„Was ich dir noch sagen wollte …“: Diese Briefe wurden nie verschickt

Eine 15-jährige Buchautorin sammelt Briefe, die ihren Adressaten nie erreicht haben.

Ganz Oldschool: Briefe schreiben tut gut. Foto: pixabay/WerbeFabrik

„Hast du schon einmal jemandem einen Brief geschrieben und von Anfang an gewusst, dass du ihn nie abschicken würdest? Falls ja, dann bist du damit nicht allein.“

Mit diesen Sätzen leitet die 15-jährige Autorin Emily Thrunko ihr Buch Ich wollte nur, dass du noch weißt ein. Sie selbst hat auch lange Zeit Briefe geschrieben, die sie nie abschickte – an ihre Eltern, Lehrer*innen und Menschen, in die sie heimlich verliebt war.

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Sie brachte ihre Gedanken und Gefühle zu Papier, ohne die Absicht zu haben, sie jemals loszuschicken. Nach einer Weile fragte sich die junge US-Amerikanerin allerdings, ob auch andere Menschen Texte schrieben, die nie bei ihren Adressaten ankommen sollten. „Also kreierte ich den Blog Dear My Blank und schickte ihn herum“, sagt sie BuzzFeed. Ihre Idee stieß sofort auf Zuspruch, schon in der ersten Woche erhielt Emily circa 300 Zuschriften.

Seitdem veröffentlicht sie regelmäßig anonymisierte Briefe ohne Adressaten. „Ich versuche, alle Nachrichten zu veröffentlichen, die ich bekomme. Bisher hat das ganz gut funktioniert“, sagt Emily.

http://dearmyblank.tumblr.com/post/119378449999

Es sind Geschichten über Liebe, Freundschaft und Krankheit, die Emily regelmäßig auf dem Blog Dear my Blank veröffentlicht und nun in einem Buch gesammelt hat. Was die meisten dieser Einsendungen verbindet: Verlust. Der Verlust eines*r Vertrauten, eines*r Partner*in oder von Familienmitgliedern.

Dass Emily so viele Einsendungen erhält, ist leicht nachvollziehbar. Sich die verhedderten Emotionen, das Durcheinander im Kopf einfach von der Seele zu schreiben, kann erlösend wirken. Wie eine therapeutische Maßnahme ohne professionelle Anleitung oder Bedingungen. Man braucht gar nicht viel dazu: Zeit, Papier und einen Stift. Es gibt keine*n, die*der einen für die Gedanken und Gefühle verurteilt oder gar einen falschen Rat gibt. Und im besten Falle hilft es, den Knoten im Kopf zu lösen.

http://dearmyblank.tumblr.com/post/159757164935/k-you-said-youd-always-be-there-for-me

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http://dearmyblank.tumblr.com/post/159754121371/dear-fairy-princess-i-wish-you-were-still

Auch die Liebe spielt eine große Rolle in den unabgeschickten Briefen. „Ich denke, dass Liebe die stärkste Emotion ist, die es gibt“, sagt Emily. „Es macht also Sinn, dass so viele Menschen darüber schreiben wollen.“ Unerwiderte Liebe sei erst recht frustrierend und löse eine Menge von Emotionen aus.

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http://dearmyblank.tumblr.com/post/159746654679/m-i-am-afraid-i-will-get-hurt-accidentally

Auch Wut lässt sich gut mit Papier und Stift verarbeiten. Eine Studie zeigt, dass Menschen, die sich Ungerechtigkeiten erfahren, schnell aggressiv werden und ihre Wut an den Falschen ablassen. Proband*innen, die im Versuch ihre Emotionen aufschrieben, handelten später weniger aggressiv. „Sind die heftigsten Emotionen abgeklungen, setzt bei den Betroffenen meist eine vernunftorientierte Neubewertung der Situation ein“, erklärt der Studienleiter Bernd Weber.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wer seine Gefühle auch mit der Öffentlichkeit teilen möchte, kann Emily über den Blog Nachrichten zuschicken. „Man fühlt sich direkt ein bisschen weniger alleingelassen mit seinen Gedanken“, sagt Emily.

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Auch den Lesenden können die Texte gut tun. Die veröffentlichten Botschaften geben die Chance, sich mit den Gedanken und Sorgen anderer zu identifizieren und zu begreifen, dass es anderen vielleicht ähnlich geht.

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