Was die Terrorangriffe für unseren Alltag bedeuten

Nachdem in Hannover ein Fußballspiel abgesagt wurde, stellen sich uns ziemlich viele Fragen. Ein paar Antworten, wo es sie denn gibt.

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Polizisten in Hannover: Müssen wir uns an dieses Bild gewöhnen? © Alexander Koerner/Getty Images

Wie gefährlich ist es, vor die Tür zu gehen? Ja, wir könnten auch in der Mittagspause von einem Auto überfahren werden. Gefahr ist überall. Dieses Argument tröstet nicht. Vor dem Auto schützen wir uns durch Wachsamkeit. Vor einem Terroranschlag, einem gezielten Angriff auf uns, können wir uns schlechter schützen. Fünf Bomben wollten die Terroristen zünden, sie sollten mit einem Krankenwagen durch den Sicherheitsbereich ins Stadion gebracht werden. Auch für die Innenstadt war eine Explosion geplant.

In der Redaktionskonferenz bei ze.tt haben sich uns einige Fragen gestellt. Die Antworten sind schwer zu geben. Wir haben Informationen gesammelt, an Hand derer wir uns eine Meinung bilden konnten.

Frankreich ist so nah – gibt es eine konkrete Gefahr für Deutschland?

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hält Deutschland auf jeden Fall für ein mögliches Ziel: „Wenn der IS uns treffen kann, wenn der IS Terroranschläge in Deutschland durchführen kann, dann wird er es tun – das ist unsere große Sorge“, sagte er in der ARD.

Politisch betrachtet sind Deutschland und Frankreich nicht gleich. Frankreich fliegt Luftangriffe auf Zentren der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in Syrien. Einer der Attentäter soll dies laut Augenzeugen im Konzerthaus Bataclan als Motiv angegeben haben.

Frankreich bittet die europäischen Staaten offiziell um Beistand – das ist das erste Mal in der Geschichte der EU. In Deutschland muss darüber das Parlament entscheiden, erläutern die Kollegen von ZEIT ONLINE. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sieht deutsche Hilfe eher in Mali.

Waren die Menschen in Hannover in Gefahr?

„Es gab keine Festnahmen und keinen Sprengstoff“, zitiert Spiegel Online eine Polizeisprecherin. Vorher waren die Gerüchte übergekocht: Von einem Krankenwagen mit Sprengstoff war die Rede, von Menschen mit Sprengstoffgürteln. Innenminister Thomas de Maizière: „Im Zweifel hat der Schutz der Menschen Vorrang.“

Sind Flüchtlinge gefährlich?

Bislang gibt es keine Bestätigung dafür, dass überhaupt ein Flüchtling an den Attentaten beteiligt war. In Rostock wurde noch am Abend der Terrorwarnung in Hannover eine Flüchtlingsunterkunft durchsucht. Angeblich hatte jemand Salah Abdeslam gesehen, weltweit gesucht wegen Terror-Verdachts. Eines der Autos der Attentäter von Paris war im Namen des 26-Jährigen gemietet. Gefunden wurde nichts. Salahs Bruder Brahim, 31, war ebenfalls unter den Angreifern, er sprengte sich in die Luft. Die beiden sind jedoch keine Flüchtlinge – sie sind Belgier, geboren in Brüssel.

Und zur Erinnerung: Was in Paris geschah, das erlebten syrische Flüchtlinge täglich. Genau davor sind sie ja geflohen. Eine Gefahr sind Terroristen, die sich als Flüchtlinge ausgeben. Flüchtlinge sind es schon qua Definition nicht.

Ist es ein religiöser Konflikt?

paris-KopieGanz klar: Nein. Der „Islamische Staat“ ist kein Staat, sondern eine Terrororganisation. Weltweit distanzieren sich Muslime von den Attentaten drücken Bedauern und Sorge aus.

Ze.tt-Korrespondentin Anja Reumschüssel hat sich bei Muslimen in Deutschland und im Ausland umgehört. Eine Frau, die vor einem Jahr aus dem syrischen Homs nach Hamburg floh und dort nun mit ihrer Familie lebt, sagte: „Wir bedauern, was passiert ist. Wir hoffen, dass die Täter schnell gefasst und schwer bestraft werden. Die Menschen in Europa waren viel besser zu uns als unsere arabischen Brüder. Deswegen hoffen wir, dass diese Länder weiterhin sicher sind.“

Muss ich jetzt vorsichtig sein?

Niemand kann eine Gefahr ausschließen. Das gilt für die Zeit, in der wir leben, es galt auch früher schon. Gleichwohl sagen viele zu Recht: Wenn wir unsere Freiheit nun selbst einschränken, dann haben die Terroristen gewonnen.

Soll ich nicht mehr in Flugzeuge und Bahnen steigen?

Aktuelle Bombendrohungen gegen Air France haben sich inzwischen als falscher Alarm herausgestellt. Ermittler haben die Flugzeuge durchsucht und nichts gefunden. Sie waren von Los Angeles und Washington gestartet.

Die Bombenwarnung in einem Intercity-Zug in Hannover hatte sich ebenfalls aufgelöst – ein Mann hatte eine Attrappe zurückgelassen. Die Polizei fahndet nach ihm. Aufgefallen war der Mann übrigens, weil ein aufmerksamer Mitreisender das Paket bemerkt hatte.

Sind Fußballspiele und Großveranstaltungen besonders in Gefahr?

Fakt ist: Der erste Anschlag passierte während eines Länderspiels zwischen der deutschen und der französischen Nationalmannschaft; das Spiel in Hannover wurde abgesagt. Laut Verfassungsschutz-Chef Maaßen wegen Hinweisen, die man „sehr, sehr ernst“ habe nehmen müssen, welches Ausmaß der Anschlag hatte haben sollen, wurde erst später bekannt. Maaßen riet dennoch davon ab, Großveranstaltungen pauschal abzusagen.

Die DFL kündigte an, dass der kommende Spieltag der ersten und zweiten Bundesliga nicht abgesagt werden soll. Pyrotechnik solle man jedoch zuhause lassen, bat der Vorsitzende der Innenminister-Konferenz, der rheinland-pfälzische Minister Roger Lewentz, in Bild.

Soll ich Weihnachtsmärkte lieber meiden?

Polizisten auf einem Weihnachtsmarkt in Hamburg, 2010 Foto © Johannes Eisele/AFP/Getty Images
Polizisten auf einem Weihnachtsmarkt in Hamburg, 2010 Foto © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Die meisten Weihnachtsmärkte öffnen am kommenden Montag. Sowohl die Polizei der Bundesländer als auch die Betreiber der Märkte haben verstärkte Sicherheitsmaßnahmen angekündigt, berichtet die Berliner Morgenpost. Berlins Innensenator Frank Henkel sagte: „Vorsicht ist geboten, Angst wäre jedoch ein falscher Ratgeber. Wenn wir uns jetzt nicht mehr vor die Tür trauen würden, hätten die Terroristen gewonnen.“ Thüringen kündigt an, Polizisten in Zivilkleidung einzusetzen.

Brauchen wir mehr Überwachung?

Diese Frage wird wohl für immer ein Streitpunkt sein. Es gilt weiterhin das Argument: Wenn wir unsere Freiheit einschränken, dann haben die Terroristen gewonnen. Der Chef des US-Geheimdienstes CIA, John Brennan, gibt wiederum Whistleblower Edward Snowden eine Teilschuld. Die Terroristen hätten technisch aufgerüstet. Deshalb sei es nun schwieriger, sie zu überwachen, berichtet Politico.

Halten uns Geheimdienste und Regierungen Informationen vor?

Ja. Weil alles, was wir wissen, auch Terroristen wissen. Das gefährdet die Arbeit der Ermittler. Dazu kommt, dass US-Geheimdienste schon einmal die Kooperation verweigert haben, berichtet die Welt. Diese Wahrheit ist nicht schön, aber es ist etwas dran. Wir sind nicht so unabhängig, wie wir es gern wären. Und wir sind auch nicht so sicher.

Das macht de Maizières Aussage – „Ein Teil der Antworten würde Sie verunsichern“ – nicht besser. Verunsicherung ist kein Argument. Sicherheit ist eines. Und „richtig“ oder „falsch“ sind nicht so einfach zu definieren, wenn es um die Sicherheit von Menschen geht.