Was ein Grenzzaun gegen Flüchtlinge anrichtet, zeigt das Beispiel der USA

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Ein mexikanisches Paar umarmt sich durch den Zaun an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. © Luis Acosta/AFP/Getty Images

Die osteuropäischen Länder versuchen, Flüchtlinge mit Grenzzäunen an der Einreise zu hindern. Das Beispiel der USA zeigt, wie dadurch menschliches Leid und organisierte Kriminalität zunimmt.

An der ungarisch-serbischen Grenze stehen sie, zwischen Bulgarien und der Türkei, an Griechenlands Grenzen zu Mazedonien und der Türkei, zwischen Kroatien und Slowenien, zwischen Österreich und Slowenien, in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla und im nordfranzösischen Calais: Grenzzäune. Die meisten von ihnen sind seit 2014 entstanden, um Geflüchtete an der Einreise nach Europa zu hindern.

Welche langfristigen Folgen ein Grenzzaun haben kann, zeigt das Beispiel der USA. Seit 1993 installiert die US-Regierung Stacheldraht und Metallwände an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Mittlerweile ist die Anlage über 1100 Kilometer lang, etwa ein Drittel der Grenze. Sie besteht aus meterhohen Zäune, zum Teil mit rasiermesserscharfem Stacheldraht bestückt. Einige Abschnitte stehen unter Strom. Die jährlichen Kosten betragen 18,3 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend.

© John Moore/Getty Images
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Lebensgefahr für Flüchtende

Etwa 350.000 Menschen machen sich jedes Jahr auf die riskante Reise von Süd- und Mittelamerika in die USA, schrieb das Süddeutsche Magazin 2012. Sie kommen entweder aus Mexiko oder aus El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Ecuador. Die meisten von ihnen versuchen in den US-Bundesstaat Arizona einzuwandern. Dort gibt es weniger Grenzpolizei als in Texas oder Kalifornien.

Die Zahl der Menschen, die jährlich an der Grenze sterben, wird auf 400 geschätzt. Ihre Körper werden in Leichenhallen nahe der US-amerikanischen Grenze gelagert. Weil die Leichen in den meisten Fällen nicht identifiziert werden können, bekommen die Toten standardisierte Namen. John Doe heißen die Leichname der Männer, Jane Doe die der Frauen. Wird der Platz in der Leichenhalle knapp, müssen Leichenbeschauer zusätzliche Kühlwagen anmieten.

Frauen, die sich auf die illegale Reise von Mexiko in die USA machen, spritzen sich zuvor eine Spermien-zerstörende Lösung. Im Grenzgebiet sind nicht nur Flüchtende und Fluchthelfer unterwegs, sondern auch sogenannte Bajadores, die Menschen ausrauben und vergewaltigen. Auch Männer werden manchmal Opfer von Vergewaltigungen.

Die Forensic technician Kristina Clor kümmert sich im Pima County Office um die menschlichen Überreste illegaler Einwanderer. Im Jahr werden hier 176 Körper angeliefert. © John Moore / Getty Images
Eine Forensikerin kümmert sich im Pima County Office in Tucson, Arizona, um die menschlichen Überreste illegaler Einwanderer. Im Jahr werden hier 176 Körper angeliefert. © John Moore / Getty Images

Organisierte Kriminalität

Zäune und Grenzpolizei zwingen die Flüchtenden dazu, auf immer gefährlichere Routen auszuweichen. Das spielt wiederum dem Geschäft der Schlepper in die Hände, das die mexikanische Mafia in den Grenzstädten etabliert hat. Eine dieser Städte heißt Altar, sie liegt im mexikanischen Bundesstaat Sonora. 90 Prozent der Einnahmen in Altar wird mit dem Geld von Flüchtenden verdient. Der Weg von Guatemala über die mexikanische Grenze bis in die USA kostet insgesamt bis zu 5000 US Dollar.

Von Städten wie Altar aus treten Menschen die etwa dreitägige Reise über die Grenze an. Sie suchen sich zuvor einen sogenannten Coyoten, der sie führt. Gemeinsam mit einem Netzwerk aus Spähern und Schleppern führt er die Flüchtenden Richtung USA. Die Späher beobachten die Grenzpolizei und warten auf einen geeigneten Moment. Die Schlepper bringen die Menschen dann in Minibussen auf unbefestigten Straßen zur Grenze. Von dort geht es zu Fuß zusammen mit dem Coyoten weiter.

In den Grenzstädten herrscht ein hoher Konkurrenzkampf um die Flüchtenden. Haben sie sich einen Schlepper und Coyoten gefunden, werden sie zusammen mit anderen Flüchtenden in ein Zimmer gesperrt, damit sie von niemandem abgeworben werden. Bis zu 100 Menschen werden in einem etwa 20m² großen Zimmer zusammengepfercht und warten auf ihren Aufbruch zur Grenze am nächsten Tag, wie Spiegel TV in einer Dokumentation berichtet.

Fraglicher Nutzen

Trotz der Milliarden für die Grenzsicherung und einer Aufstockung des Grenzpersonals nimmt die Zahl der Menschen, die sich auf den Weg in die USA machen, nicht ab. Die meisten derer, die es beim ersten Mal nicht schaffen, weil sie zum Beispiel von der Grenzpolizei aufgegriffen werden, versuchen es später noch einmal – sofern sie sich wieder einen Schlepper leisten können.

Was kann Europa aus dem Beispiel der USA lernen? Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko soll Menschen davon abhalten, die Grenze zu überqueren. Aber das einzige, was sich geändert hat, sind die Fluchtwege. Außerdem ist es heute gefährlicher, illegal einzureisen, weil die Menschen auf kaum begehbares Gebiet ausweichen müssen. In der Wüste Arizonas sterben mehr Flüchtende als je zuvor. Außerdem ist die Flucht für sie teurer geworden, weil ohne einen gut bezahlten Schlepper kaum jemand über die Grenze kommt.

Wenn nun einzelne europäische Länder Grenzzäune bauen, werden sie Routen der Flüchtenden zwar umlenken, aber höchstwahrscheinlich nicht stoppen können. Je mehr Zäune an äußeren und inneren EU-Grenzen entstehen, desto mehr befeuern sie zudem das europäische Schleppergeschäft.

Statt Zäune zu bauen, sollte Europa sich fragen, ob und wie wir Fluchtursachen bekämpfen können. Und ob wir die Verantwortung für den Tod der Menschen tragen wollen, die durch den Bau von Zäunen auf immer gefährlichere Fluchtrouten ausweichen. Schon heute sterben durchschnittlich jeden Tag sieben Menschen im Mittelmeer auf ihrem Weg nach Europa.