Was die junge Politik in NRW vor den Wahlen bewegt

Sind die Mitglieder der Jungen Union spießige Burschenschafter und die jungen Grünen alle Avocadosafttrinker? Unsere Autorin hat sich bei den Jugendorganisationen der Parteien umgesehen – und viele Vorurteile überworfen.

Die Grüne Jugend bespricht ihre Agenda. © Larissa Schwedes

Jede Partei hat eine Jugendorganisation. Doch was machen diese Gruppen eigentlich, während die Berufspolitiker*innen in den Parlamenten arbeiten oder von einem Wahlkampfauftritt zum nächsten hetzen? Wie stellt sich der politische Nachwuchs die Gesellschaft der Zukunft vor? Was sind die Visionen der Jungen?

[Außerdem auf ze.tt: Was du bewirken kannst, wenn du jetzt in eine Partei eintrittst]

Auf der Suche nach der Politik von morgen reise ich quer durch NRW. Mit im Gepäck: viele Klischeevorstellungen. Die Jungunionler sind spießig, die Grünen alle öko und so weiter. 748 Kilometer Zugfahrt später werden sich auch die hartnäckigsten Vorurteile aus meinem Kopf verabschiedet haben. Sie sind buchstäblich auf der Strecke geblieben, vermutlich irgendwo hinter Wanne-Eickel.

Aber so weit sind wir noch nicht. Sondern am Hauptbahnhof in meiner Heimatstadt Münster in Westfalen. Dort, wo diese Reise anfängt, endet und zwischendurch Halt macht.

Keine Angst vor langen Texten: die Jusos in Münster

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? Beim PoliTisch im großen Seminarraum der SPD-Parteizentrale in Münster, direkt am Bahnhof, bei Schokokeksen und Wasser. Von Hemd und Kurzhaarschnitt bis Piercing und Kapuzenpulli ist optisch so ziemlich alles dabei – Runden wie diese finden sich in der Unistadt Münster an jeder Ecke.

Wer ist dabei? Fast 40 Leute, die meisten studieren. Der Raum ist rappelvoll, viele sind neu, denn „auch wir merken den Schulz-Effekt.“ Mittendrin: Nico (29), der in Biologie promoviert und schon seit zehn Jahren mit den Jusos Politik macht und als Neuling der Philosophie-Student Matthias (19).

Worum geht es? Um Feminismus, genauer um „Queerfeminismus, Differenzfeminismus – und wo stehen wir da eigentlich?“ Es gibt einen kurzen Impuls, intensive Textarbeit und eine Gruppendiskussion – und zwar quotiert und ausbalanciert, sodass die Geschlechter und Teilnehmer*innen möglichst ähnlich viel Redezeit bekommen.

Was steht sonst an? Junge Geflüchtete müssen inklusiv in Schulklassen integriert werden, Erinnerungskultur soll stärker in den Unterricht integriert werden – diese bildungspolitischen Forderungen stehen in den Anträgen der Jusos.

Wozu machen die das? „Ein klarer Wahlsieg der SPD bei der Landtagswahl. Und bei der Bundestagswahl soll sie als stärkste Kraft in eine rot-rot-grüne Koalition führen. Und es darf kein Selbstläufer mehr sein, dass die AfD locker in alle Parlamente rein kommt“ – zumindest, wenn es nach Nico geht.

Warum gerade die Jusos? Matthias: „Die soziale Frage ist in der letzten Zeit zu kurz gekommen. Da die SPD traditionell für soziale Gerechtigkeit steht, bin ich hier.“

Auf den Spuren des Mülls: die Junge Union in Dortmund

Wo sind wir? In der rustikalen Stadtteilkneipe Haus Freiberg in Dortmund, bei den Jungen Christdemokraten. Bei Dortmunder Pils rücken die Teilnehmer*innen auf holzvertäfelten Eckbänken zusammen. So muss der Ort aussehen, an dem der Begriff Stammtisch erfunden wurde.

Wer ist dabei? Sarah (22), ambitionierte Jungpolitikerin und Kandidatin für den Landtag. Zusammen mit rund 30 anderen Teilnehmer*innen – alle von ihnen: jung, fast alle: männlich. Die Häufung von Hemdkragen und Lederschuhen fällt auf. Ein paar Teilnehmer stammen aus einer Studentenverbindung, sie sind heute zum ersten Mal dabei.

Worum geht es? Um Entsorgung, also Kommunalpolitik wie aus dem Bilderbuch. Der Chef der Dortmunder Entsorgungsbetriebe ist zu Gast und erzählt, dass es käse ist, Käse-Verpackungen zu recyceln und warum der Gesetzgeber das Thema bisher falsch angeht.

Was steht an? Frauen müssen bei der Polizei stärker gefördert werden, außerdem sollten Ehrenamtliche günstigere Tickets erhalten – dafür macht sich der Kreisverband derzeit stark. Wenn die Mitglieder nicht beim Wahlkampf helfen oder Anträge schreiben, spielen sie auch zusammen Lasertag oder Fußball.

Wozu machen die das? Um Anträge in den Parteiprogrammen zu etablieren, Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken und – im Fall von Sarah – sich einen Sitz im Landtag zu sichern.

Warum gerade die Junge Union? Sarah: „Mit meinen Eltern habe ich immer viel über Politik diskutiert, aber ich wollte auch den parteipolitischen Austausch. Bei der Jungen Union bin ich auf Gleichgesinnte gestoßen.“

Mit Studienplätzchen auf Stimmenfang: die Grüne Jugend in Bochum

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? Zwischen Antifa- und Stop-TTIP-Plakaten und viel grünem Krimskrams – beim Plenum der Grünen Jugend in Bochum, in den Räumen der Mutterpartei.

Wer ist dabei? Ein halbes Dutzend ziemlich junge Jungs und Mädels. Schüler*innen, Student*innen, ein Azubi. Den größten Redeanteil und Aktionismus versprüht Pia (17), sie ist Sprecherin der Bochumer Jugendorganisation.

Worum geht es? Um Antisemitismus, den Begriff Freiheit, Demonstrationen und die Zukunft von Europa. Große Themen, viele Ideen. Hinzu kommt die alles entscheidende Frage: Bestellen wir 100 oder 250 Waffelschnitten aka Studienplätzchen für den Wahlkampf? Fast alle Entscheidungen erfolgen basisdemokratisch. Manche auch per Schere, Stein, Papier.

Was steht an? Ein Kongress will geplant werden, Referenten werden vorgeschlagen und die Agenda diskutiert. Außerdem: eine Wahlkampftour im Bus der Grünen Jugend, Mitgliederversammlungen und eine Gegendemo beim Parteitag der AfD.

Wozu machen die das? Für eine „effektive Politik gegen den Rechtsruck und Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte“ – am besten mit einer grünen Regierung in Land und Bund.

Warum gerade die Grünen? Pia hat die grünen Ideale quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Mit vier Jahren demonstrierte sie bereits auf den Schultern ihrer politisch aktiven Mutter gegen Atomkraft. Als sie bei der vergangenen Europawahl an der Bar mit anderen jungen Grünen ins Gespräch kam, hat es Klick gemacht. Seitdem passt kein Blatt mehr zwischen die Schülerin und ihre Partei.

Mit Start-up-Kultur fürs Comeback: die Jungen Liberalen in Düsseldorf

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? In einer studentischen Kneipe im Düsseldorfer Süden, beim Stammtisch der JuLis – mit Infos für Neuinteressierte und einer FDP-Landtagskandidatin zu Gast. Reserviert ist für zehn Leute, anwesend sind mindestens doppelt so viele.

Wer ist dabei? Hauptsächlich Studierende, die meisten männlich. Vor Kopf: die Vorsitzende Laura (26), die wie viele andere hier Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schwarze Pullover mit V-Ausschnitt sind die Lieblingskleidungsstücke.

Worum geht es? 24-Stunden-Kitas, ein liberales Bürgergeld anstelle von Hartz IV und die Frage, ob die FDP bald wieder regieren sollte oder in der Opposition eine bessere Figur machen würde. Und darum, was Liberale eigentlich für die Schwächeren der Gesellschaft tun.

Was steht an? Neue Anträge, Workshops und: Wahlkampf, Wahlkampf, Wahlkampf.

Wozu machen die das? „Gute Wahlergebnisse“, natürlich. „Ich finde es extrem motivierend, dass wir das Parteiprogramm beeinflussen und mitbestimmen können“, begeistert sich Laura. Die Legalisierung von Cannabis ist durch das Engagement der JuLis ins Parteiprogramm der FDP gewandert.

Warum gerade die JuLis? „Mich hat Christian Lindner mit seiner Rede an der Uni motiviert.“ – „Echt? Bei mir ist es meine liberale Grundhaltung. Das ist nicht nur meine politische Einstellung, sondern ein Lebensstil.“

Vom echten Linkssein: die Linksjugend in Köln

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? Mitten in einem bunten Teil von Köln, in der Geschäftsstelle der Linken. „Teilen macht Spaß“ und „Nein zu Fracking“ prangt es an Flyern und Plakaten, die hier in Hülle und Fülle gelagert werden. In der Ecke steht ein Wagenknecht-rotes Sofa.

Wer ist dabei? Eine Handvoll junge Kölner*innen, Geschlechter und Alter bunt gemischt. Sprecher des Jugendverbands ist Janosch, dessen Eltern noch linker sind als er selbst. Zitat: „Weil ich mich in einer Partei engagiere, hält meine Mutter mich schon für konservativ.“ Auch dabei ist Sport- und Geschichtsstudent Dara Marc (25).

Worum geht es? Los geht’s mit einem vorbereiteten Input zum Thema „Totalitarismus im Anime“ von Dara Marc. Später wird die schwierige Frage diskutiert: Wie stehen wir zu einem geplanten Erdogan-Auftritt in Köln? Und: Was ist eigentlich links sein? Welche Gruppen beanspruchen das für sich auf welche Weise? Wer diskutieren will, macht ein Handzeichen – Janosch führt die Redeliste akribisch genau.

Was steht an? Ein Vortrag zu Antisemitismus in der linken Szene – „mit Security oder ohne?“–, ein alternativer Christopher Street Day und zur Abwechslung – kein Wahlkampf. Als politische Organisation hat sich die Kölner Linksjugend dagegen entschieden, die Linken im Wahlkampf zu unterstützen, da viele die Positionen von Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht nicht unterstützen wollen.

Wozu machen die das? Dara Marc: „Je weiter man nach links geht, desto mehr Gleichheit und Demokratie möchte man.“

Warum gerade die Linken? „Ich komme aus einem politischen, aber sehr sozialdemokratisch geprägten Haushalt. Ich möchte Widerstand leisten gegen die Defizite der Demokratie in Deutschland. Das repräsentiert die Linke für mich am besten“, erklärt Dara Marc.

Notfalls mit Pfefferspray und Burka: die Junge Alternative Essen

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? In der Innenstadt in Hamm, wo der Vorsitzende der Jungen Alternative Essen heute Wahlkampf macht. Unter dem Pavillon trotzt man Wind und Regen, diskutiert mit Passant*innen und verteilt Kulis und Süßkram.

Wer ist dabei? Für die Junge Alternative hält Nicolai (25), Soziologiestudent mit persischem Migrationshintergrund, hier die Stellung. Unterstützt wird er von drei weiteren, älteren AfD-Mitgliedern. In der Essener Jungen Alternative tummeln sich laut Nicolai ansonsten Burschenschaftler und Gemäßigte, Studierende wie Auszubildende und vor allem viele sehr junge Mitglieder.

Worum geht es? Um Generationengerechtigkeit, um Viertel, in denen Deutsche sich als Minderheit nicht mehr sicher fühlen und darum, dass in Deutschland niemand bleiben darf, der ein zweites Saudi-Arabien aufbauen wolle.

Was steht an? Die Wahlkampftrommel rühren und Aufmerksamkeit erregen. Dafür verhüllt die Junge Alternative auch schon mal eine Heinrich-Heine-Statue in eine Burka oder verteilt Pfefferspray an besorgte Bürger*innen. „Manchmal haben unsere Aktionen Niveau, manchmal sind sie leicht darunter. Aber man kann auch mal etwas wagen, solange es im demokratischen Rahmen bleibt“, sagt Nicolai.

Wozu machen die das? Damit Deutschland sich nicht verändert durch all die Menschen, die aus einer anderen Kultur kommen. „Ohne uns sieht die Zukunft von Deutschland ziemlich bitter aus“, ist Nicolai überzeugt.

Warum gerade die Junge Alternative? „Die Politik ist unter Merkel sehr weit nach links gerückt – dazu braucht es eine Gegenkultur.“

Ja, die gibt es noch: die Jungen Piraten (überall und nirgendwo)

© Larissa Schwedes

Wo sind wir? Am Telefon. Denn die Jungen Piraten haben derzeit keine aktiven Gruppen in NRW, nur auf Bundesebene sind sie aktiv.

Wer ist dran? Jonathan-Benedict (21), der Bundesvorsitzende der Jungen Piraten. Wenn er nicht gerade Politik macht, arbeitet er im Callcenter.

Worum geht’s? Um Mitbestimmung für junge Menschen. Die Jungen Piraten wollen ein Jugendparlament einführen, das auf Landes- und Bundesebene ein Aufschiebe- und Veto-Recht haben soll. Auch das Wahlalter steht im Fokus: „Wenn sich ein Zwölfjähriger eine politische Meinung bildet und wählen will, sollte er das tun können.” Ab dem Alter von null Jahren soll sich jeder freiwillig ins Wahlregister eintragen lassen können, wenn es nach dem Jugendverband geht.

Was steht an? Dass keine lokalen Gruppen der Jungen Piraten in NRW aktiv sind, soll nicht so bleiben. Jonathan-Benedict will sie wieder aufbauen.

Wozu machen die das? Die Piraten wollen mitmischen. In NRW ist es das großie Ziel, im Landtag zu bleiben. Bei der Bundestagswahl spricht Jonathan-Benedict optimistisch von einem Wahlziel zwischen drei bis fünf Prozent.

Warum gerade die Piraten? „Weil es die Piraten braucht. Unsere Positionen sind nirgendwo anders so formuliert. Wir sind die einzigen, die in den Parlamenten halten, was sie in den Programmen versprechen”, meint Jonathan-Benedict.

[Außerdem auf ze.tt: Landtagswahl in NRW – Was von den Piraten übrig bleibt]

Endstation: Münster, Westfalen, Hauptbahnhof

Sieben Parteien später rollt der Zug wieder in meinen Heimatbahnhof ein. Unzählige Menschen und Themen sind mir begegnet, es sind zu viele, um sie in Schubladen verstauen zu können.

Gemeinsam haben die jungen Parteien: Sie sind wilder, radikaler und experimenteller als ihre Mutterparteien – jünger eben. Nicht immer sind es die großen weltpolitischen Themen, die bei den Treffen auf den Tisch kommen. Auch wenn es um Schulpläne, Kitas oder Müll geht, findet sich erstaunlich viel Leidenschaft und Einsatz an Rhein und Ruhr.

Fest steht: Von links bis rechts brodelt es. Elan und Tatendrang sind spürbar, bei neuen Gesichtern wie alten Hasen. Wer die Generation Y noch immer für unpolitisch hält, dem sei meine Reise durch das bevölkerungsreichste Bundesland unserer Republik wärmstens zur Nachahmung empfohlen. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.