Was ich gelernt habe, als ich zwei Wochen auf Smalltalk verzichtete

Unsere Autorin lebt in den USA, tief im Smalltalk-Country. Dort probierte sie aus, was passiert, wenn sie plötzlich ganz ehrlich auf How are you? antwortet – oder die Frage einfach ignoriert.

Der Smalltalk erwartet uns überall. © Stocksnap / Rawpixel.com

Hey, how are you?“ – „I’m good, how are you?“ – „Good, thanks.‟

Um in den USA in verschiedenen Gesprächssituationen zurecht zu kommen, reicht es aus, diesen kleinen Dialog auswendig zulernen. Sobald es nämlich zu einer Gesprächssituation kommt, wird direkt das gegenseitige Wohlbefinden abgefragt – und zwar vollkommen automatisiert. Smalltalk führen wir in Deutschland auch. Er leitet schnell ins Gespräch, überbrückt Wartezeiten oder ist schlicht die vermeintlich angemessene Kommunikationsebene. Meine Freund*innen behaupten, ich sei ziemlich gut im Smalltalken. Allerdings finde ich, dass man zwischen funktionalem und sinnlosem Smalltalk unterscheiden sollte.

Die Antwort im obigen Dialog lautet fast immer: gut. Das wird als höflich und freundlich empfunden. Ich finde es ganz im Gegenteil unfreundlich und aufgesetzt. Mein Gegenüber erwartet keine ehrliche Antwort. Es erwartet vermutlich gar keine Antwort. Aber bei aller Oberflächlichkeit ist die Frage dennoch sehr persönlich.

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Wenn ich im Supermarkt Verkäufer*innen anspreche, um den Gang mit dem Müsli zu finden, ist die Frage nach meinem Gemütszustand ziemlich intim – und darüber hinaus irreführend. Es kostet Zeit, dieses Rollenspiel aufzuführen. Und ich fühle mich entweder genötigt mein Gegenüber anzulügen – sei es aus Zeitmangel oder weil mir die Wahrheit unangenehm ist–, oder ich könnte ehrlich antworten und würde ein unausgesprochene Regel brechen. Schließlich handelt es sich doch nur um Smalltalk. Also testete ich zwei Wochen lang, was passiert, wenn ich entweder total ehrlich antworte oder gar nicht.

Probieren geht über studieren

Tag eins des Experiments startet in meiner WG-Küche. Ich hole nach der obligatorischen Wie-geht’s-Frage ordentlich aus, um meiner Mitbewohnerin zu erklären, warum ich müde bin, was mich wachgehalten hat und woran ich gerade arbeite. Sie nimmt sich Zeit, hört zu und grummelt verständnisvoll. Nachfragen tut sie nicht. Auf meine Frage, wie es ihr geht, antwortet sie schlicht mit: gut.

Im Supermarkt das gleiche Spiel: Ich gebe einen kleinen Rundumschlag meiner Tagesverfassung und blicke dabei in ein gekonnt mitleidig-verständnisvolles Gesicht. Die Antwort der Verkäuferin: „Oh honey, I feel you.“ Ich lächele daraufhin ermutigt und erkundige mich, wie es ihr geht. „I am fine.“ Ich komme mir dämlich vor und schiebe noch schnell die eigentliche Frage nach den Sonnenblumenkernen nach.

Bis zum Abend habe ich sechs verschiedenen Menschen von meinem Tag erzählt, und zwar kein einziges Mal ungefragt. Eine ausführliche und echte Antwort habe ich auf meine Nachfragen nicht bekommen. Das Spiel setzt sich die nächsten Tage fort. Zwar bekomme ich noch immer keine ausführlichen Antworten zurück, fühle mich selbst aber sehr beschwingt. Genauso leicht wie die zuvor einstudierte Antwort „gut“ geht mir mittlerweile eine kurze, ehrliche Antwort von den Lippen.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Da Ehrlichkeit aber offenbar keine Auswirkungen auf den Smalltalk hat, dachte ich mir, ich versuche es mal anders. Die zweite Woche beginnt also mit Ignoranz. Das fällt mir deutlich schwerer als die intime Ehrlichkeit zu Fremden aus Woche eins, denn ich werde schließlich etwas gefragt. Auf die routinierte Frage im Supermarkt antworte ich nur mit einem reservierten Lächeln und frage nach einem Produkt. Der Verkäufer zögert nicht einmal. Er beantwortet einfach meine Frage.

Es überrascht mich, aber das könnte an der Fragemelodie liegen, die genauso auswendig gelernt ist wie die Worte selbst. Das Spiel wiederholt sich. Einzig Freund*innen zögern manchmal, wenn ich ihre Frage einfach überhöre. Ich versuche, freundlich zu lächeln. Kein einziges Mal fragt jemand tatsächlich nach. Dennoch fühle ich mich nach dieser Woche schlecht, vor allem weil ich es unhöflich finde, nicht zu antworten.

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Was bleibt nach den zwei Wochen hängen? Ich bin zumindest beeindruckt von der Varianz mitfühlender Gesichtsausdrücke, auf die Menschen offenbar zugreifen können. Mit diesem kleinen Experiment, meinen Mitmenschen nur das zu erzählen, wonach sie gefragt haben und dass sie dennoch nicht hören wollten, habe ich gelernt, wie trainiert wir im Umgang mit unangenehmen Situationen sind. Es war den meisten meiner Gesprächspartner*innen nämlich ganz offensichtlich unangenehm. Und das, obwohl ich lediglich geantwortet habe – oder eben auch nicht.

Wenn ich nach meinem Wohlbefinden gefragt werde, möchte ich ehrlich antworten können. Ich finde es noch immer nicht zu viel verlangt, eine authentische Reaktion zu bekommen. Das aufgesetzte Höflichkeits-Stakkato möchte ich weiterhin nicht mit Freundlichkeit gleichsetzen. Und auch wenn Smalltalk sicherlich wichtige Aufgaben unserer alltäglichen Kommunikation erfüllt, würde eine unverblümte Antwort uns doch nicht verletzen.

So viel Ehrlichkeit könnten wir uns doch zumuten.