Warum YouTuber und Verlage gemeinsam Bücher rausbringen

YouTuber drehen nicht nur Videos, sie bringen auch erfolgreich Bücher raus. Aber warum schreiben junge Menschen, die im Internet Stars sind, ein Buch? Und was haben Verlage davon?

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Zwei Bücher haben OG, TC und Phil von Y-Titty rausgebracht. Hier sind sie bei den VideoDays 2015. © picture alliance / dpa

Als Oliver Domzalski bei den YouTubern von Y-Titty anrief und ihnen vorschlug, ein Buch rauszubringen, kam erstmal gar nichts. Stille. Dann, ungläubig: „Ein Buuuch?“ Ja, ein Buch. Von YouTubern. Das Gespräch war im Februar 2012. Mittlerweile hat Domzalski vier Bücher von YouTube-Stars betreut: zwei von Y-Titty und zwei von Freshtorge.

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© Y-Titty, NICHT-Buch, Carlsen Verlag Hamburg, 2012

Domzalski ist Programmleiter für Humor beim Kinder- und Jugendbuch-Verlag Carlsen. Wem der Name nichts sagt: Über ihn erschienen unter anderem die Harry-Potter Romane und die Twilight-Saga. Der 55-jährige Domzalski ist einer der ganz wenigen hauptamtlichen Humor-Lektoren in Deutschland. Ohne seine Tochter wäre es nicht zur Zusammenarbeit zwischen ihm und YouTubern gekommen, erzählt er: „Ich bin 55, von mir aus wäre ich niemals aufmerksam geworden auf die YouTube-Sphäre“.

Seine 17-jährige Tochter habe ihn darauf gebracht, dass da ein Phänomen mit einer enormen Reichweite existiert, das Verlage noch nicht auf dem Schirm haben. „Sie war mein Scout“, sagt er. Domzalski erzählt: Er schlug im Verlag vor, ein Buch mit Y-Titty zu machen. Von den 30 Personen, die damals anwesend waren, hatte keiner jemals den Namen der YouTuber gehört. „Trotzdem verspreche ich Ihnen, dass es ein Bestseller wird“, sagte Domzalski in die Runde. Er sollte recht behalten.

Ein paar Monate später, im Oktober 2012, kam das „NICHT-Buch“ raus. 128 Seiten, viele Bilder, wenig Text. Ein Buch, das eigentlich gar kein Buch sein will, schon der Titel verrät das. Aber: es sind bedruckte Papierseiten, die zusammengeheftet sind und von einem Umschlag umgeben werden. Also doch: ein Buch. Irgendwie.

Natürlich prallen Welten aufeinander, wenn YouTuber ein Buch rausbringen. Das bestätigt auch Domzalski. „Ich habe noch keinen YouTuber kennengelernt, von dem es immer schon der Lebenstraum war, ein Buch zu schreiben“, sagt er.

Warum lassen sie es dann nicht einfach bleiben?

Auf der einen Seite stehen die Interessen des Verlages, vor allem ökonomische. Die Zusammenarbeit mit YouTubern ist für sie deshalb interessant, weil die Internetstars schon eine Fanbasis mitbringen. Einige haben viele hunderttausend Abonnenten auf ihrem Kanal und nochmal genauso viele Likes bei Facebook. „Verlage sind immer auf der Suche nach Reichweite“, sagt Domzalski. Deshalb seien YouTuber für sie besonders interessant: sie bringen ihre Zielgruppe schon mit. Es sei relativ unwahrscheinlich, dass ihre Bücher floppen.

Bücher wie ausgedruckte Videos

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© Y-Titty, YOLO, Carlsen Verlag Hamburg, 2013

Das klingt sehr berechnend, sehr nach kalkulierendem Manager, der neue Marktsegmente erschließen will. Aber das ist die Realität im Bücherverlagswesen. „Wenn ein junger Mensch ohne eigene Reichweite ein Non-Fiction-Buch schreibt – zum Beispiel im Bereich Humor – ist die Wahrscheinlichkeit nahe null, dass er einen Verlag findet“, sagt Domzalski. Das Risiko soll möglichst gering gehalten werden. Denn: Verlage verdienen ihr Geld nicht mit Werbung und kriegen keine staatlichen Subventionen, sie müssen am Markt bestehen, sonst sind sie weg.

Am wichtigsten ist also, dass die Zahlen stimmen. Bei den Büchern von Y-Titty stimmten sie. An die 50.000 Mal, so sagt der Lektor, verkaufte sich das „NICHT-Buch“, es landete sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste. „Ein großer Erfolg“, sagt Domzalski. Der Nachfolger „Yolo“ ein Jahr später funktionierte nicht mehr so gut: etwas mehr als 20.000 Fans kauften das Buch. „Immer noch ordentlich“, sagt Domzalski. Aber: Bei „Yolo“ sei der Marketingkanal „verstopft“ gewesen. Unter den Posts zum Buch habe es Kommentare gegeben, dass die YouTuber das Buch gar nicht selbst geschrieben hätten. Das habe die Jungs von Y-Titty verunsichert, sie hätten „Yolo“ daraufhin nicht mehr so intensiv beworben.

Die Vorwürfe waren unbegründet, sagt Domzalski. Einen Ghostwriter habe es nicht gegeben, das wäre auch nach hinten losgegangen. Er begründet das so: Wenn YouTuber ein Buch rausbringen, sind sie selbst der wichtigste Marketingkanal. Deshalb müssen sie voll hinter dem Produkt stehen. Denn sonst könnten sie das Buch nicht glaubhaft bewerben.

Trotzdem unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit YouTubern von der mit erfahreneren Autoren. „YouTuber sind keine geborenen Buchautoren, man muss sie an die Hand nehmen“, sagt Domzalski. Also habe er sich mit ihnen zusammengesetzt und gemeinsam die Bücher erarbeitet. Das habe auch deshalb gut geklappt, weil viel Material schon vorhanden war und nur noch zusammengestellt werden musste. Lange Texte stehen in den beiden Y-Titty-Büchern kaum, es überwiegen Bilder und Grafiken. Statt Seitenzahlen zeigt der Akkustand an, wie weit man schon ist. Die Bücher lesen sich ein wenig wie ausgedruckte Videos.

© Y-Titty, NICHT-Buch, Carlsen Verlag Hamburg, 2012

Oliver Domzalski hat noch mit einem weiteren YouTube-Star zusammengearbeitet: Freshtorge. Der 27-Jährige heißt eigentlich Torge Oelrich und ist jetzt schon fast zehn Jahre bei YouTube aktiv. Mit seinen Comedy-Blödel-Videos hat er über 1,5 Million Abonnenten auf seinen Kanal geholt. Im vergangenen Jahr brachte Freshtorge ein Buch über den Carlsen-Verlag raus: das 128-seitige „Mein Tagebuch“. Freshtorge ging aber noch einen Schritt weiter. Im Sommer brachte er mit „Kartoffelsalat“ einen Kinofilm raus. In dem spielen bekannte YouTuber wie Joyce Ilg, Dagi Bee und zwei Mitglieder von Y-Titty mit. Und mittendrin: Otto Waalkes.

Kann sich auch keiner ausdenken: Ein YouTuber bringt einen Film ins Kino und Komiker-Opa Otto Waalkes spielt mit.

YouTuber gehen fremd. Aber wieso? Warum veröffentlichen junge Menschen, die für die neuen Medien stehen, etwas in den alten, die sie selbst vermutlich gar nicht mehr nutzen? Um ihnen zu beweisen, wie tot sie sind? Um einen neuen Markt zu erschließen? Oder einfach nur, weil sie gerade Lust dazu hatten?

In einem Mail-Interview zu „Mein Tagebuch“ schrieb Freshtorge dem Magazin Alsterkind: „Viele meiner Zuschauer interessieren sich dafür, wer hinter all dem Blödsinn steckt. Einige Fragen sind jedoch so umfangreich, dass dafür ein einziges Video nicht reichen würde. Deswegen habe ich mir gedacht: schreibe ich doch mal ein Buch, wo ich unter anderem all diese umfangreicheren Fragen beantworten kann.“ Tatsächlich ist sein Buch textlastiger als das von Y-Titty, in Tagebucheinträgen erzählt er seine Lebensgeschichte nach.

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Auszug aus „Mein Tagebuch“ von Freshtorge (© Freshtorge, Mein Tagebuch, Carlsen Verlag Hamburg, 2014)

Auch andere Verlage haben den Trend erkannt

Nicht nur der Carlsen-Verlag arbeitet mit YouTubern zusammen. Früh dabei war auch der Riva Verlag aus München, über den unter anderem Oliver Kahn und Bushido ihre Biographien veröffentlichten. Am 4. April 2012 brachte der Verlag eines der ersten Bücher von deutschen YouTubern überhaupt raus, gemeinsam mit dem Comedy-Duo Die Aussenseiter: „Überleben unter Opfern, es landet auf der Spiegel-Bestsellerliste. Zwei weitere Kollaborationen folgten, im Jahr 2014 erschienen das autobiographische Buch „Die Wahrheit über Alberto“ vom Beatboxer und YouTuber Alberto und gleich vier Bücher auf einmal von Simon Desue. Sie alle haben gigantische Reichweiten:

  • Die Aussenseiter: fast 2,5 Million Abonnenten bei YouTube, fast 1 Million Likes bei Facebook.
  • Simon Desue: knapp zwei Million Abonnenten bei YouTube, fast sieben Million Likes bei Facebook.
  • Alberto: mehrere hunderttausend Abonnenten über alle seine YouTube-Kanäle hinweg mehr als 1,3 Million Abonnenten auf seinem mittlerweile inaktiven Hauptkanal, 2,2 Million Likes bei Facebook.
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Diese deutschen YouTuber haben Bücher über den Riva Verlag veröffentlicht (© riva Verlag)

Ob dementsprechend hoch auch die Verkaufszahlen der Bücher waren, will der Riva Verlag nicht verraten. „Unsere Verkaufszahlen veröffentlichen wir nicht“, sagt die Pressesprecherin Tina Nollau. Auch über die konkreten betriebswirtschaftlichen Beweggründe des Verlags, Bücher gemeinsam mit YouTubern zu machen, möchte sie nicht reden. Was sie aber sagt: „Für uns sind diese Bücher eine Brücke zur Zielgruppe.“ Außerdem sei es für den Verlag ein wichtiger Auftrag, junge Leute, die sonst nur vor dem Computer sitzt, zum Lesen zu bringen.

Das soll derzeit vor allem mit jungen Menschen aus dem amerikanischen Raum gelingen: In diesem Jahr erschienen Bücher mit den YouTuberinnen Michelle Phan und Abby Smith. Es geht um das richtige Make-Up und ums Haareflechten. Geplant ist außerdem ein Buch mit dem amerikanischen Vlogger Connor Franta, das im Frühjahr 2016 rauskommen soll. Eine erneute Zusammenarbeit mit deutschen YouTubern schließt Nollau aber nicht aus: „Wir scannen weiterhin den Markt“.

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Die Bücher von Michelle Phan und Abby Smith (© mvg Verlag)

Oliver Domzalski vom Carlsen-Verlag sieht die Entwicklung kritischer. Bücher von deutschen YouTubern seien keine Selbstläufer mehr. „Bücher waren am Anfang beliebt, weil die Fans ihre Stars darauf unterschreiben lassen konnten“, sagt er. Das war mal. Mittlerweile sei die Idee, dass sich alle Fans ein Buch kaufen und einen YouTube-Star da reinschreiben lassen, vorbei: „Selfies sind das neue Autogramm“.