Was humorvolle Menschen gemeinsam haben

Humor ist die Eigenschaft, andere zum Lachen zu bringen. Aber wieso haben die nicht alle? Und warum lachen Menschen über unterschiedliche Dinge?

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"Was uns Angst macht, verliert seinen Schrecken, wenn wir darüber lachen." © ina.mija / photocase.de

In Hamburg auf St. Pauli wurde ein Sarg gefunden. Man hat versucht, ihn zu öffnen. Ging nicht. War ein Zuhälter drin.

Einige finden das lustig. Andere nicht. Ich fragte mich oft, wieso Menschen unterschiedliche Dinge witzig finden. Was ich lustig finde, löst bei anderen Kopfschütteln aus – und umgekehrt.

Und irgendwie hatte ich schon immer das Gefühl, dass Lachen gesund macht. Aber ist das wirklich so? Die Wissenschaft beschäftigt sich seit etwa 30 Jahren mit dem Thema.

Es gibt einige spannende Theorien darüber – und das Phänomen Humor ist vielschichtiger, als viele annehmen dürften.

Was ist Humor?

Humor gilt als die Begabung, den alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens mit Leichtigkeit und heiterer Gelassenheit zu begegnen. Und als „humorvoll“ werden Menschen bezeichnet, die andere mit ihrer Heiterkeit anstecken und zum Lachen bringen. Deshalb ist sie eine „kommunikative Fähigkeit“, wie Michael Titze, Psychotherapeut und Gründer des Vereins „HumorCare“, sagt.

Generell wurde angenommen, dass der Sinn für Humor eine Charaktereigenschaft ist – und angeboren. Entweder man hat ihn, oder nicht. Diese Theorie gilt unter Forscher*innen mittlerweile aber als umstritten. Denn messen lässt sich Humor nicht.

Darüber, warum wir etwas lustig finden, kann die Forschung mehr sagen: Die Art und Weise, wie sich Humor ausdrückt, ist sehr stark kulturabhängig. Was genau jemand komisch findet, ist außerdem nicht genetisch bestimmt, wie der renommierte Zürcher Humorforscher Willibald Ruch herausfand. Der Sinn für Humor kann entwickelt werden.

Es gibt eine Annahme darüber, was Menschen allgemein als witzig empfinden. Das sind kleine oder große Grenzüberschreitungen im Alltags. Wenn Nebensächlichkeiten aufgeplustert werden, oder Menschen sich offensiv Niederlagen und Fehler eingestehen. Kurz gesagt: Alles was aus dem Rahmen fällt, empfinden wir als witzig. „Dieser Rahmen wird durch ganz logische Prinzipien definiert, die die Freizügigkeit unseres Wahrnehmens, Denkens, Sprechens und Handelns deutlich einschränken“, sagt Titze. Das sei in den frühen Stadien der Persönlichkeitsentwicklung noch anders gewesen.

Kleinkinder etwa gäben Objekten und Dingen nur die Bedeutung, die ihren momentanen Bedürfnissen und Wünschen entsprechen. Diese Bedeutung müsse nicht rational oder logisch sein. Titze erklärt: „Im kindlichen Spiel eröffnet diese privatlogische Attribuierung den Zugang zu einer freien Gedankenwelt, die dem Erwachsenen so nicht mehr zugänglich ist. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass ein wichtiges Ziel der Sozialisation darin besteht, die Funktionen von Objekten auf ganz bestimmte Merkmale zu beschränken, die man diesen normalerweise zusprechen darf.“

Ein gutes Beispiel ist ein Tisch. Für uns ist sein Hauptmerkmal, dass er zum Essen oder Schreiben geeignet ist. „Wird dieser Tisch zum Schneeräumen oder als Regenschutz verwendet, werden die Relevanzkriterien der Alltagslogik verletzt – obwohl sich gleichzeitig ein kreativer Nutzen ergibt. Auf außenstehende Beobachter wirkt eine solche Verletzung alltagslogischer Regeln häufig belustigend, das heißt, es kann zu einer Humorreaktion kommen“, sagt Titze. Je größer und unerwarteter dieses Ungleichgewicht, die „Logigverletzung“, sei, desto heftiger Lachen wir.

Ein Meister auf diesem Gebiet sei Woody Allen, der mal sagte: „Der Nihilismus behauptet, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Ein deprimierender Gedanke, besonders für einen, der sich nicht rasiert hat!“ Der amerikanische Komiker Groucho Marx machte laut Titze humortechnisch ebenfalls alles richtig, als er sagte: „Wenn ich ein Pferd hätte, würde ich Ihnen die Sporen geben.“

„Wieviel Uhr?“ – „Donnerstag“ – „Mein Gott, da muss ich ja aussteigen!“

Titze nennt diese Verletzungen der Logik „lustvolle Freude am Unsinn“. Der Humor sei Ausdruck einer geistigen Kapazität. „Denn der humorvolle Mensch vollzieht willentlich eben das, was im Komischen spontan erfolgt: eine kognitive Grenzüberschreitung.“ Humor ist die Basis für eine emotionale Reaktion: den Zustand von Erheiterung, der sich dann in Lachen oder Lächeln äußert.

Die emotionalen und kognitiven Grundlagen für das Verständnis von Witz und Komik sind allen Menschen gegeben. Ebenso werden bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die den Sinn für Humor oft begleiten, vererbt – wie beispielsweise Extrovertiertheit. Ob man also gerne mit anderen zusammen lacht oder lieber alleine für sich selbst, ist zu großen Teilen genetisch bedingt.

Das heißt: Was ein Mensch lustig findet, generiert sich offenbar zu einem großen Teil durch eigene Erfahrungen und Erinnerungen. Wie ein Mensch etwas lustig findet, also wie er lacht, ist vererbt.

Humor als Ausdruck der Kreativität und Flexibilität

Bereits in der Antike nutzten die Menschen das Wort „Humor“. Als humorvoll galt jemand, der besonders sensibel gegenüber lustigen oder absurden Phänomenen ist.

In der Neuzeit wurden Personen ein Sinn für Humor zugesprochen, die in der Lage waren, ungewöhnliche oder absurde Ideen zu entwickeln und sie umzusetzen. Diese Fähigkeit sei nichts anderes als der Ausdruck einer kreativen Intelligenz, sind Forscher sich sicher. Douglas Hofstadter erarbeitete in einer Studie von 1989 Gemeinsamkeiten zwischen humorvollen Menschen:

  • Sie können sehr flexibel auf spezifische Lebenssituationen reagieren.
  • Sie werden aus mehrdeutigen oder widersprüchlichen Botschaften klug.
  • Sie erkennen die relative Wichtigkeit verschiedener Elemente in einer Situation.
  • Sie finden trotz trennender Unterschiede Ähnlichkeiten zwischen Situationen.
  • Und umgekehrt: Sie finden trotz ähnlicher Situationen trennende Unterschiede.
  • Sie können neue Begriffe herstellen, indem sie alte Begriffe auf neuartige Weise zusammenfügen.
  • Sie haben Ideen, die neuartig sind.

Humorvolle Menschen sind außerdem in der Lage, einen Perspektivenwechsel einzunehmen, wie Titze beschreibt. „Er ist eine Voraussetzung für jenen komischen Pessimismus, der auch dem Galgenhumor zugrunde liegt.“ Einen Sterbenskranken zum Beispiel, der weiß, dass er nur ein paar Monate zu leben hat, belastet der Gedanke an die Zukunft enorm. Witze ermöglichten ihm einen Ausbruch aus dieser Logik.

„Bei der Beerdigung eines alten Komödianten sind viele betagte Kollegen anwesend. Während der Trauerfeier fragt einer von ihnen seinen Nebenmann: ‚Wie alt bist du, Charlie?‘ ‚Neunzig.‘ ‚Lohnt sich wohl kaum, nach Hause zu gehen, was?'“ – Titze

„Indem man die Angst vor dem Sterben auslacht oder ironisiert, schafft man eine heilsame Distanz, die eine – und sei es nur kurzfristige – gefühlsmäßige Befreiung ermöglicht“, sagt Titze. In diesem Zusammenhang entwickle man einen Sinn für das Absurde im Leben. Das schütze auch vor Stress. Lachen könne durch Krankheit, Alter oder Alltag bedingte Ohnmachtsgefühle kurzzeitig auflösen – weil man diese Gefühle schlicht vergesse. „Nach dem Motto: ‚Die Lage ist katastrophal, aber wir nehmen sie keineswegs ernst.'“

Was uns Angst macht, verliert seinen Schrecken, wenn wir darüber lachen können. Wenigstens eine Zeit lang. Laut Titze gilt außerdem: „Wer lacht, gewinnt.“ Lachen wecke die psychosomatischen Lebensgeister. Außerdem sei es „ein soziales Schmiermittel“. „Es stellt die kommunikative Verbindung zwischen Menschen her, schafft jene zwischenmenschliche Brücke, über die wir als selbstbewusste und fröhliche Partner zueinander finden.“ Was einen Menschen wirklich anziehend und attraktiv macht, sei die Mimik seines lachenden oder lächelnden Gesichts.

Das hat einen Grund: „Lachen ist Ausdruck der Befreiung, der vollkommenen Spannungslösung.“ Beim echten Lachen stiegen wir aus der Selbstkontrolle aus, sagt Titze. Wer lacht, fühlt sich gut und selbstsicher. Dadurch könne die ursprünglichste, reinste Lebensfreude durch uns fließen – und das merken die Mitmenschen.

Verhaltensforscher*innen vermuten darüber hinaus, dass das Lachen – wie das Weinen und das Schreien – eine archaische Form der Kommunikation ist. Innerhalb der eigenen Bezugsgruppe signalisiere das Lachen lustvolle Spannungslösung. Es trete ein, wenn gemeinsame Aufgabe erfolgreich bewältigt oder eine Gefahr gemeinsam abgewehrt wurde. 

Lachen als Heilung?

Aber was genau passiert in unserem Gehirn, wenn wir Lachen? „Beim Lachen sind mehrere Hirnregionen beteiligt, die wie ein Schaltkreis funktionieren. Wird eine dieser Komponenten aktiviert, werden andere Komponenten mitaktiviert, erklärt Titze. Im Stirnlappen und Hinterhauptlappen sind Gebiete aktiv, die für das Verstehen von Wörtern, Metaphern und der Pointe zuständig sind. Für die emotionale Verarbeitung ist der sogenannte Mandelkern zuständig. Dieser löst dann ein Gefühl der Erheiterung aus. Im Hirnstamm wird anschließend das Lachen angestoßen, indem Gesichtsmuskeln und Stimmbänder aktiviert werden – also die motorische Komponente, das eigentliche Lachen.

Im Gesicht werden dabei 18 Muskeln in Bewegung gesetzt, das Zwerchfell vibriert und massiert Leber, Galle, Milz. Der Magen-Darm-Bereich wird kräftig durchgeknetet, die Verdauung dadurch gefördert, die Lunge durchlüftet, im Gehirn reichert sich Sauerstoff an, der Puls wird beschleunigt, der Kreislauf angekurbelt, die Haut besser durchblutet. Weil das alles bei jedem Menschen gleich abläuft, erkenne übrigens auch jeder Mensch instinktiv, ob das Lachen des Gegenübers echt ist, sagt Titze.

Ob Lachen dadurch aber wirklich „gesund“ macht? Klar ist: Eine heitere Grundstimmung wirkt sich auf weitere Fähigkeiten des Menschen aus:

  • Optimistische Grundeinstellung.
  • Resilienz (die „psychische Robustheit“).
  • Die Fähigkeit, alltägliche Ereignisse aus einer unkonventionellen und witzigen Perspektive wahrzunehmen.
  • Die Aktivierung physischer Ressourcen (körpereigenen Immunabwehr, entzündungs- und stresshemmende Hormone, Endorphine).

Humor und Lachen beeinflussen die momentane und womöglich auch künftige Stimmung positiv. Das zeigt eine Studie von 2012. Sechs Patienten*innen mit schweren Depressionen nahmen an einem „Humortraining“ teil, in dem sie lernen sollten, wie sie besser mit Humor umgehen. Nach acht Wochen Training wurden kurzfristige Stimmungsverbesserungen festgestellt und die Patienten*innen fühlten sich besser in der Lage, Humor als Bewältigungsstrategie für Lebensprobleme zu nutzen. 

Bei jenen Personen, die das Humortraining absolviert hatten, wurde die schlechte Laune im Alltag seltener, ihre Heiterkeit nahm zu. Und das, wie der Forscher Willibald Ruch beschreibt, nicht nur nach Einschätzung der Versuchspersonen selbst – sondern auch in der Einschätzung durch Menschen aus ihrer Umgebung, die ebenfalls befragt wurden. Und: Die neu gewonnene Heiterkeit hielt auch zwei Monate später bei einer neuerlichen Befragung noch an. Das Training bewirkte nicht nur eine Veränderung der Persönlichkeit, sondern auch eine Veränderung der Lebenszufriedenheit. 

Lachen macht also vielleicht nicht gesund, aber immerhin zufrieden. Deswegen:

Geht eine schwangere Frau in eine Bäckerei und sagt: „Ich krieg ein Brot.“ Darauf der Bäcker: „Sachen gibt’s!“