Was ich in der Messenger-App „Jodel“ über Studenten gelernt habe

Auf jedem Campus wird gejodelt. Studenten tauschen sich über die anonyme Messenger-App aus. Seit zwei Monaten nutze ich die App jetzt schon, über 100 Posts habe ich geschrieben. In der Zeit habe ich viel über die Menschen bei Jodel gelernt.

Screenshot Jodel

Screenshot Jodel

Jodel boomt. In der vergangenen Woche knackte der anonyme Messenger die Marke von einer Million Downloads. Der Großteil der Jodel­-Community besteht aus Studenten Mitte 20. Das bestätigte ein Jodel­-Mitarbeiter gegenüber ze.tt.

Die App ist sehr einfach zu verstehen und zu bedienen: Mit Jodel kann man anonyme Postings verfassen, die im Umkreis von 10 Kilometern gelesen werden können. Interessante, witzige und geistreiche Jodel – so werden die einzelnen Postings genannt – können die anderen User mit Upvotes belohnen. Dafür erhält der User Karma­-Punkte. Je beliebter ein Jodel also, desto mehr Karma gibt’s dafür.

Im September habe ich mir die App heruntergeladen, um zu lernen was die Jodler eigentlich so bewegt. Das sind meine Erkenntnisse aus der Zeit:

1. Jodel­-Nutzer sind ganz normale Studenten

Es steht für sich, dass die Macher mit dem Slogan „Der anonyme Campus-­Talk“ werben. Denn so sehen auch die Jodel­-Sprüche aus: Vorlesungen, Campus­-Gossip, Party­-Themen –­ was auf Jodel steht, könnte man genauso gut in der Mensa hören. Populär sind Berichte von Party­-Erlebnissen und Running­-Gags, die nur Studenten einer Uni verstehen: In Köln wurde zum Beispiel der fiktive Charakter „Sebastian (19), Ersti“ erfunden. Zum Beginn des Wintersemesters wurden klassische Sprüche von etwas naiven Erstsemestern immer mit Sebastians Namen versehen.

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2. Große Diskussionen finden bei Jodel selten statt

Auf Jodel bleiben die tiefgründigeren Diskussionen Mangelware. Stattdessen dominiert das sogenannte „Karma­-Farmen“,­ also der Versuch, mit griffigen Sprüchen viel Zustimmung einzuheimsen. Das ist aber auf anderen Social-Media-Plattformen kaum anders: auch auf Facebook, Twitter oder Instagram schreiben die Nutzer im Verhältnis wenig Substanzielles. Ein Großteil ist schlicht damit beschäftigt, im öffentlichen Raum Zustimmung zu sammeln. Ernsthaftere Gespräche führt man wohl lieber privat mit seinen Freunden, wo keine Fremden mitlesen können.

3. Manche Jodler nutzen die Anonymität aus

Die Anonymität bei Jodel hat ihre Vorteile: im Bewerbungsgespräch wird man sicher nicht auf Sprüche angesprochen, die man bei Jodel gepostet hat. Dadurch kann man auch Dinge schreiben, bei denen man selbst vielleicht nicht so gut wegkommt.

Dennoch: Einige User nutzen die Anonymität auch aus, um sexistische Sprüche zu bringen oder andere zu mobben. Schließlich weiß ja keiner, wer da gerade schreibt. An der Universität Göttingen wurde im Juli sogar eine Dozentin über Jodel sexuell belästigt. „Wer es schafft, die flachzulegen, bekommt den Bachelor geschenkt“ und „Das geile Stück würde ich auch mal vögeln“ schrieben Studenten damals. Die beteiligten Nutzer wurden daraufhin von den Machern gesperrt.

4. Trotz Anonymität: Geständnisse vertrauen nur wenige dem Netz an

Als Beichtstuhl nutzen nur wenige Jodler die App. Geständnisse finden sich kaum, dafür gibt es schließlich auch andere Apps wie zum Beispiel Secret. Doch auch Geständnisse-­Apps wie “Secret” konnten bisher keine großen Mainstream­-Erfolge erzielen. Social Media wird von den meisten eben doch vor allem dafür genutzt, ihre besten Eigenschaften der Welt zu präsentieren ­ – Geheimnisse bleiben privat oder werden nur über Chat mit Freunden geteilt.

5. Streber sind bei Jodel nicht erwünscht

Alle ärgern sich über ihr Uni­-Leben: Blöde Dozenten, nervige Kommilitonen – und in der Mensa schmeckt’s auch nicht! Offenbar scheint kein Jodler sein Uni­-Leben zu genießen, kein Jodler sitzt in interessanten Vorlesungen und hat coole Kommilitonen. Das kann man aber auch anders interpretieren: für die Jodler ­und vielleicht auch die Menschen Mitte 20 im Allgemeinen­ ist es einfach uncool, sein Uni­-Leben zu genießen – oder zumindest es zuzugeben. Oder wie oft habt ihr schon einen Jodel oder Tweet gesehen, in dem steht, wie interessant die letzte Vorlesung war?

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6. Unterhaltung ist wichtiger als Copyright

Der Großteil der Jodel­-User scheint nur wenig Wert darauf zu legen, ob ein Jodel­-Spruch tatsächlich neu ist oder nur geklaut wurde. Die Reposts, also Postings, die einen früheren erfolgreichen Jodel kopiert haben und versuchen mit derselben Idee Karma-­Punkte zu sammeln, ­ sind sehr beliebt. Häufig werden die Sprüche auch aus anderen Social Networks geklaut: Besonders beliebt ist Twitter als Inspirationsplattform. Auch wenn ein anderer User darauf hinweist, dass ein Jodel abgeschrieben wurde und eigentlich von jemand anderem stammt: mit kopierten Ideen kann man auf Jodel viel Karma verdienen. Auch diese Tatsache ist nicht neu in sozialen Netzwerken: So gibt es beispielsweise viele extrem populäre Facebook­-Seiten, die ihren Erfolg ausschließlich kopiertem Material zu verdanken haben.

Wer Jodel schreibt, will Karma sammeln:

Mehr als 100 Jodel habe ich bereits geschrieben und dabei fast 60.000 Karma-­Punkte gesammelt. Mittlerweile weiß ich relativ genau, mit was für Inhalten man am meisten Karma sammelt – und was einen guten Jodel ausmacht.

Tipp 1: Seid originell!
Die wirklich erfolgreichen Jodel sind meist die originellsten Einfälle. Verschwendet eure Zeit also lieber erst gar nicht damit, alte Sprüche zu kopieren, und denkt euch lieber eigene aus. Macht mehr Spaß, und bringt mehr Karma­-Punkte!

Tipp 2: Schreibt eure Jodel­-Sprüche wie eure Hausarbeiten!
Niemand will einen Text voller Rechtschreibfehler lesen –­ das gilt auch für Jodel! Vertipper stören, sie vermitteln den Eindruck, dass sich der Autor keine Gedanken über seinen Text gemacht hat. So ein Verhalten wird kaum ein Jodel­-User mit Upvotes belohnen.

Tipp 3: Schreibt über die kleinen Momente im Leben!
Was auf Jodel gut funktioniert, sind vor allem kleine pointierte Beobachtungen aus dem Alltag: also Momente, die jeder kennt. Zum Beispiel: Wir alle saßen in der Bahn schon mal neben jemandem, der komisch riecht. Kleine Momente, wie dieser sind perfekt für Jodel.

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Tipp 4: Schreib Nettes, dann kriegst du Nettes!
Schöne, positive Geschichten oder Komplimente funktionieren auch bei der ironielastigen Plattform Jodel.

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Tipp 5: Schreib über deine Schwächen!
Jeder kann über andere lästern, aber nicht alle können über sich selbst spotten. Wenn du eine dicke Portion Selbstironie (oder überhaupt keine Scham) hast, dann ist Jodel für dich die richtige App. Am Anfang musste ich mich echt überwinden, aber dann sind doch die meisten meiner „Fails“ auf Jodel gelandet –­ wie dieser Moment, als ich am liebsten im Boden versinken wollte:

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Tipp 6: Merkwürdige Gedanken sind perfekt für Jodel!
Jodel­-User lieben das Bizarre. Schreib also über die merkwürdigsten Gedanken, die ihr so habt. Wie ich über meinen kleinen Unterwäsche­-Fetisch:

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Tipp 7: Die Pointe kommt zum Schluss.
Eine uralte Regel für alle Stand­up-Comedians, die auch für Jodler sehr wichtig ist: Schreib die Pointe an den Schluss.

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Tipp 8: Schreib, was dich zum Lachen bringt!
Jodeln ist keine Wissenschaft! Schreib, was du lustig findest und versuch nicht, es der anonymen Masse möglichst recht zu machen. Denn am Ende des Tages funktioniert Jodel wie jede andere Social-Media-­Plattform: Je ehrlicher und authentischer du aus deinem Leben berichtest, desto mehr positives Feedback gibt es.