser Gesicht erinnert. Und manchmal geht es auch einfach nur darum, dass endlich mein verdammtes Telefon klingelt.

Traum oder Wirklichkeit

Mein Freund P., dem ich mal von meiner Film-Fahrerei erzählte, konnte nur mit dem Kopf schütteln. Für ihn war das überhaupt nicht nachvollziehbar, er war sogar ein bisschen erschreckt: “Machen das alle Frauen?” “Ich glaub schon”, sagte ich. Und dann guckte er mich so an, dass ich ihm sofort abnahm, dass er mit dieser Art des Kopfkino noch nicht wirklich etwas zu tun gehabt hatte.

Zugegeben, mir selbst ist bei dieser reflexhaften Film-Fahrerei oft nicht ganz wohl. Auf der einen Seite halte ich es für magisches Denken. Das bedeutet: Wenn ich mir etwas zu lebhaft ausmale, wird es im wahren Leben nicht passieren. Und auch wenn ich eigentlich weiß, dass meine Gedanken keinen Einfluss auf R. und sein Telefon haben, will ich es trotzdem nicht riskieren.

Auf der anderen Seite mache ich mir aber auch Sorgen, dass meine “Filme” mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten könnten. Was, wenn mir zu spät auffällt, dass R. nur in meinen Gedanken nett und schlau ist? Was, wenn ich ihm aus Versehen von unserem England-Trip erzähle? Und was, wenn er mir an der Nasenspitze ansieht, dass ich schon einen Namen für unser Erstgeborenes ausgesucht habe?

[Außerdem auf ze.tt: Wieso sind wir plötzlich von jemandem angeekelt, in den wir gerade noch verliebt waren?]

Doch das Problem ist, dass ich die Film-Fahrerei so schlecht kontrollieren kann. Also ich kann sie gar nicht kontrollieren; es ist ein Automatismus, den mein Gehirn prophylaktisch abspult. Das weiß jede*r, der*die schon einmal versucht hat, Gedanken zu unterdrücken.

Es ist wie in dem Drama “Der Liebestrank” von Frank Wedekind. Dort mixt ein selbsternannter Zauberer einen Liebestrank für einen Fürsten. Der Trank wird allerdings nur wirken, so das Versprechen, wenn der Fürst beim Trinken nicht an einen Bären denkt. Ihr ahnt, was dann passiert: “Ich sehe schon eine ganze Bärenfamilie um mich herum!” ruft der Fürst und der Liebestrank, der wirkt natürlich nicht.

Filme fahren als Testlauf für eine mögliche Beziehung?

Ich sitze bei meiner Freundin L. in der Küche. “Eigentlich alles prima”, berichte ich ihr, “Wir haben uns letzte Woche gesehen, sehr nett, aber mal schauen. Was mich nur wahnsinnig macht, ist die übliche Film-Fahrerei!”

L. setzt sich und schaut verwundert: “Aber warum willst Du denn damit aufhören?” Und erklärt mir, dass sie selbst die Film-Fahrerei ganz bewusst laufen lasse und nicht versuche, sie zu unterdrücken. Denn, so L.’s Theorie, diese Filme fungieren als eine Art Probelauf. Sie stelle sich daher auch immer ganz bewusst vor, wie die Person zum ersten Mal auf ihre Eltern träfe. Wie die Freunde*innen sie fänden. Wie es wäre zusammenzuleben. Denn diese Gedankenspiele würden schon immer Hinweise darauf geben, ob das in eine ernste Richtung laufen könnte. Wenn es schon im Traum komisch aussähe, dann sei das schließlich auch ein Zeichen.

Film-Fahrerei als Probelauf also. Der Gedanke gefällt mir. Nicht nur, weil das mein schlechtes Gewissen etwas entlastet, sondern auch, weil es der ganzen Gedanken-Maschine endlich eine Funktion zuweist. Denn im Prinzip deckt sich diese Einschätzung auch mit dem, was die Psychologie über Tagträume sagt. Wir haben Tagträume, um organisiert zu bleiben, um Situationen durchzuspielen, um über unsere Zukunft nachzudenken.

Kopf-Beziehungen als “was wäre, wenn…”, als romantischer Probebetrieb unseres Gehirns. Damit kann ich leben. Und England ist eh immer eine Reise wert.

Außerdem auf ze.tt