Was du vor einem Besuch in Norddeutschland wissen musst

Wie jeder Teil Deutschlands hat auch der Norden seine speziellen Macken und Vorzüge – zur Orientierung hier die Tipps einer norddeutschen Deern für deinen Besuch im Norden. 

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Keine Kohltour, nur Schafe. Pixabay | CC0

1. Kommunikation

Norddeutsche sind in der Regel keine Menschen vieler Worte – von Emotionsausbrüchen ganz zu schweigen. Was südlich von Hannover drei oder vier Sätze und ein paar Gesten braucht, fassen wir in Norddeutschland mit einem Nicken zusammen. Selbst enthusiastischste Zustimmung wird mit „Jo“ ausgedrückt. 

Meistens gilt außerdem: Je weniger Worte, desto mehr Unterton. Sarkasmus ist fester Bestandteil norddeutscher Kommunikation und kann mitunter zu Verwirrung bei Nicht-Eingeweihten führen.

Und obwohl in weiten Teilen Norddeutschlands kein Plattdeutsch mehr gesprochen wird, haben einzelne Vokabeln einen festen Platz in der Umgangssprache. Verbreitet sind zum Beispiel „schnacken“ (sich unterhalten), „büschn“ (ein bisschen), „vertelln“ (erzählen), „Büdel“ (Beutel) und „plietsch“ (schlau). 

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2. Soziale Interaktion

Zur Begrüßung reicht „Moin“. Lediglich bei besonders ausgelassener Stimmung ist „Moin, moin“ angebracht. Moin ersetzt praktischerweise die Frage nach dem Befinden und kann morgens, mittags, nachmittags und abends benutzt werden. Von Wangenküsschen ist dringend abzuraten, Umarmungen sind ausschließlich langjährigen Freunden vorbehalten. Bei neuen Bekanntschaften ist ein kräftiger Händedruck angesagt – ein Handschlag ohne entsprechenden Druck kommt für uns nur von „Blarrbüdeln“ (Jammerlappen).

Norddeutsche gelten gemeinhin als kühl und unnahbar. Sind sie mal sehr euphorisch oder finden jemanden äußerst sympathisch, drücken sie das in der Regel mit „Find (d)ich gar nich so scheiße“ aus. Hast du dich erst einmal mit einem*r Norddeutschen angefreundet (was mitunter viel Zeit beanspruchen kann), wirst du davon dein Leben lang profitieren. Denn der Norden ist loyal – nicht nur in Game of Thrones.

3. Wetter

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So stetig das norddeutsche Gemüt, so wechselhaft das Wetter. Merke: Nicht alles ist so trocken wie unser Humor. An einem Tag kann es gefühlt bis zu zwölf mal abwechselnd Platzregen und strahlenden Sonnenschein geben. Daher sind stets Regenschirm und Sonnenbrille mitzuführen. Insbesondere zwischen Oktober und April sind zudem Gummistiefel zu empfehlen. Und wer sich an dieser Stelle um sein Erscheinungsbild sorgt, sei beruhigt: In Norddeutschland kann der Gummistiefel aufgrund der Wetterlage sowohl mit Röcken als auch mit Hosen kombiniert werden. Selbiges gilt für Friesennerze.

Übrigens: Der norddeutsche Himmel ist nicht grau, sondern strahlend grau. Es ist immer windig und immer Gegenwind. Dabei spielt es keine Rolle, in welche Richtung du dich bewegst. Alles unter 120 km/h ist für den*die Norddeutsche „’n büschn Wind“; alles darüber wird als „steife Brise“ eingestuft.

4. Essen und Trinken

Bei uns wird – anders als man im Süden Deutschlands vielleicht annimmt – nicht nur Fisch gegessen. Je nach Region umfasst die Hausmannskost Gerichte wie Labskaus (na gut, da ist auch Fisch drin) oder Knipp (da ist kein Fisch drin). Sie haben gemeinsam, dass sie aus pürierten oder sehr klein gehackten Resten zubereitet werden (die du wirklich nicht googeln solltest), dementsprechend unappetitlich aussehen und daher gern mit verschiedenen Bezeichnungen für Erbrochenes betitelt werden.

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Ebenfalls absolut ungeeignet für den Instagram-Feed, dafür aber umso leckerer, ist das traditionelle „Kohl und Pinkel“. Dabei handelt es sich um Grünkohl, der mit Pinkel, Kochwurst und Kassler eingekocht wird. Besonders rund um Bremen und Oldenburg wird Kohl und Pinkel nicht nur gegessen, sondern zelebriert. Jährlich veranstalten hier Menschen zwischen 18 und 88 sogenannte Kohltouren. Das sind Märsche durch das Flachland Norddeutschlands (traditionell zur Schietwetter-Saison zwischen Dezember und März) mit Bollerwagen, Alkohol – und dem Ziel, zu einer Gaststätte zu gelangen, in der noch mehr Alkohol, noch mehr betrunkene Menschen zwischen 18 und 88 und noch mehr Kohl und Pinkel warten.

Möchte man zu all diesen deftigen Speisen etwas trinken, ist Bier die richtige Wahl. Allerdings ist darauf zu achten, ein Bier aus der Region zu wählen: in Flensburg Flens, in Bremen Haake Beck, in Hamburg Astra oder Holsten und so weiter. Besonders Bremer und Hamburger Biere sollten niemals verwechselt werden. Aufgrund der langjährigen fußballgeschuldeten Traditionsfeindschaft könntest du als Astra-Trinker in Bremen als „Dösbaddel“ (Dummkopf) bezeichnet werden. Und andersrum. 

Und wenn wir anschließend wieder auf die Freundschaft trinken, dann natürlich mit „Köm“ (Aquavit).

5. Die Landschaft

Weit, weiter, Norddeutschland! Bei uns stören keine lästigen Hügel oder Berge den sehnsüchtig schweifenden Blick. Das Land ist so flach wie die Witze von Fips Asmussen, von ein paar herumstehenden Kühen oder Schafen mal abgesehen. Außerdem ist es sehr grün (-> siehe Wetter) und wenn es nicht grad in Strömen schüttet, kannst du vielleicht sogar bis zum Meer gucken.

Ein Besuch lohnt sich – trotzdem

Die Aussicht auf wechselhaftes Wetter, Essen, das wie Erbrochenes aussieht und unsere kühle Art haben dich nicht überzeugt? Dann können wir dir leider auch nicht helfen. Oder um Fettes Brot zu zitieren:

 „Büst nich ut’n Norden is dat schwer to verstohn.“