Warum wir uns so schwer an unsere Kindheit erinnern können

Versuchen wir, uns an unsere frühen Kindheitsjahre zu erinnern, gelangen wir irgendwann an eine Grenze. Bis heute gibt es nur Theorien für das Phänomen. Fest steht nur: Wir alle vergessen irgendwann.

© Flickr / shonna1968 | CC BY 2.0

Hey Opa, wie war das noch damals? © Flickr / shonna1968 | CC BY 2.0

Meistens sind die Bilder nur sehr verschwommen – wenn es überhaupt welche gibt. An meine Kindheit erinnere ich mich nur sehr schwer zurück. Wenn ich mich mit Freund*innen unterhalte, erzählen sie mir sogar von Erinnerungen an die Zeit, in der sie zwei oder drei Jahre alt waren, oft sehr detailliert.

Für mich ist das beinahe unvorstellbar, kann ich selbst mich doch kaum noch an meine eigene Einschulung erinnern. Frühere Erinnerungen an die ersten drei bis vier Lebensjahre sind bei mir wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Die Forschung stellte bisher fest, dass das den meisten Erwachsenen so geht. Das Phänomen hat einen Namen: Kindheitsamnesie, oder „infantile Amnesie“.

Aber wieso fällt es uns so schwer, uns an unsere Kindheit zu erinnern? Und vor allem: Warum scheint es Ausnahmen zu geben?

Ab sieben Jahren ist Schluss

Mit der Erinnerungsforschung beschäftigen sich Psycholog*innen und Wissenschaftler*innen seit über einem Jahrhundert, es gibt etwa ein dutzend Studien und eine Handvoll Bücher zum Thema. Theorien für die Kindheitsamnesie gibt es zuhauf. Eine gemeingültige Antwort nicht. Das hat verschiedene Gründe: Umfrageergebnisse können etwa durch schwächere, verschwommene oder „Scheinerinnerungen“ verfälscht werden.

1895 entstand die erste nennenswerte Arbeit zum Thema. Die Psychologin Caroline Miles befragte für A Study of Individual Psychology 89 Personen, was ihre früheste Erinnerung sei: Im Schnitt waren die Befragten in diesen Situationen drei Jahre alt. Zwei ihrer Kolleg*innen kamen etwa drei Jahre später zum gleichen Ergebnis.

Man könnte nun annehmen, das Gehirn sei in diesen jungen Jahren einfach noch nicht so weit, Erinnerungen abzuspeichern. So einfach ist es aber nicht. Eine Studie von 1987 widerspricht dem. Für sie wurden zweieinhalb- bis dreijährige Kinder nach ihren Erfahrungen befragt. Das Ergebnis: Sie konnten sich gut zurückerinnern. Kinder haben also tatsächlich schon früh ein gutes Gedächtnis für vergangene Erlebnisse.

Nur: Mit zunehmendem Alter scheint sich etwas im Gehirn zu verändern. Wir erinnern uns offenbar immer schwerer zurück. Wissenschaftler*innen beschäftigten sich in der jüngste Studie von 2014ab wann wir uns als Kind nicht mehr an Vergangenes erinnern. Sie fanden heraus: Die Kindheitsamnesie beginnt, wenn wir sieben Jahre alt sind. Und: Jüngere Kinder vergessen Erfahrungen schneller als ältere Kinder und diese wiederum schneller als Erwachsene.

Worte verdrängen Bilder

Warum kommt es dazu? Und warum sind Erinnerungen an früher so stückhaft? Es gibt zwei Annahmen:

  • Etwa ab dem zweiten Lebensjahr entwickelt das Kleinkind eine eigenständige Persönlichkeit, meint etwa Richard Kinseher in seinem Buch „Verborgene Wurzeln des Glücks“. Es erkennt sich dann selbst im Spiegel. Die Erfahrungen würden ab diesem Zeitpunkt als persönliche „Ich-Erlebnisse“ abgespeichert. Man wird sich seines Ichs, seines Körpers, seiner Lebensumstände bewusst. Wenn das Ich-Bewusstsein voll ausgeprägt ist, erinnert man sich nicht mehr an frühere Erlebnisse, die nicht ich-kodiert sind.
  • Eine Studie von 1990 geht davon aus, dass die Kindheitsamnesie darauf beruhe, dass kleine Kinder erst noch Rahmenstrukturen erwerben müssen, um Ereignisse nachzuerzählen und in ihr Gedächtnis aufzunehmen. Kleine Kinder konzentrieren sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Ereignissen, was schlecht dazu geeignet ist, Dinge später wieder abzurufen. Außerdem verfügen sie noch nicht über eigene Rahmenstrukturen, um Erinnerungen zu konstruieren. Weshalb ihnen Erinnerungen später nur in Fragmenten vorliegen.

Rüdiger Pohl, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Mannheim, sagt im Gespräch mit Spektrum, dass das Erlernen der Sprache den größten Einfluss auf unser Erinnerungsvermögen hat und insofern auch die beste Erklärung dafür sei. Mit drei bis vier Jahren, genau in dem Alter, in dem unsere Erinnerung als Erwachsene einsetzt, lernen Kinder immer mehr Wörter und können schon kurze Sätze bilden.

[Außerdem bei ze.tt: Wie du trotz schlechter Kindheit mit deinem Leben zurechtkommst]

Die Folge: Während wir uns Erlebnisse vorher anhand von Bildern, Handlungen oder Gefühlen gemerkt haben, speichern wir sie dann in sprachlicher Form. Das könnte laut Pohl den Abruf von nichtsprachlichen Gedächtnisspuren erschweren. „Stellen Sie sich vor, Ihr PC bekommt ein ganz neues Betriebssystem – und Sie können alte Dateien plötzlich nicht mehr lesen.“

Traumatische Erlebnisse aus der frühen Kindheit können uns jedoch auch bis ins hohe Alter noch beeinflussen. Man fühlt dann zwar, dass da etwas war, aber man kann sich nicht mitteilen – weil der sprachliche Code dazu fehlt, sagt Pohl.

Wer viel mit seinen Eltern sprach, erinnert sich besser

Ein weiterer möglicher Grund für das Vergessen: Neue Gehirnzellen. Was paradox klingt, ist logisch: Im Kindesalter werden neuronale Verbindungen verändert und das Gehirn bildet besonders viele neue Hirnzellen. Die sogenannte „Neurogenese“ könnte ebenso bei der Kindheitsamnesie eine Rolle spielen.

Allerdings ist es nicht bei allen gleich: „Bei einigen Menschen beginnen die frühesten Erinnerungen erst ab sechs oder sieben Jahren“, sagt Rüdiger Pohl. In einer Studie im vergangenen Jahr fand die Psychologin Harlene Hayne heraus, dass intensive Gespräche und offene Fragen von Eltern an junge Kinder ihre Fähigkeit steigere, sich später wieder zu erinnern. Und zwar unabhängig von ihrer Sprachbildung. Sie erachtet es daher als besonders wichtig, Kinder immer wieder über Vergangenes zu befragen, sodass ihre Erfahrungen sich festigen können.

Viele Eltern tun das bereits. Das könnte eine Erklärung dafür sein, wieso einiger meiner Freunde sich besser an ihre Kindheit erinnern, als ich es tue. Vermutlich wurde ich als Kleinkind einfach seltener über meine Erfahrungen befragt.

Allerdings kann es oft auch an „Scheinerinnerungen“ liegen, dass Menschen sich an ihre ersten Lebensjahre erinnern. Der Psychologe Pohl sagte dem Fach-Magazin Spektrum, es handele sich dabei meist um Erinnerungen an Erzählungen, Fotos oder Videos von früher, die man nicht von tatsächlichen Erinnerungen unterscheiden könne. Ein Trick, um dieser Gedächtnistäuschung auf die Schliche zu kommen: „Man kann sich fragen: Erinnere ich mich so, dass ich das Geschehene mit meinen eigenen Augen sehe, und an viele Details? Dann handelt es sich wahrscheinlich um eine eigene Erinnerung.“ Wenn man die Szene als Dritter von Außen wahrnehme, sei das Bild erst später dazugekommen.

Echte Erinnerungen an die Zeit vor dem Alter von drei Jahren sind also die Ausnahme – doch es gibt sie. Aber wie stark und detailliert wir uns an sie erinnern, liegt offenbar nicht in unserer Hand.


Was ist eure früheste Erinnerung? Schreibt mir unter till.eckert@ze.tt.