Was es bringen kann, ein Heul-Tagebuch zu führen

Eine Autorin sagt von sich, sie sei eine Memme. Aus ihrem Weinverhalten machte sie ein Datenprojekt und beobachtete sich eineinhalb Jahre lang. Auch wir können daraus lernen.

© Photocase | andlostluggage

Es lohnt sich, genau zu beobachten, warum wir weinen. © Photocase | andlostluggage

Tränen entstehen immer anders. Mal weinen wir vor Trauer, mal vor Wut, mal vor Glück. Und manchmal, da weinen wir einfach so – und wissen den Grund nicht.

Die Emotionen, die Weinen auslösen, sind vielfältig und von Person zu Person unterschiedlich. Bis heute hat die Wissenschaft keine einheitliche Antwort darauf, warum wir es tun. Einige Forscher glauben, unsere Tränen sollen die wahren Intentionen vor unserem Gegenüber verstecken, andere wiederum sehen den Ursprung in der Evolutionsbiologie: Weinen könnte dazu dienen, unsere Mitmenschen stärker an uns zu binden.

Der Autorin und Designerin Robin Weis ist das nicht Erklärung genug. Sie wollte aus ihrem Weinverhalten lernen – und begann, Buch über ihre Tränen zu führen. Ihre Analyse veröffentlichte sie als Datenprojekt auf ihrer Website, die für sie gleichzeitig ein persönliches Tagebuch geworden ist.

Heulskala von 1 bis 5

Robin spricht von sich als Memme. Zwar sehe sie sich selbst als starke Person und emotional gefestigt, trotzdem beginne sie privat immer wieder zu weinen.

„Ich verstand nicht, wie und warum ich so stoisch in manchen Situationen und so instabil in anderen war. Also begann ich zu tracken, wann immer ich weinte“, schreibt sie auf Data Driven Journalism. Rund eineinhalb Jahre lang sammelte sie ihre persönlichen Daten. Ihr Ziel: Ihre emotionalen Reaktionen besser zu verstehen.

Um effektiv Daten sammeln zu können, erstellte sie zunächst eine Skala von 1 bis 5 darüber, wie stark sie in einzelnen Situationen weint.

  1. „Ich verdrücke ein Tränchen oder zwei.“
  2. „Wasser läuft, aber ich bin okay.“
  3. „Mein Make-Up ist schon komplett verwaschen, aber ich kann mich noch beherrschen.“
  4. „Ich kann nicht mehr sagen, ich sei okay, weil ich nichtmal mehr richtig Atmen kann.“
  5. „Ich bin ein Häufchen Elend und der Rest der Welt ist meinem Leiden ausgesetzt.“

Was Robin in ihrem Projekt nicht berücksichtigte, waren Situationen, in denen sie wegen äußerer Einflüsse weinte, also wegen Schmerz, Allergien oder Lachen. „Mich interessierten eher die inneren, emotionalen Stimulatoren.“

Jedes Mal, wenn sie weinte, notierte sie also das Datum, die genaue Zeit, die Intensivität sowie auch die Situation oder emotionalen Kontext. Später kam auch die Weindauer hinzu. So sah die Tabelle aus:

© Robin Weis

Der Datensatz umfasst 589 Tage, beginnend am 20. Februar 2014 bis zum 1. Oktober 2015.

38 Stunden weinen

Robin visualisierte ihren Datensatz in verschiedenen Diagrammen. Sie weinte insgesamt 394 Mal an 216 Tagen, insgesamt 38 Stunden lang oder: zwei Stunden pro Monat.

Die längste Zeit ohne Weinen waren 23 Tage. Die längste Zeitspanne, in der sie mehr oder weniger laufend weinte, war acht Tage lang. Im Schnitt weinte sie 5 Minuten und 50 Minuten.

© Robin Weis

Immer Dienstags hat sie Therapie, wie sie sagt, immer dann quollen ihre Emotionen über. Hier sieht man, an welchen Wochentagen sie am stärksten weinte:

© Robin Weis
© Robin Weis

52,5 Prozent der Zeit weinte sie komplett allein, 21 Prozent der Zeit in Gegenwart einer anderen Person, und während 8 Prozent der Zeit wollte sie verstecken, dass weinte.

„Ich hab‘ es sogar hinbekommen, bei McDonalds zu heulen“, schreibt Robin. Zuhause weinte sie in 54 Prozent der Fälle, aber es gab auch andere Heulspots:

© Robin Weis
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Aber warum weinte sie überhaupt?

Robin sortierte die Situationen, in denen sie weinte, jeweils in eine von acht Kategorieren (in jeder Kategorie nochmal 28 situationsbedingte Kontexte) und 44 verschiedene Emotionen, die dahinter stecken.

© Robin Weis
© Robin Weis

Im November beendete sie ihre Beziehung, in dieser Zeit weinte sie besonders häufig.

© Robin Weis
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Was Robin aus dem Projekt lernte

  • „Ich beschloss für mich selbst, dass es keine große Sache ist, vor anderen Menschen zu weinen. Meinen Gefühlen gegenüber bin ich so viel offener geworden.“
  • „Ich beobachte mich genauer, wenn ich aufgebracht bin. Ich bin jetzt etwas besser darin, meine Emotionen zu erklären und zu artikulieren, sobald sie aufkommen.“
  • „Ich habe begriffen, dass ich manchmal nur deshalb weinte, weil ich die Situation nicht richtig einschätzen konnte oder nicht wusste, wie ich sie ändern konnte. Als ich anfing, mein Weinen aufzuzeichnen, weinte ich zum Beispiel viel, weil mich irgendwelche Planungsangelegenheiten mit der Familie stressten. Diese Planerei ist immer noch stressig, aber ich komme besser damit klar: Ich gehe proaktiv ran, statt darüber enttäuscht zu sein, dass andere das nicht tun. Dadurch änderte sich auch meine Erwartungshaltung.“

Was so ein Datensatz alles für Erkenntnisse bringen kann. Robin zumindest sagt, es sei faszinierend, über die eigenen Daten zu schauen und sie zu analysieren. Trotzdem: „Ich werde nie wieder aufzeichnen, wenn ich heule.“

Robin Weis erstellte auch weitere Datenvisualisierungen, so zum Beispiel eine darüber, wann und wie oft sie sich entschuldigt. Alle ihre Projekte gibt’s auf ihrer Website.