Was Liebesbriefe aus mehr als 100 Jahren über uns aussagen

Was ist ein guter Liebesbrief? Warum stand früher „P.S.: Mit Grüßen an die Frau Mama“ drin? Ein Gespräch mit der Forscherin Eva Wyss, die eine Sammlung von 15.000 Stück hat.

Seit 1997 sammelt Eva Wyss Liebesbriefe. Damals arbeitete sie an der Universität Zürich und wollte einen wissenschaftlichen Artikel über Liebesbriefe schreiben. Sie schaltete in mehreren Zeitungen Anzeigen – und hatte nach einem halben Jahr mehr als 2.500 Briefe bekommen. Daraufhin entschied sie sich, das Thema weiter zu bearbeiten.

Anhand von Liebesbriefen untersucht sie, wie Liebeskonzepte sich geändert haben und welche Emotionen darin überhaupt thematisiert werden. Ihr ältester Brief stammt aus dem Jahr 1821, ihr jüngster aus dem Jahr 2016. Wir haben mit Frau Wyss über ihre Forschung gesprochen.

ze.tt: Frau Wyss, was macht einen guten Liebesbrief aus?

Eva Wyss: Es gibt ein Stereotyp. Er sollte romantisch sein, leidenschaftlich, ein bisschen originell oder flott formuliert und er muss – dies wird auch in Briefen thematisiert – korrekt und ordentlich geschrieben sein. Am besten wird er noch lange Zeit mit Tinte ins Reine geschrieben. Man muss dem Brief die Bemühung und die Anstrengung ansehen. 

© Adrian Müller

Gibt es eine Definition, was ein Liebesbrief ist?

Es gibt Ideen darüber, was ein Liebesbrief ist. Dieser verändert sich über die Jahrzehnte. Heute kann fast jedes Schriftstück aus einem spontanen Zusammenhang heraus zum Liebesbrief werden. Bei Briefen aus dem 19. Jahrhundert erwarteten die Leser bestimmte formale Ausgestaltungen, da gehört neben der charaktervollen Schrift, dem guten Papier, der Tinte, natürlich eine eindrucksvolle Anrede mit einem anständigen Kosenamen, die Grußformel und das P.S. “Mit Grüßen an die Frau Mama” dazu.

Mit Grüßen an die Frau Mama?

Ja. Liebesbriefe dienten im 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhundert gerade in bürgerlichen Verhältnissen dazu, sich in der Verlobungszeit besser kennenzulernen. Es wurde eine Art Pflicht, dass die Brautleute während der Verlobungsphase eine Liebeskorrespondenz führten. Wenn der Mann einen „verliebten“ Brief an die Braut geschrieben hatte, wurde er am Abend in der guten Stube vorgelesen. Auch daran sieht man, dass ein Liebesbrief im Laufe der Zeit die Funktion wechselte. Damals gab es auch wenige Orte, an denen Männern Gefühle zeigen konnten und der Liebesbrief war einer davon.

Das klingt so, als hätten nur Männer Liebesbriefe geschrieben.

Meine These ist: Eigentlich ist der Liebesbrief eine männliche Gattung. Sie gibt dem Mann die Möglichkeit, emotional, leidenschaftlich und romantisch seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Die Frau wurde bis ins 20. Jahrhundert als Schreiberin eines Antwortbriefs gesehen. Die Frau sollte eher züchtig schreiben und nicht zu leidenschaftlich. Das ist heute zu weiten Teilen nicht mehr so.

Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen Ihren älteren und jüngeren Briefen noch aufgefallen?

Die Sprache, die Materialien, die Schriften haben sich geändert. Die Leute bemühen sich seit den 1970er Jahren viel stärker, ihre Gefühle direkt und ausführlich darzustellen, auch Ambivalenzen oder Zweifel werden zum Ausdruck gebracht. Heute kann auch Wut oder Ablehnung vorkommen – was nicht bedeutet, dass es kein Liebesbrief mehr wäre. Seit den 70er Jahren finden sich Selbstvergegenwärtigungsbriefe und Krisenbriefe.

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Die Sprache der Emotionalität hat sich zudem enorm stark ausdifferenziert. Man hat ein stärkeres Bewusstsein darüber, wie komplex Liebesgefühle sind. Dabei gelingen doch immer wieder zeitgemässe Metaphern wie zum Beispiel: In den 1990er Jahren schreibt jemand aus der Technoszene: “Du tanzest in meinem Herz um ein mächtiges Feuer zum systolischen Breakbeat, schwingst Dich von einem Herzkranzgefäss zum nächsten.” Früher undenkbar, heute schon, weil die neuen Vergleichswelten ungleich komplexere Bezüge erlauben

Welcher ist Ihr Favorit unter all diesen Briefen?

Ich habe kein einzelnes Beispiel, das ich hier nennen möchte. Doch es gibt Briefe und Autoren, bei denen ich überrascht war – weil sie gut schreiben, weil sie in unerwarteten Situationen geschrieben wurden, Briefe von Kindern zum Beispiel, oder Briefe, die kurz vor dem Tod geschrieben wurden. Ich haben auch einige unglaublich gefasst-traurige Abschieds-Liebesbriefe, in denen jemand kurz vor seinem Tod den Partner aufmuntert und ihm für das gemeinsam verbrachte Leben dankt. Das ist sehr eindrücklich.

Können Sie immer noch Liebesbriefe lesen, nachdem Sie so viele davon gesehen haben?

(lacht) Ja. Man legt sich ja einen wissenschaftlichen Blick zu. Es interessiert, wie die Leute schreiben und was sie mit dem Schreiben tun. Dabei sollte man bedenken, dass der Liebesbrief ja keine Gattung ist, die man in der Schule lernt, die Leute finden da selbstständig eine Lösung, sie bringen sich das selber bei. Aber natürlich gibt es bei Liebeserklärungen sehr viele Standards, Konstruktionen, die immer wieder auftreten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das offensichtlichste ist natürlich “Ich liebe dich”. Diese Konstruktion kommt vor allem in den jüngeren Briefen seit den 1980er Jahren vor und da vor allem am Ende, bevor man sich verabschiedet. Man denkt immer “Ich liebe dich” sei eine Liebeserklärung. Aber aus linguistischer Sicht ist es eher eine Scharnierstelle, die die Verabschiedung einleitet und es damit erlaubt, den Brief abzuschliessen.

Man denkt immer, „Ich liebe dich“ sei eine Liebeserklärung.

Wie sehen Liebesbriefe heute aus?

Heute werden Briefe meist per E-Mail verschickt oder gescannt und dann verschickt oder sehr häufig wählt man einen Messenger und schreibt Whatsapp-Botschaften. Da kann man aber eigentlich nicht mehr von Briefen sprechen. Das sind vielmehr schriftliche Interaktionen, meist ohne einen unmittelbar greifbaren Anfang und auch ohne Ende. Die eingebunden sind in einem stetigen Kommunikationsstrom, der offen bleibt. Ein Brief ist hingegen abgeschlossen, hat eine Anrede und eine Grußformel, obschon die Korrespondenzen auch über eine grosse Dauer hinweg als Interaktionen geführt werden. Aber im Briefformat.

Kann man ein “Du fehlst mir” per Whatsapp schon als Liebesbrief bezeichnen?

Nein, das finde ich nicht. Ich würde es nicht als Brief, sondern als Botschaft oder als schriftliche Paarkommunikation bezeichnen.

Welche Bedeutung hat ein Liebesbrief Ihrer Meinung nach für das Zustandekommen einer Beziehung?

Ich denke, das kann sehr viel bewirken. Wenn es plausibel ist, was die Person schreibt, wenn es beeindruckt und zur ganzen Situation passt, kann ein Brief sehr viel bewirken. Die Briefe können einen Kontakt herstellen und halten, ein Entschuldigungsschreiben kann ein unverständliches Verhalten plausibel machen, ein leidenschaftlicher Brief kann Vorbehalte und Skepsis aus dem Weg räumen.

In meinem Archiv habe ich auch viele Rückholbriefe, in denen versucht wird, jemanden wiederzugewinnen. Die Briefautoren schrecken oft auch nicht vor Aufwand zurück. Sie schreiben meterlange Briefbänder, sprayen Liebeserklärungen an Hauswände, kritzeln mit Kreide auf den Bürgersteig. Da gibt es doch sehr große mehr oder weniger orthodoxe Anstrengungen, die erfolgreich waren.

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Gibt es einen Punkt, an dem sich Paare keine Briefe mehr schreiben?

Oft werden Briefe in der Kennenlern- und Aufbauphase geschrieben. Das ist meist die leidenschaftlichste Zeit. In den früheren Korrespondenzen bricht das Briefeschreiben mit der Hochzeit ab. Aus neuerer Zeit habe ich auch (wenige) Gegenbeispiele, bei denen das Schreiben weitergeht, das sind dann aber eher kurze Botschaften, die auf dem Kopfkissen liegen. Und – ich kenne auch ein Paar, das sich für das Schreiben von Liebesbriefen jeweils eine Woche pro Jahr trennt (lacht).