Was es bringt, morgens früher aufzustehen und sich zu organisieren

Das Buch „The Miracle Morning“ predigt: Wer früher aufsteht und den Morgen organisiert, ist effizienter und glücklicher. Ob das stimmt? Wir stellen vier Menschen vor, die sich dem Prinzip verschrieben haben.

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Alles durchgeplant im Hipster-Office? © markusspiske / photocase.de

Würden wir nicht alle gern morgens fit und voller Energie aufstehen, gut gelaunt in den Tag starten und viel schaffen? Mit einer Morgenroutine ist das möglich, sagt Hal Elrod. Der Amerikaner ist Motivationstrainer und Autor. Im Alter von 20 Jahren hatte er einen schlimmen Unfall, lag im Koma und die Ärzte vermuteten, dass er nicht mehr würde gehen können. Dann kämpfte er sich zurück ins Leben.

Elrods Buch „The Miracle Morning – The 6 Habits that Will Transform Your Life Before 8am“ ist im englischsprachigen Raum bereits 2012 erschienen, in Deutschland Anfang Januar 2016. Vor acht Uhr aufzustehen und den Morgen strukturiert zu verbringen, soll unser Leben verändern, meint er. Kurz gesagt geht es darum, dass der Morgen in ganz bestimmten Routinen abläuft. Im Englischen heißen sie „scripted morning routines“ und sollen den Vorteil haben, dass man sich keine unnötigen Gedanken machen muss, die einem Energie rauben.

Bei Amerikanern ist das beliebt. So trägt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg immer ein graues T-Shirt, weil er keine Lust hat, morgens darüber nachzudenken, was er anziehen soll. Auch Apple-Gründer Steve Jobs soll immer den gleichen Rollkragenpulli getragen haben.

Es wimmelt von Management-Ratgebern

Routinen am Morgen sollen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Neu ist diese Idee allerdings nicht. Effizienz, Motivation und Produktivität durch strukturierte Abläufe zu steigern, ist erklärtes Ziel unzähliger Zeitmanagement-Ratgeber. Und einen strukturierten Morgen empfehlen auch Familienmagazine, damit Eltern und Kinder keinen gestressten Morgen erleben, sondern gut in den Tag starten. Solche Ratgeber treffen einen Nerv.

Elrod erklärt auf knapp 120 Seiten in zehn Kapiteln, wie seiner Meinung nach jeder seinen Morgen effektiv gestalten kann. Funktionieren soll das mit den „Lebensrettern“, die Elrod im Original „savers“ nennt:

S = Silence = Ruhe bzw. Meditation (5 Minuten)

A = Affirmationen zum Beeinflussen des Bewusstseins (5 Minuten)

V = Visualisierung (10 Minuten)

E = Exercise = Sport (30 Minuten)

R = Reading = Lesen (30 Minuten)

S = Scribe = Schreiben (10 Minuten)

Viele Menschen, die sich dem Miracle Morning verschrieben haben, tauschen sich in Facebook-Gruppen im englischsprachigen und französischsprachigen Raum über ihre Morgenroutine aus. Wir stellen vier junge Menschen aus Deutschland vor, die den Miracle Morning ausleben.

Constanze Witzel (29), Model und Yogalehrerin aus Hamburg

© Katrin Siwula

Wem empfiehlst du den Miracle Morning?

Der Miracle Morning ist für jeden etwas. Vielleicht würde ich ihn besonders Menschen empfehlen, die mit einer Depression zu kämpfen haben oder pessimistischer sind. Und auch Menschen, die das Gefühl haben, dass ihr Leben an ihnen vorbei zieht, die eine Stärkung brauchen, dass ihr Glück in ihren Händen liegt.

Seit wann lebst du nach dem Miracle Morning?

Insgesamt habe ich vor einem halben Jahr angefangen. Dann habe ich aber nochmal ausgesetzt, da konnte ich das nicht so umsetzen. Und jetzt bin ich seit drei Wochen wieder voll dabei.

Wie sieht dein Morgen aus?

Ich stehe zwischen sechs Uhr und acht Uhr auf. Zuerst mache ich mir Kaffee und ziehe Yogasachen an. Manchmal meditiere ich gleich, aber manchmal bin ich zu müde, dann mache ich zuerst Yoga, Stretching und Hit-Workout, also Übungen für Bauch, Beine, Po. Danach meditiere ich, manchmal drei, manchmal bis zu 15 Minuten, und visualisiere dabei meine Ziele. Dann lese ich noch, da stelle ich mir aber einen Wecker, sonst vergesse ich die Zeit. Zum Schluss kommen bei mir die Affirmation und das Kritzeln, da schreibe ich meine Gedanken in ein kleines Heft.

Wann hast du erste positive Effekte festgestellt?

Positiv ist gleich ab dem ersten Mal, dass man morgens etwas für sich gemacht hat und schneller aus negativen Gedankenmustern herauskommt. Ich hab früher schon meditiert, aber durch Elrods Buch ist meine Morgenroutine noch komprimierter und strukturierter geworden.

Welche Tipps hast du für Einsteiger?

Man sollte sich nicht stressen und keinen Perfektionswahn haben. Wenn man mal aussetzt, ist das doch auch nicht schlimm. Ich sehe den Tag danach als neuen Tag an. Man sollte beim Einsteigen die Zeiten auch nicht so lang machen, sondern zum Beispiel einfach mal ein bisschen früher aufstehen und mit zehn Minuten Sport am Morgen beginnen. Und dann kann man immer wieder überlegen, ob man mit dem Morgen so glücklich ist, ob man etwas länger oder kürzer machen will oder ganz weglässt.

Sebastian Riebandt (33), wissenschaftlicher Mitarbeiter und Blogger, Gievelsberg

© Privat

Wem empfiehlst du den Miracle Morning?

Eigentlich jedem. Ich sehe es als eine generelle Empfehlung, mehr aus dem Tag zu machen.

Seit wann lebst du nach dem Miracle Morning?

Seit zwei Monaten mache ich es so strukturiert, wie es im Buch von Hal Elrod erklärt ist. Vorher hatte ich auch schon mal eine Routine, als ich für einen Marathon trainiert habe.

Wie sieht dein Morgen aus?

Ich stehe um vier Uhr auf. Ab sieben Uhr oder acht Uhr bin ich meist in der Arbeit. Morgens gehe ich zuerst auf die Toilette, mache mir einen Kaffee, stelle mich auf die Waage. Dann meditiere ich zehn Minuten lang, mache 30 Minuten Yoga. Die Affirmation und Visualisierung sind bei Elrod zwei Schritte. Für mich ist es ein Schritt, in dem ich mir meine Ziele klar mache, kurz- und langfristige. Danach lese ich Nachrichten, beruflich bedingt Fachartikel und Fachbücher, außerdem stöbere ich gerne auf Blogs. Im Anschluss daran schreibe ich meine Gedanken auf und mache mir kleine To-Do-Listen, was ich in der Arbeit und privat schaffen möchte.

Wann hast du erste positive Effekte festgestellt?

Die ersten Tage waren schon hart, da wollte ich immer noch länger schlafen und hab den Wecker für zehn Minuten nochmal weggedrückt. Aber ab nach ungefähr drei Tagen war es sehr positiv. Es ist einfach toll zu sehen, wie viel man frühs schon erledigen kann! Mit meiner Morgenroutine starte ich insgesamt viel entspannter in den Tag und bin motiviert, noch mehr zu machen.

Welche Tipps hast du für Einsteiger?

Einfach machen! Nicht den Wecker wegdrücken, man sollte sich sagen: Beine aus dem Bett und los. Es hilft auch klein anzufangen und erst mal nur eine Sache am Morgen zu machen, zum Beispiel 30 Minuten lesen. Wenn man dann sein erstes Ziel erreicht hat, ist man motiviert weiter zu machen und kann die Morgenroutine beliebig ausbauen.

Franziska Schulze (33), Lebenscoach und Yogalehrerin, Berlin

© Privat

Wem empfiehlst du den Miracle Morning?

Allen, die etwas in ihrem Leben verändern wollen, die Angst vor der Zukunft haben und die sich mehr Selbstbestimmung in ihrem Leben wünschen.

Seit wann lebst du nach dem Miracle Morning?

Eine Morgenroutine habe ich schon vor zwei Jahren entwickelt. Damals habe ich meinen Job gekündigt und die Routine war ein Wundermittel gegen Angst. Das Buch „Miracle Morning“ habe ich dann vor einem Jahr durch einen Zufall entdeckt und habe meinen Morgen dadurch noch verbessert.

Wie sieht dein Morgen aus?

Da ich selbständig bin, muss ich nicht sehr früh aufstehen. Meist beginne ich um elf Uhr zu arbeiten. Um acht Uhr stehe ich auf, koche mir Tee und putze mir die Zähne. Je nachdem, wie wach ich bin, dusche ich gleich oder später nach dem Sport. Ganz wichtig bei mir: raus aus dem Schlafanzug und rein in die Sportkleidung. Ich mache dann 30 Minuten Yoga und meditiere elf Minuten lang. Danach schreibe ich meine Gedanken ganz frei auf, reflektiere dabei über mich selbst und mache eine Übung gegen Angst. Anschließend visualisiere ich meine Ziele für den Job und die Zukunft und mache mir klar, was heute dafür wichtig sein wird. Früher habe ich auch morgens gelesen, das mache ich zurzeit nicht.

Wann hast du erste positive Effekte festgestellt?

Die ersten drei Tage fand ich gleich super, das war ein richtiges Hoch. Dann kam eine Phase, da hatte ich keinen Bock und bin in alte Muster zurückgefallen. Ab dem 20. Tag ist dann aber alles wieder einfacher geworden. Ich merke richtig, wie gut mir die Routine tut.

Welche Tipps hast du für Einsteiger?

Wichtig ist erst einmal, dass man zu einer festen Uhrzeit aufsteht und den Rest des Tages daran anpasst. Man braucht Rituale, also zum Beispiel immer erst Tee kochen, dann die Übungen machen  – so entsteht Routine. Das Wichtigste: sich nicht von seinem Ego austricksen lassen, einfach dranbleiben!

Eric Neuhof (36), Projektmanager und Blogger, Leipzig

© Privat

Wem empfiehlst du den Miracle Morning?

Im Prinzip jedem. Jeder kann ihn ja anders umsetzen, also seinen eigenen Rhythmus finden, wie es ihm am besten passt.

Seit wann lebst du nach dem Miracle Morning?

Seit zwei Wochen erst, aber ich bin mit voller Begeisterung dabei. Ich war aber schon immer ein Morgenmensch. Als Läufer trainiere ich gern am frühen Morgen.

Wie sieht dein Morgen aus?

Ich bin ab acht Uhr in der Arbeit. Ich stehe um vier Uhr auf – früher, vor dem Miracle Morning, bin ich um sechs Uhr aufgestanden. Zuerst gehe ich ins Bad, dann mache ich 30 Minuten oder bis zu eine Stunde Sport. Entweder laufe ich, mache Yoga oder ich gehe aufs Spinningrad und mache dann noch Dehnübungen. Dann dusche ich erstmal und meditiere circa 15 Minuten lang. Danach visualisiere ich meine Ziele, was das Laufen, die Arbeit und das Private betrifft. Zum Schluss lese ich und schreibe meine Gedanken auf.

Wann hast du erste positive Effekte festgestellt?

Seit ich begonnen habe, macht es Spaß. Die Dinge, die ich sonst abends gemacht habe, mache ich jetzt frühs. Insgesamt verspüre ich viel weniger Druck und Stress. Wenn ich früher länger im Büro war und dann abends keine Zeit mehr hatte, war ich frustriert. Das gibt es jetzt nicht mehr.

Welche Tipps hast du für Einsteiger?

Mir hilft es, mich am Buch zu orientieren. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man den Morgen verbringen kann. Ich würde raten, dass man die Sachen aus dem Buch ausprobiert, dann hinterfragt, was davon einem wirklich gut tut und dann die Routine anpasst.

Ist das Konzept auf alle anwendbar?

Jeder kann den Miracle Morning an seinen Lebensrhythmus anpassen. Es ist also ein sehr dehnbares Konzept. Fraglich bleibt, ob früher aufstehen und einen strukturierten Morgen verbringen, auch wirklich für alle Schlaftypen sinnvoll ist. Schließlich zeigen Erkenntnisse der modernen Schlafforschung, dass die Einordnung in Schlaftypen komplexer ist als lange angenommen.

Der russische Schlafforscher Arcady Putilov veröffentlichte im Herbst 2014 einen Artikel in der Fachzeitschrift „Personality and Individual Differences“, die zeigt, dass es neben den klassischen Typen Eule und Lerche noch zwei weitere gibt: Nämlich einmal Menschen, die morgens wie abends fit sind, und Menschen, die sich morgens und abends schlapp fühlen. Letztendlich muss eben doch jeder für sich selbst herausfinden, welcher Schlaf- und Morgenrhythmus für ihn der beste ist.