Warum wir uns so schwer damit tun, eindeutige Nachrichten zu entziffern

Wenn wir an jemandem interessiert sind, entwickeln wir erstaunliche Fähigkeiten der Textinterpretation. Warum spielen wir uns mit solcher Hingabe etwas vor?

Wir reden uns die Welt gern schöner, als sie ist. © Pexels/CC0

„Hast du mal kurz ’ne Minute?” Und schon schickt mir Anna einen Screenshot. „Ja, ich fand’s auch nett. Guten Wochenstart dir …” Das hatte Fritz ihr gerade auf ihre letzte Nachricht geantwortet. Nachdem die beiden Samstag erst im Kino und dann in einer Bar gewesen waren, hatte Anna sich direkt am nächsten Morgen bei ihm gemeldet: „Muss immer noch über die eine Szene lachen, danke für den schönen Abend. Sollten wir mal wiederholen! :)” Fritz hatte die Nachricht umgehend gelesen, aber erst 28 Stunden später zurückgeschrieben. All diese Infos sind sehr wichtig, denn sie sind Grundlage der großen Frage, die Anna mir jetzt stellt: „Meinst du, da geht was?”

Die Nachricht der Nachricht

„Ja, ich fand’s auch nett. Guten Wochenstart dir …” Kurz und knapp, verspätet, unpersönlich und nicht wirklich anschlussfähig. Als ich gerade versuche anzusetzen und Anna ganz sanft beizubringen, dass ich nicht glaube, halt, dass ich ziemlich sicher bin, dass da nichts geht, sehe ich sie schon weitertippen: „Ich weiß, was du sagen willst. Aber! Er meinte, er schreibt eh nicht so gern übers Smartphone und die drei Punkte nach ,Wochenstart‘, die heißen doch auch was!” Ich atme tief ein und aus.

Anna ist im Alltag ein sehr sachlicher Mensch. Jemand mit einem guten Nonsens-Detektor und einem sicheren Gespür für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Aber nun merke ich, wie eine andere Anna übernimmt. Eine, die zwar eigentlich zwischen den Zeilen lesen kann, aber jetzt offensichtlich nicht mehr will. Fritz ist an ihr romantisch nicht interessiert. So viel ist nach seiner Nachricht klar. Aber Anna sieht das ganz anders. Sie findet für alles Eindeutige eine Erklärung, die doch wieder Raum für Interpretation zulässt.

Sie will es nicht sehen

Man könnte auch sagen: Anna ist in der Girl Matrix. So hat es die britische Kolumnistin Caitlin Moran mal beschrieben: „Wenn ein Mann mit dir essen geht, ihr abstürzt und er sich dann zwei Wochen nicht meldet, setzt er dir eigentlich nur eine heimliche Aufgabe, die du mit viel Algebra, dem Studium antiker Texte und Klagen an deine Freundinnen dekodieren kannst.“ Man sei in der Girl Matrix und versuche unsichtbare, sich langsam bewegende Kugeln zu fangen, die diejenigen, die nicht in der Matrix sind, nicht sehen könnten.

Genauso fühlt es sich an. Anna sieht offensichtlich Zeichen, die ich nicht zu sehen vermag. Die vermutlich keiner zu sehen vermag, aber die entscheidend sind für ihre hermeneutische Aufgabe. Anna will, dass Fritz sie mag. Dass Fritz mit ihr ausgeht. Dafür rollt sie das Feld von hinten auf und verhält sich wie eine Kryptografin in einem Dan-Brown-Thriller. Jeder noch so kleine Info-Schnipsel wird als möglicher Wink mit dem Zaunpfahl gedeutet. „Guten Wochenstart dir …” Wie aufmerksam, wie liebevoll von ihm!

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Und Anna ist mit ihrer Kryptografie nicht alleine. Wir kennen das vermutlich alle auch von uns selbst: „Er hat seitdem alle meine Instagram-Posts gelikt.” „Ich konnte sehen, dass er schreibt. Aber dann kam keine Nachricht. Vielleicht hat er sich nicht getraut!” „Sie hat diesen einen Song auf Twitter gepostet. Und wir hatten noch darüber geredet!” Ja, vielleicht sind das alles Zeichen. Aber mal ehrlich, was sollen diese Zeichen schon sagen, wenn die eigentliche Nachricht lediglich aus „Ja, ich fand’s auch nett” besteht?

Nichts ist, wie es scheint

Es ist erstaunlich, zu welcher Spitzfindigkeit wir fähig sind, wenn es um die Dekodierung solcher Nachrichten geht. Insbesondere dann, wenn es nichts zu dekodieren gibt. Aber es ist auch nachvollziehbar. Niemand kriegt gerne einen Korb. Und indem wir uns in die Matrix begeben, schaffen wir uns eine eigene Welt, eine uns genehmere. Eine Welt, in der „Ja, war nett” eigentlich „Ich bin so verliebt in dich” bedeutet. Nennen wir es die Textinterpretation nach Pippi Langstrumpf. Dabei beugen wir die Aussage einer Nachricht mit reiner Willenskraft. Das könnte schlicht Eitelkeit sein. Aber ich glaube, da steckt noch etwas anderes dahinter.

Über Hürden zur Liebe

Liebe, so haben wir es gelernt, funktioniert eben nicht einfach. Liebe ist nicht geradeheraus. Liebe ist eine Aufgabe. Sie ist eine aufreibende Geschichte vieler hin- und hergeschickter Zettelchen und Botschaften, langer Blicke und suggestiver Andeutungen. Man müsste die halbe Weltliteratur umschreiben, wollte man sich auf unumwundene Beziehungsanbahnung beschränken. Dass diese Geschichten dann allerdings keiner mehr lesen wollte? Geschenkt.

Was wir mitnehmen bleibt bestehen: Liebe ist kompliziert. Und wenn etwas kompliziert ist, müssen wir dranbleiben. Dran arbeiten, dran rumtüfteln. Liebe ist machbar, Liebe muss sein. Liebe ist widerständig, aber wir sind ausdauernd. Daher ist es dann auch okay, die Augen zu verschließen vor etwas, das in der Liebesideologie nicht vorkommt: Da geht nichts.

Liebesideologie

Wie nachhaltig Ideologie funktioniert, sieht man immer dann besonders gut, wenn sie subversiv daherkommt. Wie in dem Film He’s Just Not That Into You, der genau das Anna-Problem verhandelt. Alex erklärt seiner Bekannten Gigi, dass wenn ein Mann nicht alles daran setzen würde, mit jemandem zusammen zu sein, sei er einfach nicht interessiert. Das sei eine Regel und daher immer wahr. Wenig später denkt Gigi, Alex wolle etwas von ihr. Doch er weist sie ab. Am Ende des Films jedoch erklärt er ihr seine Liebe mit den Worten: „Du bist die Ausnahme zur Regel.”

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Ja, da geraten Saiten in uns zum Schwingen. Wir wollen doch schließlich alle so gerne die Ausnahme sein. Und eine Ideologie, die uns die Möglichkeit dazu gibt, ist daher hoch willkommen. Dabei ist He’s Just Not That Into You einfach nur perfider Mainstream. Denn die Botschaft, die der Film im Titel trägt, wird ja doch wieder zurückgenommen.

Dabei ist es in Wirklichkeit oft sehr eindeutig. Wenn jemand Nachrichten schreibt wie Fritz, dann ist das romantische Interesse begrenzt. Punkt. Er ist nicht sonderlich interessiert. Klar, um sicherzugehen kann Anna noch mal nachhaken, aber spätestens bei der nächsten Ja-war-nett-Nachricht sollte sie aus der Matrix auftauchen. Wie Neo in dem gleichnamigen Film. Er wird gefragt, ob er eine blaue Pille nehmen möchte, um wie bisher in einer simulierten Traumwelt weiterzuleben oder eine rote Pille und damit endlich die Wahrheit über die Matrix zu erfahren. Er entscheidet sich für rot.