Warum wir viel öfter einfach mal machen sollten

Sich mit seinen Wünschen und Forderungen zurückhalten? Auf Dauer macht das vor allem eins: unglücklich. Es ist Zeit, sich das zu nehmen, was einem zusteht.

Mach ich einfach mal. Pexels CC0-Lizenz

Bei Barcamps oder Open-Space-Konferenzen gilt das sogenannte Gesetz der zwei Füße. Geht das Interesse an einer Diskussion verloren, kann man die Gruppe einfach verlassen und zur nächsten wandern – oder sich bei einer Kaffeepause mit anderen Teilnehmenden austauschen. Dabei geht es um Freiheit und Selbstverantwortung. Da die Regeln zu Beginn explizit erläutert werden, funktioniert das gut. Aber warum ist das ein Gesetz, dass für eine Veranstaltung extra aufgestellt werden muss?

Brauchen wir wirklich eine Erlaubnis, um aufzustehen, wenn wir das Gefühl haben, nichts zu lernen? Warum bleiben wir sonst in Vorträgen sitzen – nur um höflich zu sein und niemandem zu nahe zu treten? Dafür verschwenden wir dann lieber unsere wertvolle Lebenszeit. Ernsthaft?

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Mich hält heute nichts mehr auf meinem Stuhl. Und ich kann es nur jedem*r empfehlen, auch mal unverschämt oder unhöflich zu sein und sich etwas rauszunehmen. Denn es steht uns allen zu und kann unerwartete Potenziale entfalten und Türen öffnen.

Beispiel gefällig?

Wir hatten einen Urlaub gebucht: Mallorca. Lange gespart, lange drauf gefreut, hohe Erwartungen. Und dann kam die Enttäuschung: schlimme Touri-Ecke, schlechtes Wetter, kein schönes Hotel. Zwei Wochen wollten wir eigentlich bleiben. Nach ein paar Tagen die Frage: Sollen wir einfach wieder nach Hause fliegen? Dürfen wir das? Können wir das einfach machen? Klar, warum sich zwei Wochen quälen, nur weil es so geplant und die Vorfreude groß war. Wir haben die Koffer wieder gepackt und am Ende für die Umbuchung sogar noch 100 Euro draufzahlen müssen.

Darüber kann man sich natürlich ärgern, muss man aber nicht. Kaum waren wir wieder zu Hause, hatte ich ein Jobangebot für ein Projekt, nach welchem ich das Urlaubsgeld dreimal wieder drin hatte. Wären wir auf Mallorca geblieben, hätte ich den Job nicht machen können. Das war natürlich nicht unbedingt kosmische Fügung. Diese Geschichte aus meinem eigenen Leben soll nur zeigen, dass es sich lohnen kann, einfach mal unverschämt das zu tun, wonach einem ist.

Bescheidenheit bringt uns oft nicht weiter

Das soll kein Aufruf dazu sein, die Ellbogen auszufahren und nur noch auf sich zu schauen, aber ich will zeigen, dass die beiden Verhaltensweisen – Rücksichtslosigkeit und Bescheidenheit – ihren Preis haben, manchmal einen sehr hohen.

Bescheidenheit kommt von sich bescheiden, sich zurücknehmen, sich mit etwas begnügen. Bescheidenheit gilt in unserer Gesellschaft noch immer als Tugend. Vor allem für Frauen scheint die Regel zu lauten: Sei wie das Veilchen im Moose und nicht die stolze Rose. Mach dich nicht wichtig. Stell deine eigenen Bedürfnisse nicht über die anderer. Prahle nicht mit deinem Erfolg. Männern wird ein solches Verhalten schließlich eher nachgesehen.

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Wer mit Bescheidenheit glänzt, gilt als einsichtsvoll, besonnen und verständig, einfach sympathisch. Aber falsche Bescheidenheit kann auch die Karriere und den Einfluss, den man in einer Gruppe oder auf die Gesellschaft ausübt, hemmen. Außerdem, und das ist die schlimmste Konsequenz, beschränken wir uns dadurch selbst.

Diese verdammte Angst vor der eigenen Größe

Neben den Glaubenssätzen, die wir in uns tragen, die uns sagen „Als Frau hast du zurückhaltend zu sein” und der gesamtgesellschaftlichen Erziehung in diese Richtung, liegt Bescheidenheit oft auch Unsicherheit oder Angst zugrunde. Ich kenne viele, die tausend Abschlüsse haben und noch immer denken, sie seien für diesen oder jenen Job nicht qualifiziert genug, die Großartiges leisten, dies aber für selbstverständlich halten und ihre eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht erkennen.

Gerade Frauen meistern in ihrem Alltag so viel und organisieren neben ihrem Job oft das ganze Familienleben. Aber gerade die, die am hellsten leuchten, leuchten meistens im Keller. Dort, wo es niemand sieht. Diese Selbstbeschränkung kann auch Sicherheit geben. Wer sich mit seinem Potenzial nicht aus der Komfortzone oder dem Komfort-Keller raus wagt, läuft auch nicht Gefahr zu scheitern. Die tiefste Angst haben wir aber nicht vor dem Scheitern, sondern vor unserer eigenen Größe.

Ein Zitat von Marianne Williamson, das ironischerweise immer wieder Nelson Mandela – einem Mann – in den Mund gelegt wird, bringt das so schön auf den Punkt:

„Unsere größte Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere größte Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen? Aber wer bist du, dich nicht so zu nennen? Wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“

Schluss mit den Ausreden

Also: Macht euch nicht immer klein, damit andere sich nicht schlecht fühlen. Macht euch groß, fordert ein, was euch zusteht, geht, wenn euch ein Vortrag nichts bringt. Wenn ihr euch aufrichtet, helft ihr auch anderen dabei sich zu trauen, von ihren Erfolgen und Fähigkeiten zu berichten und auch mal vermeintlich unverschämte Forderungen zu stellen.

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Ich arbeite immer wieder mit Unternehmerinnen, die zuerst an ihre Angestellten denken, rücksichtsvoll auf alle Urlaubswünsche eingehen und nur nehmen, was vielleicht übrig bleibt. Die sich nach allem, was sie geleistet haben, unverschämt finden, wenn sie sich auch mal etwas rausnehmen. Das gilt oft übrigens ebenso für Beziehungen. Außerdem werden immer wieder Ausreden vorgeschoben: „Dafür ist es jetzt zu spät”, „Das hätte ich machen sollen als ich noch jung war”, „Ich bin zu alt/zu jung/ zu schlecht, um wählerisch zu sein”, „Die Chance habe ich jetzt verpasst”, „Das lerne ich jetzt nicht mehr”, „Dafür habe ich keine Zeit/kein Talent”. Ich könnte noch hunderte Ausreden aufzählen, die ich ständig höre. Dabei ist es nie zu spät, das Leben zu führen, das einen glücklich macht.

Ist Bescheidenheit typisch deutsch?

Darf ich das denn überhaupt fordern? Ich würde sagen, das ist eine typisch deutsche Frage. Bei allem, was genial ist, wird mit vorauseilendem Gehorsam erst einmal gefragt, ob das erlaubt ist? Wie die Gesetzgebung ist, ob es dafür nicht Zertifikate, einer Ausbildung oder zumindest Grundwissen bedarf. Was auf dem Papier steht ist wichtiger als das, was vor einem steht. Daher auch diese unflexible Vorstellung, dass es für etwas ab einem bestimmten Punkt zu spät ist.

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In meinem Coaching stelle ich Menschen häufig die Aufgabe, ihre Wünschen einmal ganz unverschämt zu formulieren. Und dann stellt sich heraus, wie viel von diesen unverschämten Wünschen doch möglich und gar nicht unrealistisch oder unverschämt ist, sondern schlicht falsche Bescheidenheit. Das gleiche gilt, meiner Meinung nach, für Unternehmen. Auch sie sollte man nicht zu bescheiden planen und die oft unterbewusste Frage „Darf ich so erfolgreich sein?“, ein für alle Mal über Bord werfen.

Spiel, Spaß und Überraschung

Die Alternative ist nämlich schlimmer: Wer zu bescheiden ist, fährt sein Potenzial nicht voll aus. Das führt zur Unterforderung. Und wie ein Porsche, der kaputtgeht, wenn er nie ausgefahren wird, sondern nur durch 30er-Zonen tuckert, führt auch unsere Selbstbegrenzung dazu, dass wir entweder aggressiv oder niedergeschlagen werden. Frauen werden eher stillschweigend unglücklich. Und das sollte nicht so sein. Also, geht raus und genießt einfach mal ganz unverschämt das Leben!


Von Christina Kropp auf EDITION F.

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