Warum wir wie unsere Eltern werden, auch wenn wir dagegen ankämpfen

Wie Mama und Papa werden? Niemals! Allen guten Vorsätzen zum Trotz ertappen wir uns dennoch ständig dabei, genauso zu handeln wie unsere Eltern. Es gibt aber einen Ausweg aus dem Hamsterrad.

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Mutter und Tochter. Pixabay/CC0

Um 17:36 Uhr ist Abfahrt. Bereits eine Dreiviertelstunde vorher trudelt meine Freundin Nina am Bahnhof ein, kauft eine Cola, stöbert durch den Zeitschriftenladen und steht dann eine halbe Ewigkeit am Gleis, bevor endlich die Bahn einrollt. Ich hingegen stolpere ins Abteil genau eine Minute, bevor unsere Reise losgeht.

Schon meine Mutter zählte zu den notorischen Zu-Spät-Kommenden. Ninas Vater startete seine Autofahrten stets bei Sonnenaufgang, um noch im Hellen am Ziel anzukommen.

Das Verhalten unserer Eltern scheint auf uns abgefärbt zu haben. Und dieses Schicksal teilen nicht nur Nina und ich, sondern unser gesamter Freundeskreis. „Das ist doch doppelte Arbeit, ihr Spießer“, ärgerte sich Roland, 28, wenn seine Eltern früher bereits während des Kochens die Küche aufräumten. Und heute? Ist seine eigene Arbeitsplatte direkt nach der Schnippelei wieder blitzblank. Franzi, 25, hingegen ist sauer, wenn ihre Mutter sie nicht die Schokoladenmousse zubereiten lässt – ertappt sich aber selbst dabei, dass sie ihre Mitbewohner*innen nicht den Tisch decken lässt, weil ihr eigenes System „einfach das Beste“ sei.

Mama & Papa 2.0

Peter Zimmermann, Professor für Entwicklungspsychologie an der Uni Wuppertal, bestätigt: „Es gibt eine Reihe von Studien, die moderate Ähnlichkeiten in Verhaltensweisen oder Einstellungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern zeigen. In der Erziehung der eigenen Kinder, politischen Einstellungen oder auch im Stil Auto zu fahren. Dies fällt einem selbst oft erst auf, wenn man in ähnliche Lebenssituationen kommt.“

[Außerdem auf ze.tt: Warum Studierende immer länger bei den Eltern wohnen]

Solange wir unsere Imitationen schmunzelnd hinnehmen, ist alles in Ordnung. Schwierig wird es jedoch, wenn wir verhasste Verhaltensweisen übernehmen, obwohl wir uns früher – jung und ambitioniert, wie wir waren – genau das Gegenteil vorgenommen hatten.

Ich bin ihr Klon, holt mich hier raus!

Psychotherapeutin Silvia Dirnberger-Puchner kennt den Grund: „Wenn ich extrem viel Zeit einplane, befriedigt das die Angst davor, zu spät zu kommen. Solche Gefühle übertragen sich. Das kann man in der Pubertät verleugnen und bewusst anders handeln, als es die Eltern tun. Aber spätestens im Erwachsenenalter bahnt sich das Gefühl seinen Weg“, so Dirnberger-Puchner.

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Quelle: Giphy

Eignen wir uns also früher oder später alle Macken unserer Eltern an? Oder können wir uns bewusst vom elterlichen Aufräumzwang befreien oder lernen, Aufgaben abzugeben? „Das ist nicht so einfach. In vielen Situationen ist unser Verhalten automatisiert. Je emotionaler die Situation ist oder je mehr Zeitdruck wir haben, desto eher nutzen wir Bewertungs- und Handlungsroutinen. Im Positiven wie im Negativen“, meint Zimmermann. „Doch erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber den eigenen Automatismen ist ein erster Schritt zur Veränderung. Eine Prüfung, ob man in vergleichbaren Situationen steckt wie die eigenen Eltern, kann aber auch die eigene Bewertung deren Verhaltens verändern.“

Ich bin ihr Klon, holt mich hier raus!

Die Angewohnheiten der Eltern loszuwerden, ist aber nicht so einfach. Dirnberger-Puchner hat diesem Ziel ein ganzes Buch gewidmet. Darin fordert sie, man solle sich folgende drei Fragen ehrlich beantworten:

  • Welchen Nutzen erfüllt mein Verhalten?
  • Bin ich bereit, den Preis zu zahlen, den es kostet, das Verhalten zu ändern?
  • Kann ich den Nutzen auch anders erfüllen?

Vor meinem inneren Auge sehe ich Nina in letzter Minute mit hochrotem Kopf ein Gleis entlangrennen, ihre Stimme überschlägt sich, ein Herzinfarkt erscheint nicht mehr fern. Eine schreckliche Vorstellung. Womöglich ist es auch okay, nicht gegen die Eltern-Angewohnheiten anzukämpfen. Sondern sie einfach zu akzeptieren.