Was dazu führt, dass schon kleine Mädchen denken nicht schlau zu sein

Klischees und geschlechtsspezifische Stereotypen sind in unserer Gesellschaft präsenter als uns häufig recht ist. Wie sehr sie schon kleine Kinder beeinflussen und was für weitreichende Folgen das haben kann, hat jetzt eine Studie herausgefunden.

Schon früh vorbelastet von Klischees. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Stereotype und Klischees werden schon sehr früh aufgegriffen

Es ist kein Geheimnis, dass Frauen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in Berufsfeldern, welche „Brillanz“ erfordern, unterrepräsentiert sind. Eine amerikanische Studie hat diese Tatsache erforscht und herausgefunden, dass ein Grund dafür schon in unserer frühen Kindheit verankert liegen kann. Schon im Alter von sechs Jahren erachten Mädchen ihr eigenes Geschlecht als weniger intelligent als Jungen. Das führt dazu, dass die Mädchen bestimmte Aktivitäten als „nicht für sie geeignet“ wahrnehmen, weil sie denken, sie seien nicht schlau genug. Die Recherche zeigte, dass Kinder in Amerika – und wahrscheinlich nicht nur dort – schon sehr früh kulturelle Stereotype aufgreifen. Stereotype, die eben auch nahelegen, dass Mädchen weniger intelligent seien als Jungs.

Das hat zum einen etwas mit der Darstellung und Vertretung von Frauen und Mädchen in den Medien zu tun. Einfacher Test: Versucht man, an eine sehr schlaue Person zu denken, dann fallen einem vielleicht erst Einstein, Newton, Sheldon Cooper aus der Serie „Big Bang Theory“ oder Sherlock Holmes ein. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Marie Curie, Hermine Granger in Harry Potter oder Lisa Simpson, in der Regel wird Intelligenz und intellektuelles Interesse allerdings als männliche Eigenschaft dargestellt.

Während die Medien, Filme und Bücher, die Selbstwahrnehmung der Kinder aktiv beeinflussen, spielen auch die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern eine nicht unwesentliche Rolle. Auch wenn sie ihre Kinder nicht aktiv in eine bestimmte Rolle drängen wollen, sind auch sie von den gängigen Stereotypen beeinflusst. Das wirkt sich wiederum auf die Kinder aus. So legt etwa ein Bericht aus dem Jahr 2014 offen: Amerikanische Eltern suchen bei Google doppelt so oft „Ist mein Sohn ein Genie?“ als „Ist meine Tochter ein Genie?“

Eltern unterstützen die Klischeebildung

Gleichzeitig werden auch von Eltern die oberflächlichen Stereotype bezüglich Mädchen erfüllt. „Ist meine Tochter übergewichtig?“ wird zu etwa 70 Prozent häufiger gegoogelt als die gleiche Frage bezüglich eines Sohnes. Und das obwohl Übergewicht bei Jungen häufiger vorkommt als bei Mädchen. Auch in Deutschland, übrigens.

Logisch also, dass auch Kinder sich schon im jungen Alter von Stereotype beeinflussen lassen. Jungs sind schlau und stark, Mädchen müssen hübsch aussehen. Das hat jetzt auch die Studie bestätigt, die mit 400 Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren aus einer Gemeinde nahe der Universität von Illinois durchgeführt wurde.

Für einen Teil der Studie wurden 48 Mädchen und 48 Jungen zwei Geschichten über eine Person erzählt. In der einen Geschichte ging es um eine „sehr, sehr schlaue“ in der anderen um eine „sehr, sehr nette“ Person. Danach wurden ihnen vier Bilder von Frauen und Männern gezeigt und die Kinder sollten raten, welche Person zu welcher Geschichte gehörte.

Im Alter von fünf Jahren rieten Jungs und Mädchen noch zu gleichen Teilen, dass die intelligente Person das gleiche Geschlecht habe wie sie. Die Sechsjährigen hingegen assoziierten unabhängig vom eigenen Geschlecht öfter den Mann mit der intelligenten Person. Interessant ist außerdem, dass die Kinder, als ihnen vier Bilder von zwei Jungen und zwei Mädchen gezeigt wurden, meinten, dass die Mädchen eher gut in der Schule seien als die Jungen. Die Mädchen sind sich also bewusst, dass sie durchschnittlich besser in der Schule sind, halten sich trotzdem für weniger intelligent.

Die Studie hat weiter herausgefunden, dass die Auswirkung dieser Stereotype weit greifen können: Als den Kindern vorgeschlagen wurde, ein Spiel zu spielen, das für Kinder sei, die wirklich schlau seien, zeigten die Mädchen bei weitem weniger Interesse als die Jungen. Das gleiche Spiel wurde ihnen später als eines erklärt, für das man sich einfach nur sehr anstrengen müsse – auf einmal zeigten die Mädchen genauso viel Interesse wie die Jungen. Sind die Stereotype dementsprechend einmal internalisiert, driften die Interessen der Mädchen weg von Dingen, die scheinbar „nicht für sie“ sind.

Repräsentation verstärken und Haushaltsaufgaben gleichmäßiger verteilen

Was können wir denn nun gegen diese Entwicklung tun? Auch darauf geben die Forscher einige Hinweise. So meint etwa die Psychologin Carol Dweck, dass es für Erfolg wichtiger sei, sich anzustrengen, zu lernen und hart zu arbeiten, statt weiterhin von angeborener Intelligenz auszugehen. Das könnte dabei helfen, Mädchen vor solchen Stereotype zu schützen. Denn die relevanten Vorurteile, die sich ja scheinbar schon im Alter von sechs Jahren festigen, scheinen zu verstärken, wer mutmaßlich mit welchen Fähigkeiten geboren wird.

Wenn wir es schaffen, dass die angeborenen Fähigkeiten als sekundär betrachtet werden, können wir die Kraft dieser Vorurteile abschwächen. Weitere Recherche hat ergeben, dass es sehr hilfreich sein könnte, wenn es mehr intelligente Vorbilder für Mädchen gäbe. Das könne ihre Motivation steigern, statt sie glauben zu lassen, dass sie nicht so intelligent seien wie Jungen und es wichtiger sei, dass sie hübsch sind.

Eine weitere Studie schlägt sogar vor, dass eine gerechtere Aufgabenverteilung unabhängig vom Geschlecht im Haushalt die Karriereziele von Jungen und Mädchen beeinflussen kann. Da haben wir nichts gegen einzuwenden.

Am Ende macht es wahrscheinlich eine Mischung aus diesen Vorschlägen, die uns helfen wird, junge Mädchen auf der ganzen Welt davon zu überzeugen, dass sie schlau genug sind. Die Studie zeigt wie stark sich schon kleine Kinder von Vorurteilen beeinflussen lassen uns wie weitreichend die Folgen sein können. Zeit, das zu ändern!


Von Victoria Kempter auf EDITION F.

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