Was ich in einem Wutworkshop für Frauen gelernt habe

Endlich wütend sein dürfen: Ein Workshop soll Frauen helfen, zu ihrer Wut zu stehen. Unsere Autorin hat ihn getestet.

Raus mit der Wut – aber wie? © ruewi / photocase.de

Es ist Samstag, 11 Uhr morgens in Berlin-Weißensee. Während draußen Menschen zum Bäcker oder zur Drogerie schlendern, schreie ich mir mit acht anderen Frauen die Wut aus dem Leib.

Draußen kündigen zarte Sonnenstrahlen den Frühling an. Wir prügeln auf Kissen ein, brüllen und kreischen. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend. Das Zimmer ist abgedunkelt, die Fenster schalldicht. Die drei Leiterinnen gehen ruhig durch den Raum, leiten an, ermutigen uns, doller draufzuhauen.

Eine Stunde vorher, 10 Uhr: Im Kissenkreis sitzen elf fremde Frauen und stellen sich einander freundlich vor. Drei von ihnen leiten den Kurs: Jana, Alina und Steffi. Sie sprechen mit sanfter, aber bestimmter Stimme. Sie wirken wie gute Freundinnen: herzlich, aufgeschlossen und weich.

Bevor wir auf die Kissen einschlagen, sollen wir ein Wort aufschreiben, das wir mit Wut verbinden. Eine Frau hält ihren Zettel hoch: „Maß“ steht dort geschrieben. Sie erzählt, dass sie ihre Wut spüre und auch kein Problem habe, sie auszudrücken. Nur das Maß falle ihr schwer. Darf sie rumschreien oder ist das zu viel? Sie ist gekommen, um die richtige Dosierung zu finden. Eine andere erzählt, dass vor allem die Männer in ihrer Familie wütend gewesen seien. Und je lauter diese stritten, desto leiser wurde sie. Sie sucht nach mehr Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit in Konflikten. Eine andere sagt einfach nur „Exmann“ und kann kaum erklären, warum sie das aufgeschrieben hat, weil die Emotionen ihr den Hals zuschnüren.

Die Wut der anderen

Ich selbst habe kein Problem damit, Wut auszudrücken, aber ich bin impulsiv und werde schnell laut. Und ich schäme mich im Nachhinein oft dafür. Ich besuche das Seminar, weil ich meine Wut besser verstehen will, aber auch, weil ich es gut finde, dass Frauen hier eine Möglichkeit dafür geboten wird.

Wie kann Frau konstruktiv mit ihrer Wut umgehen? Das herauszufinden, lassen sich die Teilnehmerinnen richtig was kosten: 108 Euro bezahlen sie für neun Stunden Mut zur Wut. Dass sie dabei von drei Frauen begleitet werden, wird sich im Laufe des Tages als sehr notwendig herausstellen.

Die Übung mit den Kissen ist für mich die intensivste des Kurses. Indem wir auf Kissen einschlagen, sollen wir lernen, die körperliche Kraft hinter unserer Wut zu spüren und sie rauszulassen. Und vor allem: sie an einem Kissen rauszulassen und nicht an einem Menschen.

Während wir schlagen, treten und schreien, wird es richtig laut. Viele Frauen weinen oder brüllen, manche legen sich erschöpft auf den Boden. Die Gefühle hinter der Wut kommen zum Vorschein: Schmerz, Angst und Kränkung. Immer wieder betonen die Leiterinnen: „Alles, was hoch kommt, darf sein.“ Ich frage mich, ob es gut ist, Gefühle auf diese Art hervorzuholen.

Die eigene Wut spüren – und verstehen

Ich befrage den Psychiater Jan Kalbitzer. Er ist zwiegespalten: „Ich glaube, dass diese Idee des Kathartischen, dass man ganz tief rein gehen muss und sich dann von etwas erlöst, überbewertet ist. Ich glaube, man kann das ruhiger analysieren.“ Sich mit der eigenen Wut zu beschäftigen und einen konstruktiven Umgang zu finden, unterstützt er aber: „Es ist wichtig, solchen Gefühlen Raum zu lassen und die auszuhalten. Das macht einen unabhängiger von der Umwelt“, sagt er. Es sei aber wichtig dass „diejenigen, die das anbieten, starke Emotionen wirklich aushalten und jemanden halten können“, sagt er. 

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Die Leiterinnen Jana, Alina und Steffi halten aus. Sie loben die Frauen oft und signalisieren immer wieder, dass alle Gefühle sein dürfen. Sie appellieren aber auch an die eigene Verantwortung und betonen, dass jede Frau „gut für sich sorgen soll“. Wer nicht tief in sich gehen will, muss nicht. Wer es nicht aushält, darf gehen.

Die Übung, die danach folgt, ist ruhiger und sagt mir mehr zu: Je zwei Frauen sollen sich immer wieder die gleichen vier Fragen stellen. Mir gegenüber sitzt eine herzliche Rentnerin, die sich ihr Leben lang um andere als sich selbst gekümmert hat.

„Was will deine Wut von dir?“ frage ich.
„Mir zeigen, dass sich etwas verändern muss.“
„Wer muss das wissen?“
„Ich.“

Wieder und wieder stelle ich die erste Frage. Jedes Mal überlegt sie länger, doch immer wieder kommen neue Erkenntnisse. Was sich hinter ihrer Wut verbirgt, legen wir im Zwiebelschalenprinzip Schicht für Schicht frei. Am Ende ist klar: Ihre Wut will ihr zeigen, dass sie sich lange übergangen hat und dass sich etwas ändern muss. Es ist eine ruhige, aber intime Übung. Am Ende bedanken wir uns mit einer Umarmung.

Weibliche Wut ist zu oft unsichtbar

Alle Frauen in diesem Workshop wirken offen, klug und redegewandt. Ich frage mich: Was führt sie in so ein Seminar und warum gibt es ein solches überhaupt? Wut ist eine der sechs menschlichen Basisemotionen. Sie setzt Energien frei und löst Anspannung und Ängste. Sie setzt Grenzen und schafft Distanz. Und sie hat immer einen Grund.

Aber sie hat einen schlechten Ruf in der Gesellschaft. In der Bibel wird Wut als eine der sieben Todsünden verurteilt. Wer wütend wird, gilt als unkontrolliert. Ein Problem mit Wut tritt vor allem dann auf, wenn sie nicht sein darf. Wenn sie von anderen verurteilt wird, weil sie nicht angebracht scheint. Oder bestraft wird. Und wenn ein Mensch sie daraufhin verdrängt und sie sich innerlich anstaut. Besonders Frauen wird das Gefühl in unserer Gesellschaft oft abgesprochen. „In der Praxis treffe ich immer wieder auf Frauen, die sich dieses Gefühl verbieten. Weil sie das gelernt haben. Bei Männern wird überschäumende Wut stärker toleriert und normalisiert„, sagt Nina Romanczuk-Seiferth, leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin.

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Das Theaterstück GRRRRRL, das im September in Berlin aufgeführt wurde, beschäftigte sich damit, wie Frauen wütend sein können. Das Stück war eine „Hommage an das Unangepasste, das Hässliche, das Laute, die Grenzüberschreitung“, schrieb eine Rezensentin im Missy Magazine. Auf der Bühne schrien und brüllten die Darstellerinnen stellvertretend gegen das Patriarchat und die Ungerechtigkeit, die Frauen angetan wird. Sie zogen Grimassen, gaben sich bewusst hässlich und zeigten, wie stark und doch ungewohnt rebellierende Frauen sind. Die Message: Frauen, traut euch und seid wütend.

Auch im Workshop von Jana, Alina und Steffi geht es ums Trauen und Erlauben. Sie wollen zeigen, wie befreiend es sein kann, wenn Frau ihre Wut zulässt. Vor allem aber: Wie wichtig es ist, einen konstruktiven Umgang zu finden. Sie möchten den Frauen helfen, die Wut bewusst zu spüren, um dann entscheiden zu können, wie sie damit umgehen wollen. Mehrmals sprechen sie über die hinduistische Göttin Kali, die für Wut und Zerstörung, aber auch für Veränderung steht. In der Mythologie kämpft sie gegen Ungerechtigkeit und negative Kräfte. Und sorgt dadurch für die Erlösung und Transformation des Menschen.

Wut schlaucht – und befreit

Nach neun Stunden Workshop, nach weiteren Körperübungen, Fragerunden und Meditationen, sind alle müde, aber auch befreit und mit sich im Reinen. Zum Ende kommen alle Frauen wieder im Kissenkreis zusammen. Wir loben und bestärken einander. Bevor wir nach Hause fahren, sollen wir aufschreiben, welches Wort wir nun mit Wut verbinden. Die Frau, die zuvor „Maß“ schrieb, meint nun: „Raus!“. Also doch keine Dosierung, sondern zu den eigenen Gefühlen stehen.

Als wir uns verabschieden, bieten Jana, Alina und Steffi an, dass wir uns im Anschluss melden können, falls noch etwas hochkommt. Obwohl wir einander zu Beginn des Tages fremd waren, fühle ich mich mit diesen Frauen am Ende verbunden – auch wenn wir uns vielleicht nie wiedersehen werden.

Auf dem Weg nach Hause frage ich mich, was mir dieser Kurs gebracht hat und was ich von ihm halte. An meiner Impulsivität werde ich wohl nichts ändern können. Aber ich habe verstanden: Wenn ich die Wut erst einmal körperlich zulasse, indem ich beispielsweise auf ein Kissen schlage, muss ich mich nicht gedanklich in Ausreden oder Vorwürfen verstricken. Wenn ich einen klaren Kopf behalte, kann ich das verdeckte Gefühl hinter der Wut entdecken. Und dieses dann vielleicht klar formulieren, ohne Geschrei und Gebrüll. Zudem habe ich verstanden, dass meine Scham nicht ein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist.

Mit der Aggression – oder vielmehr dem Schmerz – der anderen Frauen konfrontiert zu werden, hat mich teils auch überfordert. In einigen Übungen war ich so überwältigt, dass ich meine eigene Wut nicht spüren konnte. Zudem erfordert es Mut, so frei über seine Gefühle zu sprechen und sie auszuleben. Wer dafür offen ist, wird mit einer einzigartigen, aber auch intensiven Erfahrung belohnt. So ein Workshop ist keine Lösung für die systematische Kleinhaltung von Frauen – aber ein guter Anfang, sie darin zu bestärken, zu sich und ihrer Wut zu stehen.


Workshops zum Gefühl Wut gibt es nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Städten Deutschlands.

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